Rede Ina Korter: Landesregierung stellt Ideologie vor Qualität – Bundesweit ausgezeichnetes Göttinger Schulmodell vor dem Aus?
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Herr Althusmann, ich frage mich: Wie lange will sich diese Landesregierung eigentlich noch mit ihrem peinlichen Kampf gegen Gesamtschulen bundesweit blamieren?
Zum dritten Mal schon hat eine niedersächsische Integrierte Gesamtschule, in diesem Jahr die Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule in Göttingen, den Deutschen Schulpreis, die am höchsten dotierte Auszeichnung der Bundesrepublik, für ihre hervorragende Arbeit bekommen. Wir gratulieren von dieser Stelle, aus dem Landtag, der Gesamtschule in Göttingen sehr herzlich. Wir sind stolz auf diesen Preis.
? Ich habe sehr wohl gesehen, wer nicht geklatscht hat. ? Meine Damen und Herren, das Pikante ist: Ausgerechnet Bundespräsident Christian Wulff überreicht schmallippig diesen bedeutenden Preis. Er weiß sehr gut, was für eine peinliche Demütigung dies für ihn und die CDU-Bildungspolitik bedeutet, die er hier als Ministerpräsident in Niedersachsen eingeleitet hat - er, der es immer verstanden hat, die Einladung an diese Gesamtschule zu umgehen.
Der gleiche Christian Wulff ist 2003 mit seiner CDU hier in Niedersachsen angetreten, um, wie die taz am 10. Juni schrieb, Gesamtschulen wie die IGS in Göttingen von der schulpolitischen Landkarte zu tilgen.
Ja, meine Damen und Herren von CDU und FDP, Sie wollten diese Schulform anfangs sogar ganz aus dem Schulgesetz streichen. Fünf Jahre lang haben Sie ohne jeden Grund diese Gesamtschulen verboten. 2003, kurz vor der Wiederwahl, kündigte Christian Wulff dann eine Lockerung des Verbots an - das nur zu Ihrer Erinnerung. Seit 2008 werden Gesamtschulen wieder zugelassen, aber sie müssen fünfzügig sein.
Das ist eine schwierige Größe, allein der politischen Willkür geschuldet.
Aber weil das immer noch nicht reichte, die Nachfrage in Niedersachsen nach Gesamtschulen zu stoppen, verfiel die schwarz-gelbe Landesregierung wieder auf eine neue Schikane: Gesamtschulen müssen jetzt auch das Turboabitur nach Klasse 12 vergeben. "Das macht unser Konzept kaputt", sagt Schulleiter Wolfgang Vogelsaenger von der IGS Göttingen. Kinder lernen von Kindern und mit Kindern. Bis Klasse 10 lernen die Kinder an der IGS Göttingen gemeinsam in Tischgruppen ohne äußere Kursdifferenzierung, ohne Sitzenbleiben und ohne Abschulung. Meine Damen und Herren, der Erfolg gibt ihr recht: 70 bis 75 % dieser Kinder eines Jahrgangs verlassen die Schule mit Abitur.
Ist das denn etwa kein Erfolg? - Offensichtlich freuen Sie sich gar nicht darüber. Wenn es nach Herrn Althusmann geht, soll damit jetzt Schluss sein. Mit dem Turboabitur wird auch die Gesamtschule Göttingen in Zukunft gezwungen sein, im zehnten Jahrgang die Tischgruppen aufzulösen und die Schülerinnen und Schüler in Kurse mit verschiedenen Leistungsniveaus zu sortieren, gerade im 10. Jahrgang, wenn nach der Pubertät viele Jugendliche noch einmal richtig durchstarten. Genau das schreibt uns allen der Schulelternrat dieser Schule. Gerade in diesem Zeitraum werden die Leistungsträger als Zugpferde gebraucht, damit auch die anderen es schaffen.
Schon in den Jahrgängen 6 bis 9 wird das Turbokonzept weniger Zeit als bisher für Sozialtraining, für Teamtraining und für Berufsorientierung lassen. Herr Althusmann, statt die Gelingensbedingungen für das Göttinger Erfolgsmodell auch für andere Schulen nutzbar zu machen, wollen Sie es zerschlagen und noch nicht einmal für die Schule, die den Deutschen Schulpreis errungen hat, eine Ausnahme zulassen. Meine Damen und Herren, deutlicher kann man nicht zeigen, dass es Ihnen von der CDU nur um Parteipolitik und überhaupt nicht um die Qualität von Schule geht.
Herr Althusmann, diese Haltung ist unglaublich für einen Kultusminister, der auch noch Präsident der KMK ist.
Aber, meine Damen und Herren, es gibt zum Glück auch noch andere Stimmen in der CDU. Ich zitiere: Beschäftigt man sich intensiv und nachhaltig mit dem preisgekrönten Konzept der IGS Göttingen, wird schnell deutlich, dass die Verkürzung der Zeit bis zum Abitur von 13 auf 12 Jahre in einem solchen Konzept nicht unterzubringen ist. - Das sagt der Vorsitzende der Kreistagsfraktion der CDU Göttingen, Dr. Harald Noack, ein von uns sehr geschätzter ehemaliger Kollege hier im Landtag.
Er fährt fort: Lothar Koch, MdL, und ich werden uns nachdrücklich dafür einsetzen, dass eine solche Lösung trotz der zwischenzeitlich erklärten Absage doch noch verwirklicht wird. - Herr Althusmann, dem können wir uns mit der gesamten Fraktion der Grünen nur anschließen. Verzichten Sie darauf, dieser preisgekrönten IGS in Göttingen durch den Zwang zum Abi nach Klasse 12 das Konzept zu zerstören! Bundesweit wird diese Schule jetzt nachgefragt, überall wird eingeladen.
Letzter Satz: Sorgen Sie dafür, dass dieses gute Konzept in Niedersachsen und in Deutschland Schule machen kann! Wir sind sehr stolz auf diese Schule.