Rede Ina Korter: Wie sieht die Bilanz der Übergangssysteme für Jugendliche ohne Ausbildungsplatz in Niedersachsen aus?

Anrede,

zunächst mein herzlicher Dank an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Ministerien für die umfangreiche Arbeit.

Wir haben damit einen Überblick über die Situation der vielen jungen Menschen, die nach der Schule keine Lehrstelle und keine vollzeitschulische Ausbildung finden und im Übergangssystem landen. Und das betrifft nun einmal nach wie vor leider sehr viele: Selbst im wirtschaftlichen Boomjahr 2008 sind 28.100 Jugendliche neu in einer Maßnahme des Übergangssystems gelandet. Das sind immerhin rund 41% der Jugendlichen, die die allgemein bildende Schule ohne Hochschulzugangsberechtigung verlassen haben. In Niedersachsen übrigens deutlich mehr als im Bundesschnitt von 34%.

Aber es gibt in Ihrer Antwort auch bezeichnende Datenlücken:

Die Landesregierung weiß nicht, wie viele Altbewerber sich seit mehr als einem Jahr im Übergangssystem befinden.

Sie weiß offenbar auch nur wenig über den Verbleib derjenigen, die eine Berufseinstiegsklasse, ein Berufsvorbereitungs- oder ein Berufsgrundbildungsjahr absolviert haben.

Zu einem geringen Anteil besuchen diese jungen Leute die nächste Maßnahme an einer Berufsbildenden Schule oder finden eine Lehrstelle. Wo bleibt der Rest?

Schließt sich eine Maßnahme der Bundesagentur für Arbeit an, eine Jugendwerkstatt oder eine Einstiegsqualifizierung bei einem Betrieb?

Und wie viele geben frustriert ganz auf? 

Genau das macht ein Dilemma des Übergangssystems deutlich:

Die Vielzahl der Akteure und die damit zusammenhängende Unübersichtlichkeit: das Land, für die Berufsbildenden Schulen und die Jugendwerkstätten weitgehend zuständig, die Kommunen, die Bundesagentur für Arbeit, der Bund.

Eine Koordination der Maßnahmen, eine konsequente Beratung der Betroffenen, findet jedenfalls für diejenigen, die nicht im Hartz IV-Bezug stehen, nur unzureichend statt.

Anrede,

die angeblich so positive Entwicklung am Ausbildungsstellenmarkt, von der Sie, Herr Minister Bode, in Ihrer Einleitung schreiben, findet sich in den  Zahlen nicht wieder.

Von den Schulabgängern des Jahres 2009 haben nur 26.200 eine Ausbildung im dualen System begonnen.

Das ist die geringste Zahl im abgefragten Zeitraum ab 2005. Auch prozentual hat sich kaum etwas getan:

Der Anteil der Jugendlichen, die unmittelbar nach der allgemein bildenden Schule eine Lehrstelle gefunden haben, stagniert bei ca. 30% aller Schulabgänger des jeweiligen Jahrgangs.

Der Anteil derer, die eine qualifizierte Ausbildung im Schulberufssystem begonnen haben, bewegt sich fast konstant bei 25%.

Wenn wir uns anschauen, wie viele junge Leute nach der Schule im Übergangssystem landen, müssen wir feststellen: auch da bewegt sich so gut wie nichts:

41% der Abgängerinnen und Abgänger von den allgemein bildenden Schulen ohne Hochschulzugangsberechtigung sind 2008 im Übergangssystem gelandet - 43% waren es 2005.

Anrede,

In Ihrer Antwort schreiben Sie, 2009 sei die Zahl der Teilnehmer an Maßnahmen des Übergangssystems schlagartig auf 11% zurückgegangen. Schön, wenn es so wäre!

Nur leider stimmt das nicht mit der Realität überein.

Der scheinbare Rückgang kommt nur deshalb zustande, weil Sie die einjährige Berufsfachschule für junge Leute, die keinen Ausbildungsplatz gefunden haben, jetzt nicht mehr zum Übergangssystem zählen.

Sie begründen diesen statistischen Trick damit, dass die einjährige Berufsfachschule jetzt ja berufsqualifizierend sei und die Jugendlichen gleichwertig zum ersten Lehrjahr ausgebildet würden. Mag ja sein.

Die Krux ist nur: Wie viele der Jugendlichen, die die einjährige Berufsfachschule erfolgreich absolviert haben, bekommen diese tatsächlich als erstes Ausbildungsjahr anerkannt und können danach bei einem Betrieb in das zweite Lehrjahr wechseln? Das geht doch nur, wenn der Betrieb zustimmt.

Und woher kommen die zusätzlichen Lehrstellen, die dafür nötig wären?

Man muss keine Prophetin sein, um sagen zu können: Die Mehrheit der Absolventinnen der einjährigen Berufsfachschule wird nicht in das zweite Lehrjahr in einem Betrieb wechseln können.

Deshalb ist diese Schulform faktisch eben doch ein Übergangssystem, Herr Bode.

Da helfen auch Ihre Statistik-Tricks nicht.

Anrede,

unsere Kernfrage war, wie erfolgreich denn die einzelnen Maßnahmen des Übergangssystems sind.

Von den Teilnehmern des BVJ, die zu 95% ohne Schulabschluss kommen, beginnen im Anschluss 17 bis 19% eine Lehre oder eine vollzeitschulische Ausbildung.

Rund 35% besuchen nach dem BVJ eine weitere Maßnahme im Übergangssystem an einer Berufsschule.

Bleiben noch knapp 50% übrig.

Wo bleiben die? Gehen die in ungelernte Erwerbsarbeit, landen die im Hartz IV-Bezug?

Die Landesregierung weiß es nicht und das ist das eigentliche Problem Ihrer Berufsbildungspolitik, mein Damen und Herren von CDU und FDP.

Bei Ihnen gehen einfach zu viele junge Menschen verloren!

Die wollen Sie offenbar gar nicht sehen, wenn man Ihre lückenhafte Erfassung betrachtet.

Anrede,

zurück zur Frage, wie erfolgreich sind die Maßnahmen?

Ich glaube, da kann man trotz aller Schwierigkeiten durchaus einen Vergleich ziehen zwischen dem BVJ und den Jugendwerkstätten.

Die Teilnehmer in Maßnahmen der Jugendwerkstätten haben sehr vielfältige Problemlagen.

Im Vergleich können wir jedoch nach den Auskünften der Landesregierung feststellen, dass mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Jugendwerkstätten anschließend eine Berufsausbildung beginnen oder eine Beschäftigung finden als Schülerinnen und Schüler des BVJ.

Anrede,

und das ist auch kein Wunder.

Jugendliche, die im Schulsystem bis dahin gescheitert sind, sind mit weiteren vorwiegend schulischen Maßnahmen eben  nur schwer zu erreichen. Deshalb müssen wir hier andere Wege gehen.

Mit Maßnahmen in Jugendwerkstätten oder eben mit Produktions- oder Werkstattschulen, auch an und mit den Berufsbildenden Schulen.

Wir haben Ihnen bei der Novelle des Schulgesetzes zur beruflichen Bildung entsprechende Vorschläge gemacht. Das haben Sie damals alles schlankweg abgelehnt.

Die Antwort auf unsere Große Anfrage macht jetzt deutlich, dass dies falsch war.

Wir müssen gerade für die Jugendlichen, die in der Schule schlechte Erfahrungen gemacht haben, andere Wege finden, als sie in eine weitere Schule zu schicken.

Anrede,

in die gleiche Richtung weisen auch die Ergebnisse der Maßnahmen im Rahmen der Einstiegsqualifizierung innerhalb eines Unternehmens.

2/3 der Jugendlichen, die 2008/2009 im Rahmen der Einstiegsqualifizierung gefördert wurden, hatten ein halbes Jahr nach Beendigung der Maßnahme eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung – davon die allermeisten als Auszubildende.

Das ist zwar die höchste Erfolgsquote im Übergangssystem, aber wir erfahren für einen echten Vergleich leider nichts über die Eingangsvoraussetzungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der Antwort der Landesregierung.

Anrede,

ich will noch darauf eingehen, wie die Jugendlichen, die sich schwer tun nach der Schule, begleitet werden? Wie finden sie im Dschungel der Maßnahmen das für sie Passende?

Da bleibt Ihre Antwort wolkig, Herr Bode.

Für die jungen Leute ohne Ausbildung, die gleichzeitig im Hartz IV-Bezug stehen, gibt es die Fallmanager der ARGEn oder der Optionskommunen.

Und für die anderen?

Wenn die nicht selbst zum Arbeitsamt oder ins ProAktiv-Center kommen, dann passiert nichts.

Und wir wissen doch, dass genau das, selbst aktiv werden, gerade bei den jungen Leuten mit Problemen eben oft nicht klappt.

Die fallen dann bei Ihnen halt durch den Rost.

Das kann es doch nicht sein, meine Damen und Herren.

Am vergangenen Freitag haben wir uns im Kultusausschuss aus Hamburg sehr detailliert über das dortige ambitionierte Übergangsmanagement berichten lassen.

Das A und O ist dort eine verantwortliche Ansprechperson, die sich um den jungen Menschen, der es braucht, kümmert bis er in Ausbildung, Erwerbstätigkeit oder Studium angekommen ist.

In Hamburg bemüht man sich um passgenaue Lösungen.

Ich glaube, daraus sollten wir lernen.

Ich hoffe, die Bestandsaufnahme dieser Großen Anfrage gibt auch in Niedersachsen den Anstoß dazu.

Erste Anregungen haben wir dazu bereits mit unserem Grünen-Antrag zur umfassenden Berufsorientierung an allen Schulen gegeben.

Meine Damen und Herren von CDU und FDP,

beim Thema berufliche Bildung ist bei Ihnen in den letzten Jahren so gut wie nichts voran gegangen.

Die Landesregierung betreibt nicht viel mehr als Reparaturmaßnahmen im Anschluss an ein unzureichendes, zu früh aussortierendes Schulsystem.

Obwohl das sehr viel Geld kostet, findet eine Evaluierung nicht in ausreichendem Maße statt.

Die Kenntnislücken, die in der Antwort zu Tage getreten sind, sind groß – ich sage viel zu groß.

Aber manches wollen Sie vielleicht gar nicht sehen, damit Sie sich weiter die Situation schönreden können.

Zurück zum Pressearchiv