Rede Ina Korter: Aktuelle Stunde SPD - Abkehr vom Turbo-Abi - guter Bildung mehr Zeit geben
- Es gilt das gesprochene Wort -
Anrede,
seit mehr als 10 Jahren diskutieren wir jetzt immmer wieder über die Schulzeitverkürzung bis zum Abitur.
Damals, 2003, wollte die schwarz-gelbe Landesregierung die schnellste sein, die das Turbo-Abitur einführt.
All unsere Warnungen, die Kinder nicht als Versuchskaninchen einer schulpolitischen Turbo-Ideologie zu benutzen, Herr Thümler, Herr Dürr, haben nicht gefruchtet.
Ihr Ehrgeiz war Ihnen wichtiger: Ohne neue Lehrpläne, ohne neue Schulbücher mussten die Schülerinnen und Schüler in die verkürzte Schulzeit starten und die Lehrkräfte waren in keiner Weise vorbereitet.
Die Gymnasien mussten Nachmittagsunterricht einführen, um die vollgestopften Wochenstundentafeln zu schaffen, eine Mensa gab es an vielen Schulen aber nicht.
Für die Schülerinnen und Schüler hieß es bald: Mehrmals in der Woche sieben bis acht Stunden Unterricht und dann noch Hausaufgaben, üben, Referate.
Es kam nicht selten vor, dass Schülerinnen und Schüler noch um 10 Uhr abends an den Hausaufgaben saßen.
Für Sport, Musik, Theater oder gar Ehrenamt blieb keine Zeit.
Es waren nicht die Lehrerverbände, nein Eltern, die bald nach der Einführung des G 8 massive Kritik am Turbo-Abitur übten. Sie erlebten zu Hause, was es für ihre Kinder bedeutete.
Und auch von Kinderärzten kamen deutliche Warnungen.
Aber die schwarz-gelbe Koalition wollte 10 Jahre nichts davon wissen.
Was haben Sie sich damals alles verharmlost und darüber ausgelassen, als ich am 10. April 2008 hier im Parlament für die Grünen unseren Antrag mit Zitaten von Schülerinnnen aus der HAZ begründet habe, den Antrag mit dem Titel: „Schule darf nicht krank machen – Druck aus dem Turbo-Abitur nehmen“.
Und sogar noch am 28. Juni 2011 hat der FDP-Kollege Försterling zu unserem Grünen Gesetzentwurf, zu G8 und G9, erklärt:
„Wir lehnen diesen Gesetzentwurf ab, weil wir grundsätzlich die Einführung des Abiturs nach zwölf Jahren für richtig halten.“
Und Frau Bertholdes-Sandrock bezeichnete sogar die Hilferufe der Eltern in derselben Debatte als „Sorgen von Betroffenen, die die Medien hochgespielt haben“.
So wenig haben Sie, Anrede, die Schülerinnen und Schüler und ihre Eltern ernst genommen.
Und jetzt sollen wir Sie in der G8/G9-Debatte ernst nehmen? Wir haben genau zugehört und wir haben verstanden.
Anrede,
ich bin sehr, sehr froh, dass die rot-grüne Regierung nicht nur den Gesamtschulen das Turbo-Abitur erspart hat, sondern jetzt auch den Gymnasien wieder die Rückkehr zum G 9 ermöglicht.
Man konnte in der vergangenen Woche erleben, mit welcher Erleichterung diese Grundsatzentscheidung aufgenommen wurde.
Kein Verständnis habe ich allerdings für diejenigen, die bis zum Wahltag am 20. Januar 2013 eisern am Turbo-Abitur festgehalten haben und denen es jetzt bei der Kehrtwende zu G 9 gar nicht rasant genug gehen kann.
Noch im Juni 2011 hat Herr Försterling hier erklärt, man „muss auch für das Abitur nach 13 Jahren neue Kerncurricula einführen. Dabei wird man möglicherweise auf dieselben Umstellungsprobleme stoßen wie beim Abitur nach zwölf Jahren.“
Ausnahmsweise haben Sie da einmal Recht gehabt, aber heute wollen Sie davon nichts mehr wissen.
Heute behaupten Sie, eine Rückkehr zum G 9 sei ohne jedes Umstellungsproblem möglich.
Da merkt man doch, dass Sie Ihre Argumente wechseln wie Ihre Oberhemden, wenn es nur für den politischen Zweck passt.
Das ist eben FDP.
Gerade von Ihnen werden wir uns deshalb nicht treiben lassen.
Ihren Fehler, wichtige schulpolitische Strukturfragen von oben herab überstürzt zu verordnen, den werden wir nicht wiederholen.
Wir werden die Rückkehr zum G 9 unter Berücksichtigung der Ergebnisse der Expertengruppe sorgfältig vorbereiten und dann zum Schuljahr 2015/16 solide umsetzen, so dass möglichst auch die jetzt in Klasse 5 und 6 oder 7 befindlichen Jahrgänge davon profitieren.
Parteipolitisch motivierter blinder Aktionismus auf dem Rücken der Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte, das ist nicht unser Stil.