Rede Susanne Menge: Alternative Antriebstechnik fördern - Klimafreundliche Mobilität von morgen
Anrede,
Mitte des 4. Jahrtausends, so vermutet man aufgrund archäologischer Funde, begann die Geschichte des Transportwesens in Eurasien. Bestimmt vom radlosen Transport mit Schlitten und Schleifen, über zwei- und vierrädrige Wagen, gezogen von Ochsen und Pferden bis zum geschlossenen Postwagen Ende des 18. Jahrhunderts.
Zum Ende der Fahrgeschichte mit Pferd und Wagen lebten Menschen von bedeutsamen Berufen, wie die des Hufschmieds, Stellmachers oder Wagners.
Der erste maschinengetriebene Wagen Mitte des 18. Jahrhunderts und ein Jahrhundert später die ersten Automobile mit Ottomotoren läuteten das Ende vieler historischer Berufe ein.
Was hat dies mit alternativen Antrieben zu tun?
Eine ganze Menge, denn die industrielle Geschichte ist immer auch eine Geschichte des Wandels und der Anpassung der Lebens- und Arbeitswelt an neue Entwicklungen und Gegebenheiten.
Trotzdem ist eines der Hauptargumente gegen den Wandel in unserer industriellen Produktion immer wieder, dass vehemente Forderungen für den nachhaltigen Umbau unserer Arbeits- und Lebenswelt einher gingen mit dem Verlust von Arbeitsplätzen.
An dieser Stelle wäre es eigentlich wichtig, auf den Produktionsfaktor Arbeit und die tatsächliche Gefahren für die Arbeitskraft Mensch und ihre Bezahlung in bestimmten Berufen einzugehen. Insbesondere im Vorgriff auf den vielleicht erneuten Vorwurf des Kollegen Töpfer, dass Umweltschutz auf der einen Seite ganz schön sei, das Geld zum Lebensunterhalt für die arbeitende Bevölkerung jedoch nicht von der Sparkasse ausgeteilt werde.
Wir hingegen, anders als der Kollege Töpfer, sehen genau hierin, im sozialökologischen Umbau und einem transformierenden Produktionsprozess unserer Industriegesellschaft eine riesengroße Chance für den Arbeitsmarkt und neue berufliche Chancen - übrigens auch die Chance für mehr Lebensqualität, zu der ich Zeit, Gesundheit, mehr Kreativität und Gemeinschaft zähle.
Und das scheinen die Fraktionen aus Grünen, SPD und CDU hier im Hause auch überhaupt nicht mehr anzuzweifeln, denn beide Anträge zu alternativer Antriebstechnik eint das entschiedene Eintreten für eine Veränderung unserer auf Verbrennung fossiler Rohstoffe basierenden Industriegesellschaft.
Ich begrüße ausdrücklich die Abkehr der CDU von ihrem ursprünglichen Antrag, den technologischen Wandel von Mobilität und Transport allein auf Elektromotoren zu beschränken. Bemerkenswert ist auch, dass auch Sie endlich, innerhalb von fünf Jahren, erkannt haben, dass zur Förderung der Elektromobilität als wichtigem Teil der postfossilen Mobilität regenerative Energien genutzt werden müssen, und nicht, wie Sie 2010 forderten, Atomkraft.
Bei aller Wertschätzung dafür, dass Elektromobilität eine Abkehr vom Verbrennungsmotor ist und insbesondere den westlichen Industrienationen sauberere Luft und die Einhaltung der Klimaziele in Bezug auf den CO2-Ausstoß verspricht, darf man nicht verkennen, dass es die reine Lehre der guten Elektrofahrzeuge und damit ein „Weiter-So-Wie-Bisher-Nur-Anders“ nicht geben kann. Ich möchte einige Beispiele nennen:
- Wenn alle Industrienationen, inklusive der wachsenden Industrien in Indien und China, auf Elektromobilität setzten, stiege der Lithium-Bedarf weltweit immens. Laut Zentrum für Sonnenenergie und Wasserstoffforschung (ZSW) sei Lithium für eine Milliarde Elektroautos und andere Anwendungen vorhanden. Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass selbst unter sehr zurückhaltenden Annahmen bezüglich der Vorkommen, die weltweit vorhandenen Lithium-Reserven auch bei hohen Nachfragesteigerungen bis 2050 ausreichen würden.
- Nehmen wir an, dass, genau wie Deutschland, 80% aller Chinesen, also ca. 980 Mio. Menschen, ein Auto hätten und auch nur dieses eine, dann reichten die Lithiumreserven in den kommenden 35 Jahren gerade mal für die Chinesen. Nehmen wir den Bedarf aller Industrienationen hinzu, wäre der Rohstoff Lithium in wenigen Jahren abgebaut.
- Daraus folgt, dass entweder die westlichen Industrienationen aufgrund ihres Reichtums zum Nachteil der Schwellen- und Entwicklungsländer, Bolivien, Chile und Afghanistan den Zugriff auf den begrenzten Rohstoff haben, oder aber wir selbst sind bereit, uns im Weniger, statt immer mehr zu üben.
- Der Bundesverband Erneuerbare Energie begrüßte das 2014 beschlossene Elektromobilitätsgesetz, kritisierte jedoch, dass es keine E-Zweiräder fördere und auch schwere Plug-In-Hybride privilegiere.
- Umweltverbände wie der BUND kritisieren, dass Elektrofahrzeuge nur dann ökologisch sinnvoll seien, wenn der Strom dafür aus erneuerbaren Energien stammt und sie eingebettet sind in eine Gesamtstrategie, in der auch öffentlicher Nahverkehr und Verkehrsreduktion vorgesehen sind.
Der notwendige sozialökologische Umbau unserer Industriegesellschaft betrifft nicht nur unseren Energieverbrauch, er betrifft genauso dringlich unseren Rohstoffverbrauch.
So hat das „Netzwerk Innovation und Gründung im Klimawandel“ am Montag dieser Woche in Bremen die Preise für den Unternehmenswettbewerb „Klimainnovationen“ verliehen.
Gesucht waren die besten Innovationen zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels in der Metropolregion Nordwest. Das Preisgeld von insgesamt 8.000 Euro wurde von der Metropolregion Nordwest und der EWE AG gestiftet. Insgesamt waren sieben Projekte für das Finale nominiert. Die Siegerprojekte sind „Mykorrhizapilze statt chemischen Düngers" und „Energieeffizienz bei Kühltransporten".
Die rot-grünen Landesregierung in Nordrhein-Westfalen hat eine Enquete-Kommission eingerichtet mit dem Ziel, mit Akteuren aus Industrie, Verbänden, Politik, Wissenschaft und Gewerkschaften einen Konsens für ökologische Ziele herzustellen.
Und was kaum jemand für möglich gehalten hat, nämlich dass sich alle Akteure überhaupt auf ökologische Ziele festlegen könnten, ist erfolgreich innerhalb von zwei Jahren realisiert worden:
Unter der Maßgabe, den größten Industriestandort Europas in NRW, die Chemieindustrie, auf eine soziale, ökologische und wirtschaftlich nachhaltige Produktion zu verpflichten, sind 58 Handlungsempfehlungen entwickelt worden.
Visionen und Realitätssinn in Sachen Umbau unserer Produktion stehen also nicht im Widerspruch zueinander, sondern sind möglich. Beispielsweise die Verfügbarkeit von Abfällen als Rohstoff, Pilotanlagen für Verfahrensentwicklungen und die Entwicklung von Konzepten zur Schließung von Stoffkreisläufen.
Vielleicht wäre die Idee einer Enquetekommission übertragbar auf unseren Industriestandort Automobilproduktion? Können wir, Politikerinnen und Politiker, eine belastbare Brücke bauen für die Zukunft unserer Schlüsselindustrien mit Anforderungen an Ressourceneffizienz, dem Energie- und Ressourcenwandel sowie den Anforderungen an eine Kreislaufwirtschaft?
Ich meine ja. Unsere Unternehmen sind innovativ, erkennen die gesellschaftlichen Herausforderungen (Qualifikation, Demografie und gute Arbeitsverhältnisse) und haben sich längst - das zeigen nicht nur die vielen Bewerbungen auf den Wettbewerb des Netzwerks Innovation und Gründung im Klimawandel – auf neue Technologien eingelassen bzw. einlassen müssen.
Die Chemieindustrie wirbt in NRW mit einem Slogan: Chemie aus Sonne, Abfall, Wasser und Luft.
Vielleicht wirbt die Autoindustrie in naher Zukunft mit: Mobilität aus Sonne, Abfall, Wasser und Luft.
Antrag (SPD/GRÜNE):Alternative Antriebstechnik fördern - Klimafreundliche Mobilität von morgen