Rede: Miriam Staudte: Mehr Qualität für unsere Kinder - Für eine Verbesserung der frühkindlichen Bildung in Niedersachsen
Landtagssitzung am 19.01.2010
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren Abgeordnete!
Wir haben in den letzten zwei Jahren an dieser Stelle sehr intensiv und sehr oft darüber diskutiert, dass wir den quantitativen Ausbau der Betreuungsinfrastruktur in Niedersachsen voranbringen wollen. Ich betone: Wir haben darüber diskutiert; denn entschieden worden ist leider nicht sehr viel. Niedersachsen ist weiterhin im bundesweiten Ranking konstant auf einem der letzten oder vorletzten Plätze. Wir haben gerade heute bei dpagelesen, dass von den zehn Landkreisen, die bundesweit die schlechteste Infrastruktur in der Krippenbetreuung haben, fünf in Niedersachsen liegen.
Doch das, was die Erzieherinnen und Erzieher in den Kitas am meisten bewegt, ist die Frage der Qualität der Betreuung. Wir Grüne haben schon im Dezember 2008 hier einen Antrag zur Verbesserung des Personalschlüssels eingebracht. Wir haben auch im letzten Plenum, als es um die Haushaltsberatungen ging, diese Forderung noch einmal mit einem Antrag über 150 Millionen Euro für einen neuen Personalschlüssel unterlegt. SPD und Linke haben die Kampagne der Landesar-beitsgemeinschaft der Wohlfahrtspflege "Kinder sind mehr wert" zum Anlass genommen, im Falle des Antrags der SPD ihre bisherigen Forderungen zu erneuern und im Falle der Linken einen neuen Antrag zu stellen, der die Forderungen der Kampagne 1 : 1 übernimmt. Forderungen kann man natürlich 1:1 übernehmen, in der Opposition allemal. Wir als Grüne haben uns jedoch entschieden, die Standards, auf die wir uns in der Fraktion im Jahre 2008 verständigt haben, beizubehalten. Wir wollen also, dass künftig drei statt zwei Erzieherinnen in den Krippen tätig sind und dass 20 statt 25 Kinder in einer Kindergartengruppe von zwei Erzieherinnen betreut werden. Insofern werden wir uns bei der Abstimmung über den Antrag der Linken enthalten und dem Antrag der SPD zustimmen.
Qualität lässt sich nur durch mehr Personal umsetzen. CDU und FDP ignorieren diese Tatsache konsequent und diskutieren höchstens einmal über das beitragsfreie Kita-Jahr. Sie müssen als Regierungsfraktionen endlich die Formel von der früh-kindlichen Bildung mit Leben füllen. Dazu gehört, dass Erzieherinnen und Erziehern genügend Zeit zur Verfügung gestellt wird, um die Ziele des niedersächsischen Orientierungsplans - das ist so etwas wie ein kleines Curriculum - umzusetzen. Ich möchte Ihnen, damit wir alle wissen, worüber wir reden, einige Anforderungen des Orientierungsplans an die Erzieherinnen vorlesen, damit Sie einen Eindruck bekommen. Dabei handelt es sich um ca. 80 Fragen bzw. Anforderungen, von denen ich zehn vorlese: Hat jedes Kind mindestens ein Musikinstrument benutzt oder gebaut? Haben mehrere Kinder an einer eigenen Theateraufführung mitgewirkt? Ist die vorsprachliche Entwicklung des Kleinstkindes altersgemäß? Ist Deutsch die Muttersprache des Kindes, oder wächst es zwei- oder mehrsprachig auf? Haben Kinder die Funktionen von Buchstaben, Zahlen und anderen Zeichen entdeckt? Welche Möglichkeiten bestehen, dass Kinder mathematische Aktivitäten wie Ordnen, Vergleichen oder Messen ausführen können? Welche mit Zahlen verbundenen alltagspraktischen Kenntnisse, was Hausnummern, Telefonnummern usw. angeht, haben Kinder? Haben Kinder genügend Gelegenheit, mit Erde, Sand und Wasser zu experimentieren? Übernehmen Kinder Verantwortung für die Pflege von Pflanzen und Tieren? Usw. usf. Besonders wichtig: Fühlen Kinder sich in der Einrichtung sicher und geborgen? Kann jedes Kind von einer Bezugsperson in der Einrichtung getröstet werden? - Ich meine, insbesondere das ist eine Frage, die wir im Moment leider verneinen müssen. Ich meine, Sie sollten ernsthaft darüber nachdenken, ob dieser Orientierungsplan mit den Ressourcen, die Sie zur Verfügung stellen, umgesetzt werden kann; denn ich meine, dass Papiere, die von Kultusministern - in dem Falle war es ja noch Herr Busemann - unterschrieben werden, das halten sollten, was sie versprechen. Insofern bitte nicht nur Worte, sondern auch einmal ein paar Taten im Kita-Bereich!