Rede: Ina Korter: Schulverweigerung an Niedersachsens Schulen
Anrede,
eine "Kultur des Hinsehens" wurde in den vergangenen Wochen, unter dem Eindruck von Winnenden, von vielen gefordert.
Von dieser "Kultur des Hinsehens" ist in der Antwort der Landesregierung auf die Große Anfrage der Linken zur Schulverweigerung an Niedersachsens Schulen wenig zu sehen.
Schon auf so schlichte Fragen, wie viele Schulverweigerer es in Niedersachsen gibt und in wie vielen Fällen Bußgeldverfahren wegen Schulverweigerung eingeleitet wurden, kann die Landesregierung nur antworten: Es gibt darüber keine Statistiken.
Insgesamt macht die Antwort der Landesregierung einen sehr lustlosen Eindruck. Im Wesentlichen haben Sie sich darauf beschränkt, Berichte von den wenigen Projekten gegen Schulverweigerung aneinander zu hängen, die es in Niedersachsen gibt. Der Einleitungssatz der Antwort ist schon zynisch: Das Thema 'Absentismus' sei ein Problem, das – so teilt uns unsere Landesregierung mit – "die Schule begleitet, so lange es sie gibt."
Anrede,
Schulverweigerung ist kein kleines Problem. Es wird geschätzt, dass ein bis zwei Prozent der Schülerinnen und Schüler der allgemeinbildenden Schulen bereits verfestigte Formen der Verweigerung aufweisen. Manche Experten gehen sogar davon aus, dass etwa 10 Prozent der Schülerinnen und Schüler die Schule über Wochen oder sogar Monate hinweg schwänzen.
Wenn Sie es ernst damit meinen, dass Sie die Zahl der Schulabgänger ohne Schulabschluss halbieren wollen, dann müssen Sie an dieses Problem herangehen.
Es wäre wohl als erstes angesagt, genau hinzusehen: Welche Schülerinnen und Schüler sind es, die keinen Sinn mehr darin sehen, zur Schule zu gehen? Was genau sind die Gründe dafür? Aber die Landesregierung interessiert das alles nicht so richtig.
Sie zählt einige wenige Projekte auf, mit denen der Schulverweigerung begegnet werden soll.
In diesen Projekten wird sicherlich gute Arbeit geleistet. Aber: Sie sind nur punktuell. Und sie sind nur befristet. Eigenes Geld gibt die Landesregierung überhaupt nicht dazu, obwohl es noch eine Reihe weiterer Bewerber für Verweigererprojekte gibt.
Was wir brauchen, sind aber nicht einzelne Projekte, sondern ein flächendeckendes Konzept, ein flächendeckendes Hilfeangebot, denn Schulverweigerung gibt es überall und an allen Schulformen.
Die Landesregierung aber tut das Gegenteil. Sie baut die wenigen flächendeckenden Angebote, die es gibt, ab. Nirgends gibt es so wenig Schulpsychologen wie in Niedersachsen. Und die ohnehin schon zu wenigen Beratungslehrerstunden wollte die Landesregierung gerade noch weiter kürzen.
Anrede,
für Schulverweigerung gibt es viele Gründe. Immer aber steht sie am Ende eines Prozesses. Nur wenn frühzeitig erkannt wird, dass einzelne Schülerinnen und Schüler Probleme in und mit der Schule haben, kann verhindert werden, dass diese Probleme schließlich zu einer totalen Verweigerung führen.
Lernen können wir von den Erfahrungen des Projekts "Coole Schule", das leider 2004 ausgelaufen ist. Dieses Projekt hatte zwei wesentliche Ansätze.
Der eine bestand in einem veränderten Lernarrangement, das die Lebens- und Erfahrungswelt verstärkt einbezog. Im Vordergrund sollte die Arbeit in Projekten stehen. Das ist ein Ansatz, der allen Schülerinnen und Schülern zu Gute kommen würde.
Die Landesregierung sollte endlich ihre Kraft und Phantasie darauf verwenden, diese neue Lernkultur in die Schulen hineinzubringen und sie dort, wo es schon Ansätze dafür gibt, zu stärken.
Der andere Ansatz bestand darin, durch die Einbeziehung institutioneller sozialer Dienstleistungsangebote ein individuelles Hilfs-Netzwerk aufzubauen.
Dies ist ein Ansatz, bei dem wir – wieder einmal – von Finnland vieles lernen können. In Finnland gibt es ein Hilfsangebot an jeder Schule, mit einer Schulpsychologin, einer Ärztin, einem Gesundheitsfürsorger und einem Kurator. Sehr frühzeitig, wenn sich bei einer Schülerin oder einem Schüler Probleme zeigen, tritt der Ausschuss der Schülerfürsorge zusammen und entwickelt ein besonderes Hilfskonzept. Das Motto "Kein Kind darf verloren gehen" ist so in Finnland nicht nur eine leere Floskel.
Um bei uns ein solches Hilfsnetz aufzubauen, müssen die Schulen intensiv mit den sozialen Diensten, mit der Jugendhilfe, dem Gesundheitsdienst, der Jugend- und Familienberatung und der Kinder- und Jugendpsychiatrie zusammenarbeiten. Diese Dienste müssen in die Schulen hineinkommen. Dort brauchen wir niedrigschwellige Unterstützungs- und Beratungsangebote. Dies ist übrigens auch ein wesentlicher Bestandteil unseres Antrages "Inklusive Schule verwirklichen".
Die Landesregierung darf es nicht länger der vereinzelten Initiative vor Ort überlassen, ob eine solche Kooperation von Schule und kommunalen Hilfsangeboten zustande kommt. Sie muss endlich selbst aktiv werden, denn sonst bleibt das Finnische Motto "Kein Kind darf verloren gehen", das Sie, Frau Heister-Neumann, gestern noch als Leitlinie Ihrer Politik bezeichnet haben, wirklich nur eine leere Floskel. Sie müssen dazu auch eigene Mittel in die Hand nehmen.