Rede Ina Korter zum Antrag der CDU: Doppelabitur 2011 - Ein starker Jahrgang mit starken Chancen
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Vor fünf Monaten haben wir hier im Landtag zuletzt über das Doppelabitur gesprochen. Der Schülerschwund im ersten Turboabiturjahrgang war damals das Thema, und Herr Althusmann hatte im Januar lange darum herumgeredet, aber dann musste er doch zugeben, dass landesweit 18 % der Schülerinnen und Schüler des ersten G8-Jahrgangs kurz vor dem Abitur gescheitert sind, wiederholt haben oder die Schule verlassen haben. Welche Auswirkungen das auf den Notendurchschnitt hat, für den Sie sich heute feiern, kann sich jeder selbst ausrechnen.
Meine Damen und Herren von CDU und FDP, es ist schon fast zynisch, wenn Sie hier heute eine Jubeldiskussion unter dem Titel "Ein starker Jahrgang mit starken Chancen" veranstalten wollen. Wissen Sie, worin dieser Jahrgang wirklich stark war? - Im Durchhalten! Im Durchhalten war dieser Jahrgang stark.
Wozu Sie diese Schülerinnen und Schülern über all die Jahre in Wirklichkeit getrieben haben, kann man getrost "survival of the fittest" nennen.
Gerade ein Jahr, nachdem diese Schülerinnen und Schüler damals von der Grundschule in die Orientierungsstufe gegangen sind, mussten sie schon wieder einen Wechsel vollziehen, weil es der CDU gar nicht schnell genug gehen konnte, die Orientierungsstufe abzuschaffen. Dann gab es noch nicht einmal Lehrpläne und Schulbücher ? ich erinnere an die gestrige Diskussion ?, als diese Schülerinnen und Schüler in die sechste Klasse kamen. Unserem damaligen ? 2004 ? sehr weitsichtigen ? wie wir heute sehen ? Entschließungsantrag, das Turboabitur auszusetzen, bis die Rahmenbedingungen in Niedersachsen stimmen, haben Sie damals kalt lächelnd mit der Arroganz der neu errungenen Macht vom Tisch gewischt.
Vier Jahre später, nämlich 2008, sah sich die damalige Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann, die Auswechselspielerin von Herrn Wulff für Herrn Busemann, gezwungen, auf Druck der Eltern, Schülerinnen und Schüler aus den Gymnasien einen Aktionsplan zum Abitur nach zwölf Jahren aufzulegen. Dieser hatte eigentlich eher einen Placeboeffekt, obwohl man sich das überlegen muss: Das war 2008, vier Jahre, nachdem dieser "Großversuch" mit Kindern an den Gymnasien hier bereits lief!
Heute erklärt uns der dritte Kultusminister der CDU, Herr Althusmann, alle Probleme mit dem Turboabi seien jetzt gelöst. Herr Althusmann, ich glaube, Sie schauen zu viel Werbefernsehen.
Warum sonst sollten Sie glauben: Wenn ich das nur oft genug wiederhole, dann glauben es mir die Leute vielleicht?
Meine Damen und Herren, noch heute arbeiten die meisten Gymnasien wie Halbtagsschulen: Ganztagsunterricht, aber keine sinnvolle Rhythmisierung und häufig noch nicht einmal eine vernünftige Mittagsverpflegung. Immer noch haben die Schülerinnen und Schüler Stundentafeln von 34 Wochenstunden und mehr und Hausaufgaben dazu. Welche Arbeitsbelastung das bedeutet, können Sie sich vorstellen. Was das vor allen Dingen für Fahrschülerinnen und Fahrschüler auf dem Lande bedeutet? - Das ist eine Arbeitszeit, die für Erwachsene überhaupt nicht zumutbar wäre. Aber das muten wir unseren Jugendlichen, die das Gymnasium oder auch die IGS besuchen, zu.
Wir bekommen immer mehr Berichte, dass Kinder in und von der Schule krank werden. Natürlich, meine Damen und Herren, die Schülerinnen und Schüler, die jetzt ihr Abi in der Tasche haben ? auch wir gratulieren natürlich;
aber ich möchte das jetzt nicht ausweiten ?, sind selbstverständlich erst einmal froh, dass sie das Abitur hinter sich haben.
Die wollen kein 13. Schuljahr mehr, weil sie froh sind, aus der Schule zu kommen. Aber, liebe Kolleginnen und Kollegen, meine Damen und Herren, was ist mit den vielen, die es nicht geschafft haben? Über 18 % bis jetzt! Was im nächsten Jahr mit denen passiert, wissen wir noch nicht. Mir liegen sehr negative Rückmeldungen vor, wie demotiviert diese Schülerinnen und Schüler inzwischen sind. Diese Schülerinnen und Schüler sind der Landesregierung vollkommen aus dem Blick geraten, habe ich das Gefühl.
Selbstverständlich freuen wir uns für jede einzelne Schülerin und jeden einzelnen Schüler, die bzw. der das Abitur bestanden hat. Aber wir machen uns eben auch Sorgen um die 18 %, die vorher zurückgegangen sind. Was ist denn mit denen? Die haben Sie völlig vergessen!
Eines möchte ich Ihnen noch sagen: Die Durchschnittsnoten, meine Damen und Herren, derjenigen Schülerinnen und Schüler, die jetzt das Abi geschafft haben, sind doch nicht der einzige Maßstab für Erfolg. Das hat die Kollegin Reichwaldt eben gut ausgeführt. Der Maßstab für den Erfolg ist: Sind diese Abiturientinnen und Abiturienten auch später im Studium erfolgreich, in der Ausbildung, in der Lehre, in der lebenslangen Weiterbildung? Es geht doch nicht nur um das Turbolernen. Da wird sich dann zeigen, ob es ein Erfolg war.
Bezeichnend, meine Damen und Herren ? und damit möchte ich zum Schluss kommen ?, waren Beiträge ? Herr Althusmann, vielleicht haben Sie sie auf Hallo Niedersachsen am letzten Freitag gesehen ?, als Abiturientinnen aus Hannover gefragt wurden, was sie jetzt nach dem Abi als Erstes vorhätten. Auf diese Frage antwortete eine ganze Reihe von Schülerinnen: Nach dem Turbostress erst einmal ein Jahr ausspannen, endlich einmal den eigenen Interessen nachgehen,
ins Ausland gehen, Freiwilliges Jahr machen. Glauben Sie eigentlich immer noch, sie hätten mit dem Turboabi ein Jahr gewonnen?