Rede Ina Korter: Starke Kinder lernen besser - Pädagogisch-psychologische Unterstützungsteams in den Schulen einrichten!
- es gilt das gesprochene Wort -
Anrede,
vor zwei Wochen wurde das "Bildungsmonitoring 2010" der Landeshauptstadt Hannover präsentiert. Die erschreckende Aussage diese Berichtes: Der Anteil der hauptschulempfohlenen Kinder schwankt je nach Sozialstruktur des Stadtteils zwischen 4,3 Prozent und 48,2 Prozent; der Anteil der gymnasialempfohlenen Kinder zwischen 72,4 Prozent und 14,3 Prozent.
Auf die Frage, wie dieser hohe Anteil der Hauptschulempfehlungen an ihrer Schule zu erklären ist, berichteten die Lehrerinnen und Lehrer in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung unter anderem folgendes: "Unsere Schüler erleben Alkohol, Gewalt, Drogen." Viele Kinder würden zu Hause geschlagen oder miterleben, wie die Polizei bei anderen Kindern ins Haus käme.
Einige Schüler kämen auch aus Familien, die als Flüchtlinge nur geduldet seien und mit Abschiebung rechnen müssten.
Auf die Frage, was sie sich wünschen würden, antworteten die Lehrer: Ein Kinderpsychologe in der Schule, der als Profi schneller Probleme der Schüler erkennt, und Sozialarbeiterin, die auch Familien besucht und berät.
Anrede,
so schwierig wie an dieser Schule in Hannover sind die Verhältnisse nicht überall. Aber an allen Schulen gibt es Schülerinnen und Schüler, deren Lernen auf Grund häuslicher oder anderer Probleme blockiert ist.
Wenn unsere Schulen erfolgreich sein sollen, dann müssen sie sich auch um die Probleme ihrer Schüler kümmern, müssen die Kinder stärken, denn starke Kinder lernen besser.
Anrede,
wir haben hier schon häufig über die Schulen in Finnland gesprochen. Ein Erfolgsgeheimnis dieser Schulen ist, dass sie sich im umfassenden Sinne um das Wohlergehen ihrer Schülerinnen und Schüler kümmern.
An jeder Schule gibt es dort Teams, denen neben den Klassenlehrerinnen und einer Sonderpädagogin auch eine Schulpsychologin, ein Sozialpädagoge und eine Gesundheitsfachkraft angehören. Auch Ärzte halten in den Schulen regelmäßig Sprechstunden.
So ist es möglich, Probleme der Schüler schnell zu erkennen und darauf zu reagieren.
Zugleich können die Unterstützungsteams die Lehrerinnen und Lehrer erheblich entlasten.
Anrede,
wenn wir damit die Situation in Niedersachsen vergleichen, dann sind wir wirklich ein Entwicklungsland.
Während es in Ländern wie Italien, Estland, Russland, Dänemark und den USA eine Schulpsychologenstelle je 500 bis 1000 Schülerinnen und Schüler gibt, ist es in Niedersachsen eine Stelle für 26.000 Schülerinnen und Schüler. Damit ist Niedersachsen auch innerhalb Deutschlands, das im internationalen Vergleich ohnehin schon sehr schlecht dasteht, mit großem Abstand Schlusslicht.
In dieser Situation ist es eigentlich nur noch peinlich darüber zu streiten, ob es nun 20 oder 30 Schulpsychologenstellen in Niedersachsen mehr geben soll oder nicht. Aus seiner Schlusslichtposition kommt Niedersachsen damit nicht heraus.
Anrede,
Neben den Schulpsychologen gibt es bei uns noch die Beratungslehrkräfte. Für ihre Beratungstätigkeit stehen ihnen aber insgesamt nur gut 4.000 Wochenstundenzur Verfügung, das sind im Durchschnitt ganze 1,3 Wochenstunden pro Schule. Die durchschnittliche Zeit, die die Beratungslehrkräfte pro Schüler haben, kann man überhaupt nur in Sekunden ausrechnen, nämlich ca. 16 Sekunden pro Woche.
Vom Land mitfinanzierte Sozialpädagoginnen gibt es überhaupt nur an den Haupt- und einigen Förderschulen und neben den Internaten an den vor der schwarz-gelben Regierungszeit genehmigten Ganztagsschulen.
Das ist Flickwerk und kein systematisches Unterstützungskonzept.
Anrede,
Pädagogisch-psychologische Unterstützungsteams brauchen wir an allen Schulen. Besonders gut müssen natürlich die Schulen in sozialen Brennpunkten ausgestattet werden. Aber auch an allen anderen Schulen, auch an den Gymnasien gibt es Schülerinnen und Schüler, die schwere Krankheiten, Trennungen oder andere Probleme in ihren Familien zu verarbeiten haben oder die schlicht mit Pubertätsproblemen nicht klar kommen. Eine frühzeitige Unterstützung brauchen wir deshalb auch hier.
Wenn wir von den Erfahrungen in Finnland ausgehen, benötigen wir etwa ein bis zwei Stellen für jeweils 500 Schülerinnen und Schüler.
Wir haben uns bewusst nicht auf genaue Zahlen festgelegt und auch nicht auf die genaue Zusammensetzung der Teams. Das muss sich am Bedarf entwickeln und erprobt werden.
Uns ist auch klar, dass die Unterstützungsteams so, wie wir sie uns vorstellen, nicht kurzfristig eingerichtet werden können.
Ein erster effektiver Schritt wäre jedoch schon die Erhöhung der Stundenkontingente für die bereits ausgebildeten Beratungslehrkräfte.
Anrede,
Zunächst soll es nach unseren Vorstellungen Modellversuche geben.
Der flächendeckende Ausbau soll dann schrittweise bis 2018, also bis zum Ende der kommenden Legislaturperiode abgeschlossen sein.
Insgesamt werden ca. bis zu 2.500 zusätzliche Stellen erforderlich sein. Bis 2018 wird es möglich sein, diese Stellen durch die Umwidmung von Lehrerstellen zu finanzieren, die wegen des starken Schülerzahlenrückganges bis dahin nicht mehr in vollem Umfang erforderlich sein werden.
So wollen wir den Schülerzahlenrückgang nutzen, um die Ausstattung der Schulenqualitativ deutlich zu verbessern.
Wir hoffen auf Ihre Unterstützung.