Rede Ina Korter zur Aktuellen Stunde der FDP: "PISA-Missbrauch stoppen: Erst lesen und denken, dann reden"

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Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Da ich lesen kann, Herr Schwarz, möchte ich mit einem Zitat beginnen: "In der Länderrangfolge haben sich unsere Kinder kaum verbessert. Der Leistungsrückstand in Mathematik beträgt gegenüber den Siegerländern ein ganzes Jahr. Kinder aus bildungsfernen Schichten haben nach wie vor keine Chance."
So fasste unter der Überschrift "PISA das ewige Waterloo Deutschlands" am 6. Dezember die Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Bildung, Ulrike Flach, die Ergebnisse von PISA 2003 zusammen. Ulrike Flach ist zufälligerweise in der FDP. Hat sie PISA 2003 auch falsch gelesen? (Beifall bei den GRÜNEN und bei der SPD) Meine Damen und Herren, auch PISA 2003 hat noch einmal deutlich gemacht, dass der große Skandal unseres Bildungssystems in der scharfen sozialen Selektivität liegt. (Zustimmung bei den GRÜNEN) Daran können auch kleine Rangplatzveränderungen nichts ändern. Dagegen helfen keine kurzfristigen Maßnahmen, kein blinder Aktionismus, und erst recht keine frühe Sortierung und Auslese von Kindern. Was wir brauchen, ist eine tief greifende Reform des Schulsystems, wie wir als Grüne sie bereits vor einem Jahr auf Landesebene mit der neunjährigen Basisschule vorgeschlagen haben und zum Dialog anbieten.
PISA sagt nicht, dass allein eine andere Schulstruktur automatisch zu besseren Leistungen führen würde. Das wäre auch unseriös. PISA sagt aber sehr deutlich, dass unser gegliedertes Schulsystem für die scharfe soziale Selektivität hauptverantwortlich ist. (Karl-Heinz Klare [CDU]: Wollen Sie denn die Realschule und das Gymnasium
abschaffen?)
So steht in der Zusammenfassung des PISA-Berichts 2003 auf Seite 24 ich habe genau nachgelesen, Herr Schwarz :
"Für Deutschland ist ein enger Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und mathematischer Kompetenz festzustellen, der vor allem auch" und das ist das Entscheidende
"über die Beteiligung und Beteilungschancen an den unterschiedlichen Schulformen vermittelt wird."
Das ist der eigentliche Skandal unseres Schulsystems.
Aber Sie, meine Damen und Herren von CDU und FDP, haben überhaupt kein Konzept, wie Sie diesem Skandal begegnen wollen. Sie halten krampfhaft an Ihrer Schulstruktur fest, die noch aus der Ständegesellschaft stammt. (David McAllister [CDU]: Ständegesellschaft? Was reden Sie da?) Für die Anforderungen der Zukunft, meine Damen und Herren, brauchen wir aber eine andere Lernkultur in einer gemeinsamen Schule. (Zustimmung bei den GRÜNEN und bei der SPD - Karl-Heinz Klare [CDU]: Das ist doch Quatsch, was Sie sagen!)
Hören Sie ruhig einmal zu, Herr Klare; denn das dürfte auch Ihnen einleuchten. Sie waren ja lange in der Schule.
Wer in einem gegliederten Schulsystem und das ist das Entscheidende die Möglichkeit zur Abschulung hat, der hat nicht die Notwendigkeit der individuellen Förderung jedes Kindes, die Notwendigkeit, jedes Kind mitzunehmen. Es wird Zeit, dass wir endlich mutig und ideologiefrei die richtigen Schlüsse aus den internationalen Vergleichsstudien ziehen. (Lachen bei der CDU) Die Ideologie vertrete ich nicht. Diesen Schuh müssen Sie sich schon selbst anziehen. (Beifall bei den GRÜNEN und bei der SPD) Und es wird Zeit, dass wir endlich ein Schulsystem schaffen, in dem alle Begabungsreserven jedes einzelnen Kindes ausgeschöpft werden. Sie plappern ja neuerdings so gern das finnische Motto nach: Keiner darf verloren gehen! Dann handeln Sie auch endlich danach: Lassen Sie keine Kinder auf der Strecke, vor allem nicht die schwächsten, und fördern Sie die stärksten genauso. Herr Schwarz hat vorhin ein nettes Zitat zur SPD gebracht. Zur FDP ist mir auch etwas eingefallen, Herr Schwarz: "F" wie "frei von jeder Verantwortung für die Schwächsten", "D" wie "demokratisch bedenklich" und "P" wie "pädagogisch ahnungs- und fantasielos". (Beifall bei den GRÜNEN und bei der SPD - Zurufe von der CDU und der FDP)

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