Rede Ina Korter: Schülerinnen und Schüler an Berufsbildenden Schulen und in Ausbildungsbetrieben für den europäischen Arbeitsmarkt fit machen

Anrede,

wissen Sie, was eine Kommunikationsdesignerin macht, welche besonderen Fähigkeiten sie benötigt, welchen schulischen Abschluss sie benötigt und wo sie diesen Beruf erlernen kann?

Anrede,

Genauso ratlos wie viele von Ihnen werden wahrscheinlich auch die meisten Schülerinnen und Schüler bei dieser Frage sein. Die meisten kennen nur die klassischen Berufe oder die Berufe, die ihre Eltern oder andere Bekannte ausüben.

Anrede,

nach dem in dieser Woche vorgelegten Berufsbildungsbericht wurden im Jahr 2008 21,5 Prozent aller Ausbildungsverträge vorzeitig aufgelöst, und zwar zum größten Teil bereits im ersten Ausbildungsjahr. Die Quote der Studienabbrecher liegt ebenso hoch.

Die IHK Osnabrück-Emsland hat kürzlich eine Studie zu den Ausbildungsabbrüchen vorgelegt. In mehr als einem Drittel aller Fälle lag eine wesentliche Ursache für den Abbruch darin, dass die Auszubildenden eine falsche Vorstellung vom angestrebten Beruf hatten.

Auch für die hohe Studienabbrecherquote liegt eine wesentliche Ursache darin, dass viele Studienanfängerinnen und –anfänger unklare oder falsche Vorstellungen von ihrem Studienfach hatten.

Das Fazit, das auch die IHK-Studie zieht: Die Schülerinnen und Schüler werden beim Übergang von der Schule in Ausbildung und Studium noch immer viel zu sehr allein gelassen.

Es ist schon ein Fehler des niedersächsischen Schulgesetzes, dass es ausschließlich für die Hauptschule und die Realschule eine Berufsorientierung vorsieht, nicht aber für das Gymnasium.

An vielen Hauptschulen hat sich tatsächlich in den letzten Jahren mit einer Vielzahl von Projekten, wie zum Beispiel der Kompetenzfeststellung,  punktuell eine Menge getan, aber noch immer zu wenig systematisch und zu wenig verbindlich.

Mit den neuen Erlassen für die Arbeit in den Haupt- und Realschulen geht die Landesregierung jetzt aber wieder einen großen Schritt zurück.

Statt die Berufsorientierung weiter zu stärken und zu systematisieren, soll jetzt die berufliche Ausbildung in die allgemein bildenden Schulen vorverlagert werden, auf Kosten der Allgemeinbildung.

Berufsorientierung, das bedeutet, dass sich die Schülerinnen und Schüler über ihre eigenen Stärken und Schwächen, über ihre eigenen Ziele beim Übergang in die Ausbildung klar werden und dass sie genügend Einblicke in die Arbeitswelt erhalten, damit sie sich auf einer soliden Grundlage für einen beruflichen Ausbildungsweg entscheiden können.

Wenn sich, wie es die Erlasse für die Hauptschule und die Realschule vorsehen, die Schülerinnen und Schüler künftig schon am Ende der achten Klasse, im Alter von gerade 14 Jahren auf die Fachrichtung ihrer beruflichen Ausbildung festlegen sollen, dann haben sie noch weniger Zeit für eine ausreichende berufliche Orientierung, dann haben sie noch weniger Gelegenheit, die berufliche Wirklichkeit kennenzulernen, bevor sie sich entscheiden. Dann wächst die Gefahr von Fehlentscheidungen.

Anrede,

in den Gymnasien findet fast gar keine Unterstützung bei der Berufswahl, bei der Vorbereitung auf eine berufliche Ausbildung oder ein Studium statt.

Das G 8 lässt gerade mal Zeit für ein einziges Betriebspraktikum in der 10. Klasse.

Ob die Schule darüber hinaus den Schülerinnen und Schülern vielleicht noch das eine oder andere Beratungsangebot der Arbeitsagentur vermittelt, bleibt schon weitgehend dem Engagement der einzelnen Lehrkraft überlassen.

Der Stoffdruck lässt dafür in der Regel kaum Zeit.

Wir setzen uns deshalb dafür ein, dass die Berufsorientierung in allen allgemeinbildenden Schulen des Sekundarbereichs, in der Hauptschule wie im Gymnasium wie in der Gesamtschule, deutlich gestärkt wird. Alle Schulen sollen den verbindlichen Auftrag erhalten, ein Berufs- bzw. Studienorientierungskonzept zu erarbeiten.

Dieses Konzept soll folgende Punkte enthalten:

Erstens: Alle Schulen im Sekundarbereich, ausdrücklich auch die Gymnasien, vermitteln ihren Schülerinnen und Schülern mehr Einblicke in die Berufs- und Arbeitswelt.

Dazu bauen sie ein Netz an außerschulischen Lernorten auf. Auch Schülerfirmen soll es in allen Schulformen geben.

Zweitens: Alle Schulen im Sekundarbereich unterstützen ihre Schülerinnen und Schüler dabei, Klarheit über ihre individuellen Stärken und Schwächen, ihre beruflichen Wünsche und Ziele und über ihre Chancen und Möglichkeiten auf dem Ausbildungsmarkt zu gewinnen.

Dafür reicht es bei weitem nicht, ihnen einen kurzen Beratungstermin bei der Arbeitsagentur zu vermitteln und ihnen das Handbuch zur Studien- und Berufswahl in die Hand zu drücken.

Drittens sollen alle Schulen im Sekundarbereich für jeden Schüler und jede Schülerin eine Ansprechpartnerin bzw. einen Ansprechpartner benennen, der ihm bzw. ihr über den Schulabgang hinaus bis zum erfolgreichen Eintritt in eine Berufsausbildung oder ein Studium begleitend und beratend zur Verfügung steht.

Vorbildlich sind hierfür Konzepte, die derzeit im Hamburg entwickelt und umgesetzt werden.

Es darf einfach nicht sein, dass in dieser Übergangszeit etliche Jugendliche verloren gehen und niemand weiß, wo sie geblieben sind.

Auch die Bundesbildungsministerin Frau Schavan hat das Problem erkannt und will jetzt Bildungslotsen einsetzen.

Ihr Ansatz  ist nicht falsch, aber er bleibt hilflos, weil ihr durch die Föderalismusreform die Hände gebunden sind. Ich kann dem Kommentar in der HAZ von gestern nur zustimmen: "'Bildungslotsen' können nicht ausbügeln, was vorher versäumt wurde. Statt neue Reparaturprogramme zu starten, sollten daher die Bedingungen in den Schulen grundlegend verbessert werden."

Wir sind überzeugt, dass ein verbindliches Berufs- und Studienorientierungskonzept der Schulen und verantwortliche Ansprechpartner wichtige Bausteine sind, um dafür zu sorgen, dass tatsächlich kein Abschluss ohne Anschluss bleibt!

Deshalb hoffen wir darauf, dass auch die Regierungsfraktionen diesen Antrag mittragen können und sind gespannt auf die Beratungen.

Noch kurz zum Antrag von CDU und FDP

Die Zielrichtung, die Schülerinnen und Schüler für den europäischen Arbeitsmarkt fit zu machen, ist sicherlich richtig, aber der Antrag bleibt noch zu vage, wie dieses Ziel erreicht werden soll.

Zu großen Teilen handelt es sich ja schlicht um einen Prüfauftrag.

Das LEONARDO DA VINCI-Programm läuft schon an vielen Schulen. Es krankt aber nach unseren Informationen daran, dass es einen unglaublich hohen bürokratischen Aufwand von den Schulen erfordert. Diese bürokratische Hürde muss dringend abgebaut werden.

Das noch größere Problem für Austauschprojekte innerhalb der EU besteht darin, dass hierfür die Ausbildungsbetriebe ihre Azubis für mehrere Wochen freistellen und dennoch die Ausbildungsvergütung weiterbezahlen müssen. Dazu sind aber viele Betriebe, vor allem kleinere, nicht bereit und vielleicht auch nicht in der Lage.

Von der EU gibt es aber nur eine Reisekostenerstattung und einen Zuschuss zur Unterbringung.

Zum Unterhalt sind die Auszubildenden auf die Ausbildungsvergütung angewiesen. Wenn der innereuropäische Austausch während der Ausbildung gestärkt werden soll, dann muss dafür auch Geld bereit gestellt werden.

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