Rede Ina Korter: Deutsche Rechtschreibung konsequent vereinfachen
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Anrede,
glaubt man Ihren Worten, Herr Ministerpräsident, drohen in Niedersachsen Chaos und Anarchie, wenn die Rechtschreibreform im August nächsten Jahres verbindlich werden soll.
Bei einer Spiel-Show im Fernsehen, bei der es um die neue Rechtschreibung ging, machen Sie Fehler. Da das nicht an Ihnen liegen kann, muss also etwas anderes schuld sein: Die Rechtschreibreform.
Dann muss die natürlich wieder rückgängig gemacht werden, fordern Sie, Herr Ministerpräsident und haben außerdem noch ein schönes Thema für das Sommerloch gefunden.
Anrede,
bis zu diesem Quiz war eigentlich alles klar.
Die Rechtschreibreform wurde 1995 einstimmig von allen 16 Bundesländern beschlossen. Alle Kultusminister – auch Herr Busemann – hatten im Juni in der Kultusministerkonferenz für die verbindliche Umsetzung ab August 2005 gestimmt.
Eine vor Jahren gestartete Volksinitiative gegen die Reform war längst gescheitert.
Aber im Sommer 2004 beschwört Herr Wulff plötzlich den Untergang der deutschen Sprache, wenn die Rechtschreibreform wie geplant und beschlossen in Kraft treten soll. Alle inzwischen beruhigten Gemüter werden wieder auf den Plan gerufen.
Statt an einer Weiterentwicklung der Rechtschreibung, die aufwändig mit den anderen deutsch sprechenden Staaten Schweiz, Liechtenstein und Österreich abgestimmt worden ist, weiter konstruktiv zu arbeiten, für Verlässlichkeit zu sorgen, schürt der Ministerpräsident die Auseinandersetzung und heizt die Debatte an.
Anrede,
das Ganze geschieht auf Kosten der Schulkinder, denn die schreiben seit 1998 erfolgreich nach den neuen vereinfachten und logischeren Rechtschreibregeln. Sie haben sich darauf eingestellt und sollen nun alles neu lernen, nur weil ein paar ältere Herren in der CDU und einige Schriftsteller oder Chefredakteure keine Lust haben umzulernen und sich an etwas Neues zu gewöhnen?
Das Gezerre um die Rechtschreibreform wird ausgetragen auf Kosten der Eltern, die gerade die Schulbücher für ihre Kinder kaufen oder mieten mussten, weil die CDU/FDP-Landesregierung die Lernmittelfreiheit abgeschafft hat.
Offenbar ist es Herrn Wulff und Herrn Schwarz von der FDP egal, dass in den nächsten Jahren die gekauften Bücher schon wieder ersetzt werden müssen, würde die alte Rechtschreibung wieder eingeführt.
Gleichgültig ist Ihnen offenbar auch, dass viele Schulen gerade große Mengen neuer Schulbücher für ihren Mietbestand angeschafft haben, die – ginge es nach Ihnen – demnächst wertlos sind. Und auch die Schulbuchverlage, die auf ihren Büchern sitzen bleiben, scheinen Sie nicht zu kümmern.
Herr Ministerpräsident Wulff, Herr Busemann,
was Sie hier treiben ist nicht nur verantwortungslos gegenüber den Schulkindern in Niedersachsen, das ist angesichts der gerade erfolgten Abschaffung der Lernmittelfreiheit eine Dreistigkeit gegenüber den Eltern, die kaum zu überbieten ist.
Aber ich muss schon sagen, es passt logisch in das Konzept Ihrer konservativen Regierung:
In der schulpolitischen Weichenstellung geht es rückwärts mit Rezepten aus den 50iger Jahren des vorigen Jahrhunderts,
da passt es ganz gut, wenn Sie auch die Rechtschreibung auf den Stand von 1901 zurückführen wollen.
Aber wissen diejenigen, die sich so nach der alten Rechtschreibung zurücksehnen, auch tatsächlich, welche Mengen von Regeln, auch unlogischen und vor allem welche Mengen von Ausnahmeregeln sie wieder zurück haben wollen?
Anrede,
natürlich kann auch die Rechtschreibreform von 1995 nicht das letzte Wort sein. Sprache entwickelt sich weiter, dem müssen neue Reformen Rechnung tragen.
Der erste Schritt aber muss die konsequente Umsetzung der beschlossenen Reform zum August 2005 sein. Nur so können Sie Chaos und Verunsicherung an den Schulen vermeiden, die seit 5 Jahren nach diesen Regeln arbeiten.
Im zweiten Schritt muss es langfristig um eine ständige Vereinfachung der deutschen Rechtschreibung gehen. So könnten die Regeln zur Getrennt- und Zusammenschreibung flexibler gehandhabt werden.
Und, was die Groß- und Kleinschreibung angeht, ist die Rechtschreibreform noch halbherzig und mutlos.
Die Abschaffung der Großschreibung ist in den letzten Jahrzehnten von vielen Sprachwissenschaftlern, Kommissionen und auch von vielen Schriftstellern gefordert worden.
Nachdem Dänemark im Jahr 1948 die Großschreibung abgeschafft hat, ist Deutsch die einzige Sprache mit Groß- und Kleinschreibung.
Ich denke, dass Deutschland auch auf diesem Gebiet jetzt langsam seinen Reformrückstand aufholen und europäische Standards übernehmen könnte.
Eine mutige, nach vorn gerichtete Rechtschreibreform wäre das, was unsere Schulen brauchen:
Dass sich einige Großverlage im Alleingang entscheiden, alles nach den alten Regeln zu schreiben, ist für mich eine Missachtung der Interessen von Schülerinnen und Schülern.
Wie sollen denn Schulkinder in Niedersachsen richtig schreiben - und sie bekommen Rechtschreibnoten, die entscheidend sind für die weitere Schullaufbahn - wenn große Zeitungen es nicht nötig haben, sich dem gültigen KMK–Beschluss anzupassen?
Dass sich die CDU-Landtagsfraktion und die CDU-geführte Stadtverwaltung von Braunschweig dieser merkwürdigen Koalition von BILD und Spiegel anschließen, ist da schon eher peinlich.
Herr Ministerpräsident, Herr Busemann, meine Damen und Herren von der CDU und der FDP,
denken Sie endlich an die Interessen der Schülerinnen und Schüler und übernehmen Sie Verantwortung!
Es kann doch wohl nicht sein, dass Sie in dieser aus meiner Sicht hauptsächlich schulpolitischen Frage Ihre persönliche Befindlichkeit und mangelnde Lernbereitschaft zur Grundlage von Entscheidungen machen!