Rede Miriam Staudte: Sexuellen Missbrauch an Kindern verhindern- Charité-Präventionsprojekt „Dunkelfeld“ als einen Baustein in der Päventionsarbeit auch in Niedersachsen etablieren

Sehr geehrter Herr Landtagspräsident, meine Damen und Herren Abgeordnete!

15.000 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch werden laut der Polizeistatistik im Jahr in Deutschland angezeigt. Dunkelfeld-Schätzungen gehen von 70.000 Kindern jährlich- aus. Das hieße statistisch gesehen wird alle 7,5 Minuten ein Kind Opfer dieser furchtbaren Taten. ¾ der Vorfälle finden im eigenen Familien- und Bekanntenkreis statt, dort nutzten Täter in schändlichster Weise das bestehende Vertrauens- oder Machtverhältnis aus.  Nicht alle dieser Täter sind Pädophile. Gerade im Familienkreis ist Missbrauch an Kindern oft eine Art Ersatzhandlung. Laut WHO-Definition sind Pädophile  diejenigen, die auf vorpubertäre Kinder gerichtet sexuelle Neigungen verspüren. Neigungen verspüren, das heißt nicht, auch entsprechend zu handeln. Etliche der Pädophile befinden sich in einem inneren Kampf- Neigung und Verlangen gegen Gewissen und Schuldbewusstsein, eine innerer Auseinandersetzung, die sie nicht immer gewinnen.

Wie verbreitet Pädophilie ist, lässt sich nicht genau sagen. Nach der "Berliner Männer-Studie II" sind ca. 1% aller Männer pädophil- und zwar völlig unabhängig vom sozialen Status. Es bleibt auch zu befürchten, dass gerade Pädophile durch ihre Berufswahl oder ihr Freizeitverhalten die Nähe zu Kindern suchen. Erzieher, Lehrer, Geistliche,  Ehrenamtliche in Sportvereinen und Kirchengemeinden- niemand ist ausgenommen. Eine schärfere Kontrolle ist hier absolut notwendig, wie z.B. ein erweitertes Führungszeugnis. Aber was machen wir mit den unbekannten, vielleicht noch nicht straffälligen Pädophilen? 1% ca. 20.000 Männer zwischen 18 und 75 Jahren in Niedersachsen. In diesem Saal also statistisch gesehen 1 oder 2 Personen. Hier setzt das Projekt "Dunkelfeld" der Berliner Charité-Uniklinik an, das wir mit unserem Antrag auch in Niedersachsen einführen wollen. Dort können sich Männer einer Diagnose und einer kostenlosen Therapie und Behandlung unterziehen- wozu auch die medikamentöse Behandlung zählt.

Ich war vor den Osterferien selbst dort und habe mir von dem Forschungsleiter Prof. Dr. Dr. Beier berichten lassen. Seit 2005 haben 800 Männer von sich aus diese Beratungsstelle aufgesucht, 800 größtenteils nicht justiz-bekannte Männer, die freiwillig Therapie und Behandlung suchen. Das sind Zahlen, die -denke ich- kaum jemand erwartet hätte. Einige dieser Männer kommen aus Niedersachsen. Doch nur 150 der 800 Männer konnten eine Therapie beginnen, denn es gibt Wartelisten. Das muss man sich einmal vorstellen: Wir richten Runde Tische ein, alle sind betroffen und gleichzeitig müssen diejenigen Gefährder, die behandlungswillig sind, auf Wartelisten gesetzt werden??  Das kann doch nicht war sein. Wir wollen, dass sich das in Niedersachsen ändert. Gerade aus dem Flächenland Niedersachsen können viele keine Therapie beginnen, weil die wöchentlichen Sitzungen in Berlin wegen der weiten Anfahrt zeitlich oder finanziell nicht zu realisieren sind. Das Beratungsangebot in Berlin ist zwar kostenfrei- die Projektkosten tragen der Bund und die Volkswagenstiftung, die Fahrtkosten werden von den Krankenkassen allerdings nicht übernommen.

Deswegen wollen wir, dass auch in Niedersachsen z.B. an der Medizinischen Hochschule in Hannover ein solches Projekt finanziert wird. Kiel hat seit einem Jahr ein entsprechendes Programm, Bayern plant in Regensburg eine Behandlungs- und Beratungsstelle. Niedersachsen darf diese Chance Missbrauch einzudämmen nicht ungenutzt lassen. Täterarbeit ist aktiver Opferschutz.

Wir haben ja schon als Grüne länger auf dieses Projekt hingewiesen, Herr Brise hatte in der letzten Wahlperiode im November 2007 schon eine Anfrage dazu an die Landesregierung gestellt, ich hatte im Sozialausschuss im Juni letzten Jahres. eine Unterrichtung beantragt. Doch nichts geschah: "Man beobachte mit Interesse, die Erfolge seine noch nicht belegt" lautet die Aussage der Ministeriumsvertreter. Da haben sich 800 Leute gemeldet? Das ist doch schon ein Erfolg! Warum sollten den die Therapien mit den noch nicht straffälligen weniger erfolgreich sein als mit denen, die wir in den Forensiken behandeln? Doch wir sind der Auffassung jetzt ist die Zeit gekommen, Nägel mit Köpfen zu machen: Das in den letzten Wochen bekannt gewordene Ausmaß an Missbrauchsfällen zwingt uns zum Handeln. Ich hoffe, dass wir auf offene Ohren stoßen und unseren Teil dazu beitragen, Kindesmissbrauch einzudämmen.

Und ich möchte an dieser Stelle betonen: Wir wissen, dass die Umsetzung dieses Projekts nur ein einzelner Baustein im Kampf gegen Kindesmissbrauch sein kann. Dieser Antrag erhebt ausdrücklich nicht den Anspruch auf Vollständigkeit aller notwendigen Maßnahmen. Es wird nur eine Teilgruppe potenzieller Täter erreicht werden, diejenigen die freiwillig kommen, aber wenn diesem Antrag zugestimmt wird, kann ich ihnen versichern, werden etliche Kinder vor einem schweren Schicksal bewahrt.

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