Rede Ina Korter: Junge Menschen nicht länger ohne Perspektive lassen – Verantwortung für die Berufsausbildung übernehmen
Anrede,
wenn die Landesregierung vom Lehrstellenmarkt spricht, muss ich immer an das alte Sandmännchen denken.
Vor wenigen Tagen hat Minister Hirche den Ausbildungspakt verlängert und als erfolgreiches Modell für mehr Ausbildungsplätze gepriesen.
Anrede,
zielgerichtetes politisches Handeln sollte mit der ungeschminkten Zurkenntnisnahme der Realität beginnen. Die Situation auf dem Lehrstellenmarkt ist dramatisch!
Nur noch knapp 40% der Jugendlichen in Niedersachsen, die nach der allgemein bildenden Schule in die Berufsausbildung einsteigen wollen, finden einen Ausbildungsplatz im dualen System.
Fast die Hälfte eines Jahrgangs landet in Übergangssystemen, so genannten Warteschleifen, die sie auf dem Weg zu einem anerkannten Berufsabschluss nicht weiter bringen, die ihre Chancen, später eine Lehrstelle zu finden, bestenfalls nicht verschlechtern.
Damit ist Niedersachsen bundesweit Schlusslicht.
Die Zahl der Altbewerber übersteigt inzwischen die Zahl der Neubewerber.
Weniger als ¼ der Betriebe bilden überhaupt noch aus.
Die Ausbildungsquote, also der Anteil der Auszubildenden an den Beschäftigten, liegt noch bei gut 5%.Diese Zahlen sind an sich schon dramatisch genug.
Die problematische Situation Tausender Jugendlicher in Niedersachsen lässt sich durch Statistiken aber nicht annähernd ermessen.
Anrede,
was es für Zehntausende von Jugendlichen bedeutet, 20, 30 manchmal über hundert Bewerbungen geschrieben zu haben, immer wieder hoffen und doch wieder enttäuscht zu werden, das können wir uns alle nicht wirklich vorstellen.
Dass bei vielen das Gefühl aufkommt, von dieser Gesellschaft nicht gebraucht zu werden, nutzlos zu sein, liegt auf der Hand. Diese Enttäuschung schafft sich natürlich Ventile:
Bei manchen ist das Ventil Gewalt, auch rechtsextreme Gewalt, andere versuchen ihren Frust mit Alkohol und Drogen zu bewältigen.
Für ein demokratisches Gemeinwesen ist das hoch gefährlich!
Und das um so mehr, wenn bestimmte Gruppen, insbesondere Jugendliche mit Migrationshintergrund, weit überproportional betroffen sind.
Wenn die Gesellschaft diesen Jugendlichen keine Perspektive bietet, braucht sie sich nicht zu wundern, wenn sie sich abwenden und sich ihre Perspektiven woanders suchen.
Anrede,
ich glaube, wir alle müssen uns eingestehen, dass wir mit den alten Rezepten nicht mehr weiterkommen.
Wir appellieren seit Jahren an die Wirtschaft doch endlich mehr Ausbildungsplätze zu schaffen. Gleichzeitig steigt die Zahl derer, die sich erfolglos um einen Ausbildungsplatz bemühen. Wir müssen erkennen: Unsere Bemühungen waren zwar nicht nutzlos, aber bei weitem nicht ausreichend. So bitter das auch ist.
Herr Minister Busemann, man sollte schon erkennen, dass wir mit den alten Rezepten nicht weiterkommen und man sollte sich nicht mit platten Beschimpfungen derer über die Runden retten wollen, die andere Wege vorschlagen.
Nicht um einen Ersatz des dualen Systems schulischer und betrieblicher Berufsausbildung geht es, sondern um Weiterentwicklung und Ergänzung!
Es herrscht überhaupt kein Streit darüber, dass das duale System die beste Möglichkeit ist, die jungen Leute praxisnah auszubilden.
Deshalb brauchen wir eine Debatte nach dem Motto "Die duale Ausbildung wird in Frage gestellt" überhaupt nicht führen, Herr Busemann. Das ist nur Schattenboxen.
Anrede,
statt mit dem hohen Lied des dualen Systems auf den Lippen auf bessere Zeiten zu warten, müssen wir endlich handeln.
Wir brauchen Konzepte, wie auch die schulische Berufsausbildung ausgebaut und weiterentwickelt werden kann.
Der Anteil derer, die eine vollzeitschulische Berufsausbildung machen, liegt seit Jahren ziemlich konstant bei etwa 17%. Diese Situation wird der Entwicklung unserer Wirtschaft nicht mehr gerecht.
Die SPD hat jetzt zum Ausbau der vollzeitschulischen Berufsausbildung einen Vorschlag vorgelegt, den wir im Grundsatz unterstützen. Über Details werden wir im Ausschuss eingehend beraten.
Anrede,
unsere Arbeitswelt hat sich in den letzten Jahren kontinuierlich gewandelt.
Heute arbeiten wesentlich mehr Menschen im Dienstleistungssektor als vor 20 Jahren.
Im Gegensatz zum Handwerk und zur Industrie gibt es in vielen Dienstleistungsberufen, zum Beispiel in der IT-Branche, keine wirkliche betriebliche Ausbildungstradition.
Gerade in diesen Bereichen eine verstärkte vollzeitschulische Berufsausbildung zu etablieren, steht doch überhaupt nicht in Konkurrenz zur dualen Ausbildung.
Anrede,
wir wollen keine starre Alternative: Entweder duale Ausbildung oder Vollzeitberufsschule. Wir möchten viel stärker Module bilden: Die Grundlagen für einen bestimmten Berufszweig können in einem ersten Ausbildungsmodul gelegt werden. Wer das erfolgreich absolviert, bekommt diesen Ausbildungsteil auf die weitere Ausbildung angerechnet. Darauf baut dann ein zweites, weiter spezialisiertes Modul auf, das entweder in einem Betrieb absolviert wird oder ebenfalls in schulischer Form und so weiter.
Anrede,
wichtig ist mir vor allem eines:
Die ganzen Warteschleifen, in denen fast die Hälfte der Ausbildungsplatzsuchenden eines Jahrgangs landen, müssen so umgebaut werden, dass sie auf die Berufsausbildung anrechenbare anerkannte Qualifikationen vermitteln. So wie es jetzt läuft, darf es nicht weiter gehen:
Die jungen Leute in den Warteschleifen durchlaufen eine Maßnahme nach der anderen, im Durchschnitt viermal nacheinander, und kommen dabei auf dem Weg zu einem Abschluss nicht weiter.
Was das für die Motivation bedeutet, kann sich jeder ausmalen:
Die Jugendlichen haben dazu schlicht keine Lust, weil sie genau wissen, wie wenig ihnen diese Maßnahmen tatsächlich bringen.
Das Ganze dient vor allem dazu, geschönte Bilanzen zur Ausbildungsplatzsituation vorlegen zu können.
Dafür ist es aber einfach zu teuer:
Rund vier Milliarden geben wir bundesweit jährlich für die Warteschleifen aus.
Dieses Geld wäre in sinnvollen Maßnahmen, die berufliche Teilqualifikationen vermitteln, wesentlich besser angelegt.
Anrede,
die Situation der Berufsausbildung hat auch eine ganze Menge mit dem allgemein bildenden Schulwesen zu tun.
Fakt ist:
Solange wir ein Schulsystem haben, dass auf Selektion statt Integration setzt.
solange fast 10% eines Jahrgangs die Schule ohne jeglichen Abschluss verlässt, brauchen wir besondere Formen, mit denen wir diesen jungen Menschen eine zweite Chance geben.
Es gibt da wunderbare Beispiele, wie in Produktionsschulen durch die Verbindung von Arbeiten und Lernen arbeitsmarktnahe Qualifikationen vermittelt werden und wie diejenigen, die bisher immer die Verlierer waren, in solchen Einrichtungen plötzlich hochmotiviert sind und ganz tolle Fähigkeiten entwickeln.
Herr Busemann,
weil in der allgemein bildenden Schule aber sehr viel im Argen liegt, was uns später bei der beruflichen Bildung auf die Füße fällt, kann ich Ihnen eine Anmerkung nicht ersparen:
Der Starrsinn, mit dem Sie am dreigliedrigen Schulsystem festhalten, sind ein erheblicher Teil des Problems, über das wir hier heute reden.
Sie fördern die Schülerinnen und Schüler nicht genug, sie sortieren und kontrollieren und leisten sich dazu eine schlechte Unterrichtsversorgung.
Anrede,
Wir können es uns angesichts der demografischen Entwicklung auch ökonomisch gar nicht leisten, auch nur einen Jugendlichen nicht optimal auszubilden.
Gut ausgebildete Menschen sind die einzige Ressource, die dieses Land hat.
Im Moment gehen wir damit verdammt wenig nachhaltig um.
Anrede,
wir haben bei den Regionen des Lernens eine einvernehmliche Lösung mit allen Fraktionen gefunden. Alle Fraktionen gemeinsam haben das Projekt ProReKo für die Berufsbildenden Schulen beschlossen und über den Regierungswechsel hinaus weitergetragen.
Ich bitte Sie, auch bei der Weiterentwicklung der beruflichen Bildung nach gemeinsamen Lösungen zu suchen.
Lassen Sie uns alle an konstruktiven Lösungen arbeiten.
Angesichts der dramatischen Situation vieler Schulabgängerinnen und -abgänger, die Jahr für Jahr keinen vernünftigen Start ins Berufsleben finden, sind wir dazu verpflichtet.
Jugendliche brauchen eine Perspektive für ihre Zukunft.