Rede Thomas Schremmer: Sicherstellung und Weiterentwicklung der qualifizierten Angebote für taubblinde und hörsehbehinderte Menschen in Niedersachsen
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- Es gilt das gesprochene Wort -
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Wir begrüßen, dass es bei diesem wichtigen Thema nun doch ein gemeinsamer Antrag geworden ist. Das unterstreicht den gemeinsamen Willen, die UN-Behindertenrechtskonvention auch für taub-blinde Menschen zur Anwendung zu bringen, wo-bei die Kollegin Bruns mir eben im Gespräch gesagt hat: Wozu brauchen wir das eigentlich? Wir müssten das eigentlich selbst wissen.
Neben der Anerkennung des Merkmals „Taubblindheit“ geht es an dieser Stelle eindeutig um den Alltag der taubblinden Menschen. Ich frage mich im Übrigen, wieso es noch nicht eingeführt ist; denn die Rente mit 63 wird mal eben mit Schlotter-di-Hopps eingeführt; aber so ein Merkzeichen einzuführen, dauert aus irgendwelchen Gründen zehn Jahre. Ich verstehe überhaupt nicht, dass die Große Koalition das noch nicht geschafft hat.
Viele Taubblinde leben zurückgezogen, abseits vom gesellschaftlichen Leben. Auch in den vertrauten vier Wänden gibt es immer wieder Herausforderungen, die für uns keine sind, z. B. gefahrlos zu prüfen, ob das Wasser kocht, zu prüfen, ob das Licht angelassen wurde, wenn jemand an der Tür klingelt, wenn jemand anruft, welche Farbe die Kleidung hat usw. usf. Die meisten Menschen bleiben daher bei ihren Familien wohnen, solange es geht, oder schlagen sich durch. Das ist aus unserer gemeinsamen Sicht sicherlich kein Zustand, der menschenwürdiges Leben und Teilhabe ermöglicht.
Insofern finden sie echte Teilhabe durch die Taubblindenassistentinnen und -assistenten. Wir versuchen, mit diesem gemeinsamen Antrag auch die Professionalisierung dieses Berufsstandes bzw. dieser Unterstützung durch mehr Aus- und Weiter-bildung voranzutreiben. Aber man muss auch ganz klar sagen: Das Leihen von Ohren und Augen der Taubblindenassistentinnen und -assistenten kostet natürlich Geld. Von der Ausübung dieses Berufs kann man nicht leben. Deshalb ist es sicherlich außerordentlich wichtig, dass die Finanzierung dieser Assistenz über die bundesgesetzliche Ebene gesichert wird.
Lernen, die Dinge anders wahrzunehmen, müssen allerdings beide Seiten, finde ich - die Betroffenen und wir -; denn taub oder blind zu sein oder taub und blind zu sein, heißt ja nicht, stumm zu sein. Das kann man ganz gut und aktuell an einem Bei-spiel hier in Hannover sehen. Auf dem Theodor-Lessing-Platz findet sich ein Beispiel für ein Schwarmkunstprojekt, nämlich die Stachelmenschen, die dort ausgestellt werden. Es handelt sich um ganz verschiedene, etwas skurrile Skulpturen, die zusammen von Hörenden und Gehörlosen in einer Kooperation erstellt worden sind. Wie sie sich dafür zusammengetan und kommuniziert haben, finde ich beispielhaft, auch wenn es nicht jedem gefallen mag.
Außerdem gibt es Bücher von einer taubblinden Schriftstellerin - das wusste ich zuvor nicht; das habe ich recherchiert - vom Anfang des vergangenen Jahrhunderts, Helen Keller. Sie hat mehrere Werke geschrieben, nachdem Sie das Lormen erlernt hatte und damit umgehen konnte. Zum Schluss meines Beitrags möchte ich aus einem ihrer Werke zitieren:
„Draußen erkenne ich durch Geruch- und Tastsinn den Grund, worauf wir gehen, und die Stellen, woran wir vorbeikommen. Zu-weilen, wenn es windstill ist, sind die Gerüche so gruppiert, dass ich den Charakter einer Landschaft wahrnehme, eine Heuwiese, einen Dorfladen, einen Garten, eine Scheu-ne, ein Bauerngehöft mit offenen Fenstern, ein Fichtenwäldchen gleichzeitig ihrer Lage nach erkenne.“
Ich finde, das ist ein gutes Beispiel dafür, dass es wichtig ist, dass wir uns im Parlament vorgenommen haben, die Gruppe der taubblinden Menschen zu unterstützen. Das ist ein erster Schritt in richtige Inklusion und zeigt, wie wertvoll diese Menschen für uns gemeinsam sein können. Deswegen finde ich diesen Antrag außerordentlich gut und finde es sehr gut, dass wir ihn heute gemeinsam beschließen.
Vielen Dank.