Rede Ursula Helmhold: Maßnahmen bündeln und stärken im Kampf gegen antibiotikaresistente Keime
Anrede,
ins Krankenhaus geht man eigentlich, um gesund zu werden. Aber in Deutschland infizieren sich jährlich etwa 600.000 Menschen mit Krankenhauskeimen, bis zu 40.000 Menschen sterben daran. Zum Vergleich: Im Jahr 2009 gab es 4152 Verkehrstote.
Die Infektionen werden über unsaubere Instrumente verbreitet, sehr viel häufiger jedoch über die Hände des ärztlichen und nicht-ärztlichen Personals. Helfen würde hier konsequente Händehygiene. Dafür fehlt im Klinikalltag jedoch oft einfach die Zeit. Seit 1996 wurden in Deutschland allein 50.000 Stellen in der Pflege abgebaut. In keinem anderen Industrieland ist die Pflegekraft-Patienten-Relation so ungünstig wie hier. Und so helfen nicht mehr Vorschriften und Regeln – hier hilft nur eine bessere Patientenversorgung.
Gleichwohl wäre es angezeigt, dass das Land Niedersachsen eine einschlägige Verordnung zur pflichtigen Installation von Hygienebauftragten in den Krankenhäusern hätte. Und noch besser wäre es, wenn die Länder sich auf einheitliche Hygieneregeln einigen würden. Ein Krankenhaus ohne Hygieniker dürfte es gar nicht geben.
Anrede,
das Problem wird verschärft durch den Vormarsch multiresistenter Keime. Ursache ist eine viel zu lasche Verschreibungspraxis bei Antibiotika. In Deutschland wurden 2009 insgesamt 40,6 Millionen Antibiotika-Verordnungen im Gegenwert von knapp 760 Millionen Euro verschrieben.
Im Schnitt hat jeder gesetzlich Krankenversicherte über einen Zeitraum von 5,2 Tagen eine Antibiotika-Therapie erhalten. Studien zeigen, dass bei Erkältungen in 80 Prozent der Fälle Antibiotika verschrieben werden, obwohl Bronchitis oder Rachenentzündungen zu mehr als 80 Prozent durch Viren verursacht werden, gegen die Antibiotika gar nicht helfen.
Und noch schlimmer ist: Fast jedes zweite Antibiotikum, das in Deutschland verordnet wird, ist ein Reserve-Antibiotikum, das nur verordnet werden soll, wenn andere nicht mehr helfen. Hier tickt eine Zeitbombe!
In den Niederlanden gelten Patienten aus Deutschland inzwischen als Risikopatienten und werden in Krankenhäusern grundsätzlich zunächst isoliert.
Denn durch konsequente Maßnahmen haben unsere Nachbarn den Anteil multiresistenter Stämme unter den Staphylokokken auf 3 Prozent gesenkt, in Deutschland liegt er bei 25 Prozent.
Nur fünf Prozent der deutschen Kliniken haben einen Hygienearzt – mit sinkender Tendenz. Auch deshalb kommen grundlegendste Hygienekenntnisse in den Kliniken nicht an. In den Niederlanden hingegen hat jede Klinik einen Hygienefacharzt, es gibt ein Screening aller zur Aufnahme kommenden Patienten, die konsequente Isolierung von Verdachtspatienten und die Abstimmung jeder Antibiotika-Behandlung mit einem Mikrobiologen.
Bereits früher ist man in den Niederlanden auch auf MRSA in der Massentierhaltung gestoßen. Es hat sich dort gezeigt, dass in Betrieben, in denen Schweine routinemäßig mit Antibiotika behandelt wurden, 60 Prozent der Schweine mit MRSA infiziert waren. In Betrieben, in denen die Schweine nicht routinemäßig Antibiotika erhielten, waren nur 5 Prozent mit MRSA infiziert. Die massenhafte Behandlung von Masttieren in Großbeständen mit Antibiotika ist menschengefährdend weil sie die Keimresistenzen erhöht!
Anrede,
es gibt in der gesamten Republik nur noch acht Lehrstühle für Hygiene. Die Medizinische Hochschule Hannover hat nach dem Abgang von Frau Professor Gastmeier keinen neuen mehr ausgelobt, an der Universität Göttingen ist der Lehrstuhl mit der Emeritierung des Inhabers ebenfalls gestrichen worden. Kommen wir so mit der dringend notwendigen Ausbildung der StudentInnen in Fragen der Hygiene weiter? Wohl kaum! Das ist ein Armutszeugnis für die Medizinerausbildung in unserem Bundesland!