Rede Stefan Wenzel: Aktuelle Stunde - Umbau statt Abriss – Landtag denkmalgeschützt, funktional und haushaltspolitisch angemessen erneuern
Anrede,
das Votum der Jury liegt vor. Es lautet auf Abriss. Der Oesterlen-Bau soll weg, stattdessen ist etwas Tempelartiges gewünscht – aus Glasbausteinen, Edelstahl und mit Tiefgarage. Der Architekt fühlt sich – so seine eigenen Worte – an Claudia Schiffer erinnert.
Nun ja. Dafür hat die Jury gestimmt. Allerdings scheint damit noch nichts in Stein gemeißelt, wenn man hört, wie die Entscheidungsfindung zwischen den ersten drei Entwürfen des Wettbewerbs hin und her wogte.
Anrede,
als nächstes ist die Baukommission gefragt. Die Entscheidung über die künftige Gestalt des Landtages berührt viele Fragen:
- es geht um Architektur,
- um historische Fragen und den Denkmalschutz;
- es gibt eine starke haushälterische Komponente, die die Baukosten, den Energieverbrauch und Klimaschutzaspekte betreffen.
- Und nicht zuletzt berührt die Entscheidung Fragen, die die Glaubwürdigkeit dieses Hauses betreffen.
Auch stellt sich die Frage, ob das Haus am Ende für Transparenz, für Freiheit, für Verantwortung, für Offenheit und für Nachhaltigkeit steht oder nicht.
Anrede,
meine Fraktion hat sich gegen einen Abriss des Plenarsaals ausgesprochen und plädiert für einen Umbau, der den Kern des Oesterlen-Baus erhält. Dafür kommen der von vielen favorisierte zweite Preis der Jury von Walter Gebhardt oder der Siegerentwurf des ersten Wettbewerbs 2002 von Koch-Panse in Frage.
Ich will das begründen.
- Fakt 1: Eine Sanierung des Plenarsaals ist überfällig. Ein Verzicht auf eine zeitnahe Entscheidung wäre nur kurzfristig billiger, weil viele Einzelmaßnahmen am Ende teurer sind als eine gründliche Sanierung.
- Fakt 2 und das muss dabei bedacht werden: In den nächsten Jahren muss der Landtag sehr schwierige haushaltspolitische Entscheidungen treffen. Vieles was heute noch für notwendig befunden wird, kommt angesichts der desaströsen Lage des Landeshaushaltes und seiner Kommunen auf den Prüfstand.
- Und Fakt 3: Abriss und Neubau des Plenarsaal sind eindeutig teurer als Umbau und Sanierung des Oesterlen-Baus. Der Gewinner im Architektenwettbewerb hat ja gegenüber den Medien erklärt, dass sein Entwurf noch gar nicht durchgerechnet sei. Das hat uns angesichts der sehr anspruchsvollen Gründung auf dem U-Bahn-Tunnel schon gewundert, meine Damen und Herren. Aber eins scheint trotzdem klar: Das Abrissprojekt wird etliche Millionen Euro teurer als der zweite Entwurf von Gebhardt oder gar der Entwurf Koch-Panse. Der Abstand lässt sich beim Umbau durch Weglassen der Tiefgarage noch deutlich vergrößern.
Anrede,
und immer würde man fragen, meine Damen und Herren, ob die teuerste Variante, das größte Raumprogramm und die neue Tiefgarage wirklich notwendig gewesen wäre. Und immer würde man fragen, ob der Landtag und ob die Regierung beim Haushaltsgesetz und beim Denkmalschutz mit zweierlei Maß gemessen hat.
Das meine Damen und Herren sind zentrale Fragen der Glaubwürdigkeit dieses Hauses.
Anrede,
die Gesetze, die wir machen, gelten für alle gleich. Das gilt zuallererst für uns selbst. Das gilt auch für das Denkmalschutzgesetz. Wie will man künftig einem privaten Hausbesitzer den Abriss seines Baudenkmals verwehren, wenn der Landtag hier mit schlechtem Beispiel vorangeht.
Hier schützt das Gesetz ein kulturelles Erbe, das sich bewusst mit der Nazi-Diktatur auseinander setzt. Der zweite Weltkrieg hat in Hannover nur wenige historische Gebäude hinterlassen. Von dem was stehen blieb, fiel eine zweite Welle der Abrissbirne zum Opfer. Es war Oesterlens Verdienst, neben dem Plenarsaal das historische Leineschloss in der Außenansicht zu rekonstruieren.
Wenn wir historische Linien suchen, sollten wir hier anknüpfen. Und zwar bei einem Bau, der die aus Trümmern auferstandene junge Demokratie symbolisiert und nicht allein bei Laves, dem Baumeister des Königs. Wir sollten auch das Motto von Oesterlen vom "weiter bauen" konstruktiv aufnehmen. Gute Vorschläge dazu wurden gemacht.
Anrede,
ist der geplante Glastempel eigentlich so praktisch wie er sein sollte? Zunächst muss man vom Portikus runter in einen Tunnel.
Dann kommt man in einen Raum aus Glasbausteinen, der den Blick nach draußen verwehrt und nur diffuses Licht in den Plenarsaal dringen lässt. Mit Verlaub, das haben wir heute auch schon in Ansätzen. Und – noch mal mit Verlaub - Glasbausteine waren für mich immer der Inbegriff von Spießigkeit. Aber das kann Geschmacksache sein.
In jedem Fall berühren die Energiekosten und die Reinigungskosten für Glasflächen auch die langfristigen Unterhaltskosten des Gebäudes. Zum Thema Nachhaltigkeit gehört aber auch die – angeblich so unverzichtbare - Tiefgarage.
Darf ich daran erinnern: Im Moment funktioniert der Landtagsbetrieb auch mit halbierter Parkplatzzahl völlig reibungslos. Wer trotzdem mit Auto kommen will, findet in einer Entfernung von wenigen Metern vier verschiedene Parkhäuser mit vielen freien Plätzen.
Ein zusätzliches Parkhaus unter dem Plenarsaal ist eine völlig überflüssige Investition. Wenn hier wirklich noch etwas Neues, Innovatives entstehen sollte, dann könnte das statt einer Tiefgarage eine Kindertagesstätte für Beschäftigte und Abgeordnete mit kleinen Kindern sein. Kinder sind doch die Zukunft - nicht Tiefgaragen.
Und ich bin mir sicher, dass die Qualität der Arbeit im Plenarsaal nicht davon abhängt, ob der Landtag quasi als Drive-In betrieben wird.
Anrede,
wenn wir nach Attributen suchen, die den Plenarsaal nach dem Umbau beschreiben könnten, dann plädiere ich,
- für Durchblick und gegen Glasbausteine,
- für Offenheit und gegen Tunnel-Blick,
- für Verantwortung und gegen unnötige Mehrkosten,
- für das kulturelle Erbe und gegen den Abriss!
Die Jury hat gesprochen – aber die Entscheidung unserer Baukommission ist noch nicht gefallen. Wir appellieren an die Abrissbefürworter: noch ist Zeit für eine Umkehr zu mehr Bürgernähe und wohlverstandener Zurückhaltung im Umgang mit der historischen Substanz des Parlamentsgebäudes.