Rede Ina Korter: Änderung des Niedersächsischen Schulgesetzes

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Anrede,
die Koalitionsfraktionen wollen gleich ein Schulgesetz für Niedersachsen beschließen, das den Namen trägt "Gesetz zur Verbesserung von Bildungsqualität und zur Sicherung von Schulstandorten".
Beide Versprechen der Überschrift - Bildungsqualität verbessern und Schulstandorte sichern - werden Sie nach meiner Auffassung mit diesem Gesetz nicht einlösen können.
Im Gegenteil: Ihre Entscheidungen werden ganz andere Konsequenzen haben! Sie werden die Qualität unseres Schulsystems verschlechtern und Sie werden durch Ihr Hau-Ruck-Verfahren ein heilloses Chaos in unserer Schullandschaft anrichten!
Sie schaffen die Orientierungsstufe überstürzt ab!
Sie sortieren Schülerinnen und Schüler angeblich begabungsgerecht viel zu früh nach Klasse 4 in verschiedene Schulen, verschenken damit Bildungspotenzale unserer Kinder und verwehren Spätentwicklern Bildungschancen.
Sie wollen ein schnelles Zentralabitur nach Klasse 12 ohne Rücksicht auf Verluste: die Verhinderung von Durchlässigkeit und eine niedrigere Abiturientenquote nehmen Sie in Kauf.
Sie verbieten die Neugründung von Integrierten und Kooperativen Gesamtschulen in Niedersachsen und ignorieren damit den Wunsch zahlreicher Eltern.
Meine Damen und Herren von CDU und FDP, ich habe bereits mehrfach in den Beratungen betont, dass Ihr Gesetzentwurf nicht fachlich-pädagogisch begründet ist, sondern eine rein ideologische Weichenstellung darstellt. Dagegen haben Sie massiv protestiert, aber nicht ein einziges tatsächliches Argument anbringen können.
Nach hartnäckigem Nachfassen haben wir endlich erfahren, worauf der Kollege Klare, der sogenannte Vater des Gesetzes, den Gesetzentwurf fachlich stützt.
Man glaubt es kaum: auf eine Untersuchung des Max-Planck-Institutes aus dem Zeitraum 1968-1970, also auf mehr als 30 Jahre alte Erkenntnisse!
Damit ist allerdings klar, Herr Klare, weshalb Ihr Gesetz derart reaktionär ist und in die 60iger Jahre des vergangenen Jahrhunderts gehört.
Es muss ernsthaft gefragt werden, weshalb Sie eigentlich die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse aus PISA, aus PISA E, aus IGLU, die Forderungen von Prof. Hans-Günter Rolff, von Prof. Jürgen Baumert, PISA-Experte, von Prof. Valtin, IGLU-Expertin, von Prof. Klemm und vielen anderen Fachleuten und jetzt auch die Forderungen des Bundeselternrates nicht zur Kenntnis nehmen wollen.
Denn alle – ausnahmslos alle - fordern heute eine längere gemeinsame Schulzeit ohne frühe Auslese, aber mit individueller Förderung von Anfang an mit der entsprechenden fachlichen Unterstützung. Sie warnen vor der frühen Selektion nach Klasse 4, die sich in vielen Fällen als Fehlentscheidung herausgestellt hat, im streng getrennten System der Drei- besser Viergliedrigkeit aber kaum mehr zu korrigieren ist. Sie fordern – wie wir auch - eine Schule für alle Kinder, damit auch diejenigen gerechte Bildungschancen haben, die aus bildungsfernen Schichten kommen, und die bei unserem jetzigen System die VerliererInnen sind.
Die Koalitionsfraktionen aber sperren sich gegen jede Erkenntnis!
Sie zeigen sich in der entscheidenden Frage, ob bei uns in Niedersachsen weiterhin mehr als 20 % der Jugendlichen mit einer nicht ausreichenden schulischen Qualifikation "auf der Strecke bleiben" beratungsresistent.
Chancengerechtigkeit für alle, so etwas kommt bei Ihnen nicht vor.
Das ist es genau, was ich als ideologisch bezeichne.
Sie wollen gemeinsam mit den anderen konservativ geführten Bundesländern ein gegliedertes System mit scharfer Selektion.
Sie wollen weiter alles an Geld und Aufwand in die Gymnasien mit mehr Unterricht und schnellem Abitur stecken!
Sie wollen die Trennung der Gymnasien von allen anderen Schularten, denn integrative Ansätze sind für Sie offenbar "Teufelszeug"!
RealschülerInnen und SchülerInnen der IGS müssen die 10. Klasse zweimal machen, wenn sie ein Abitur nach Klasse 12 ablegen wollen, das wollen Sie so!
HauptschülerInnen haben angeblich eher praktische Fähigkeiten, deshalb sollen sie gar nicht erst mit fundiertem Allgemeinwissen belastet werden, das ist Ihre überholte Vorstellung vom angeborenen Platz jedes Menschen in der Gesellschaft.
Sie können nicht benennen, wo zusätzliche Förderung durch die 2.500 neuen Lehrkräfte an Grundschulen oder an Hauptschulen stattfinden wird.
Sie nehmen in Kauf, dass Hauptschülerinnen und Hauptschüler die VerliererInnen Ihrer Schulreform sind. Sie sind es, die weiter systematisch demotiviert werden, weil sie bald schon in der 4. Klasse bescheinigt bekommen, dass sie nicht gut genug sind.
Anrede,
Kein anderes europäisches Land sortiert die Kinder so früh und so endgültig auf unterschiedliche Schulformen aus.
Unser Schulsystem hat große Schwächen.
Die schlimmste aber ist aus meiner Sicht die, die Sie mit dem Gesetz heute wieder festschreiben wollen:
Sie schaffen ein selektives System, das die Schulen aus der Verantwortung entlässt, sich auch um schwierige Schülerinnen zu kümmern, weil es die Möglichkeit der Abschulung gibt.
So etwas wäre in Finnland, einem der PISA-Siegerländer, undenkbar. Von den Finnen sollten und können wir wirklich einiges lernen. Dort stehen das Wohlbefinden des Kindes und sein Recht auf Bildung und Förderung im Mittelpunkt.
Wenn es Schwierigkeiten hat, bekommt es in Finnland sofort fachkundige Förderung,
bei uns – schlechte Noten.
Um gut lernen zu können, muss ein Kind gesund und richtig ernährt sein. Dafür wird in Finnland gesorgt.
Wie viele Kinder kommen bei uns ohne Frühstück in die Schulen.
Minister Busemann will das Abitur nach Klasse 12 mit Nachmittagsunterricht an mindestens 3 Wochentagen einführen, ohne sich Gedanken darüber zu machen, wie die Schülerinnen und Schüler mittags versorgt und betreut werden!
Ich habe es schon mehrfach betont und sage es noch einmal:
Die finnische Schulpolitik ist geprägt von dem Leitgedanken: Wir können auf kein Kind verzichten.
Das muss endlich auch für uns gelten!
Eine demokratische Schule muss der Idee der Einbeziehung folgen statt der Ideologie der Ausgrenzung.
Anrede,
das neue Schulgesetz verfolgt weiter die soziale Ausgrenzung anstelle der Integration und wird unsere Zustimmung nicht finden.
es gilt das gesprochene Wort

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