Rede Heiner Scholing: Antrag (CDU) zum Bildungsabbau in Niedersachsen

- Es gilt das gesprochene Wort -

Anrede,

ihr Antrag gibt mir Gelegenheit über GUTE SCHULE zu sprechen.

An ihren völlig überholten Vorstellungen von Leistung und Bildung kann ich noch einmal herausstellen, worum es uns geht.

Lernen am Negativbeispiel nennt man das in der Didaktik. Ich komme dazu!

Ich möchte aber mit einem positiven Beispiel von guter Schule beginnen.

Eine niedersächsische Grundschule hat den Deutschen Schulpreis 2016 gewonnen. Im Namen meiner Fraktion gratuliere ich der Grundschule Süsteresch in Schüttdorf zu diesem Preis. Das ist eine großartige Anerkennung für herausragende Leistungen.

Was zeichnet diese Schule aus?

  • Sie ist eine Ganztagsschule.
  • Inklusion ist ein zentrales Anliegen, das die ganze Schule und alles was die Schule tut, betrifft.
  • Individualisiertes Lernen wird gefördert.
  • Alle Lernbereiche sind gleichrangig.
  • Mitwirkung und Demokratie von Anfang an.

Und damit keine Missverständnisse entstehen: eine gute Schule kümmert sich selbstverständlich auch um gute Leistungen.

Soviel zum Positivbeispiel. Aber ich kann Ihnen einen Blick auf das Negativbeispiel nicht ersparen. So komme ich zu ihrem Antrag.

Was stellen Sie in ihrem Antrag in den Vordergrund?

Dieser Antrag enthält in seinen insgesamt 15 Punkten nicht einen einzigen neuen Gedanken, nicht einen einzigen Vorschlag, wie die Schule verbessert werden kann.

Stattdessen versucht die CDU mit diesem Antrag, längst erledigte Debatten der vergangenen Jahre wieder aufzuwärmen.

Wegfall der Schullaufbahnempfehlung – das kann in ihrer Weltsicht nur zu einer Absenkung des Leistungsniveaus führen. Dass Lernprozesse zentral etwas zu tun haben mit Motivation, mit Freude am Lernen, mit Individualisierung von Lernprozessen usw. Schweigen im Walde

Rückkehr zum Abitur nach 9 Jahren – kein Anlass für sie, darüber nachzudenken, warum das Abitur nach 8 Jahren gescheitert ist. Zu wenig Zeit zum Lernen, zu wenig Zeit zum sich ausprobieren, zu wenig Zeit für Vertiefung – kein Wort dazu. Sie reduzieren die Debatte auf die Frage nach der Anzahl der Stunden für den naturwissenschaftlich mathematischen Unterricht.

Wegfall der Verpflichtung in Jahrgang 11 eine zweite Fremdsprache belegen zu müssen – kein Zutrauen in die Urteilskraft von jungen Erwachsenen, kein Begriff von Selbstverantwortung

Und natürlich immer wieder die Mär vom vermeintlichen rot-grünen Kampf gegen Gymnasien. Nur schade, dass all das, was sie in düstersten Farben an die Wand gemalt haben, nicht eintritt. Das massenhafte Sterben der Gymnasien findet nicht statt – und war ja auch nie beabsichtigt.

Vorschläge, wie Schulqualität verbessert werden kann? Fehlanzeige!

Herausstellen der Bedeutung der inklusiven Schule? Ebenfalls Fehlanzeige!

Die heutige Realität, der Kontext, in dem die Schule sich entwickeln muss, wird in dem CDU-Antrag überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Kein Wort zu den Herausforderungen und Chancen, dass ca. 30.000 Flüchtlingskinder neu in unseren Schulen aufgenommen werden.

Stattdessen setzen Sie auf pädagogische Konzepte von vorgestern:

  • Sitzenbleiben beibehalten – obwohl die pädagogische Forschung immer deutlicher macht, dass das Sitzenbleiben niemandem wirklich hilft,
  • Noten so früh wie möglich – hier trauen Sie den Grundschulen nicht zu, selbst zu entscheiden, wann sie Noten für pädagogisch sinnvoll halten –
  • Schullaufbahnempfehlung wieder einführen – obwohl die IGLU-Studien gezeigt haben, dass die Schullaufbahnempfehlungen die weitere Entwicklung der Schülerinnen und Schüler nicht wirklich verlässlich prognostizieren konnten, sondern stark abhängig sind vom sozialen Hintergrund der Schülerinnen und Schüler, und
  • die Wahlfreiheit in der Oberstufe weiter einschränken, obwohl die Schülerinnen und Schüler bessere Leistungen erbringen können, wenn auf ihre Neigungen und Begabungen mehr eingegangen wird.

Ein Hinweis zur Unterrichtsversorgung. Ja, eine gute Unterrichtsversorgung hat etwas mit Qualität von Schule zu tun. Deshalb arbeitet das Ministerium auch intensiv daran, dass trotz erhöhter Bedarfe auch für das kommende Schuljahr eine Unterrichtsversorgung von ca. 100% erreicht wird. Aber auch bei diesem Thema sollten wir sehr sorgsam argumentieren und auf Populismus verzichten. Eine Ergänzung zu einer vertiefenden Auseinandersetzung: Im Jahr 2012, also dem letzten Jahr von Schwarz-gelb, lag die Unterrichtsversorgung bei 102 %, das bedeutete, dass 1,601 Unterrichtsstunden je SchülerIn erteilt wurden. Im Jahr 2014 hingegen gab es bei 101 % - scheinbar also weniger – in Wirklichkeit 1,667 Unterrichtsstunden je SchülerIn, tatsächlich also 4,1% mehr Unterricht als unter Schwarz-gelb. Die schlichte Erklärung für diesen scheinbaren Widerspruch: Rot-grün stellt wesentlich mehr Lehrerstunden für Ganztagsunterricht und für Inklusion zur Verfügung als Schwarz-gelb und hat deshalb das Soll deutlich heraufgesetzt. Hinter 100 % Unterrichtsversorgung heute steckt deutlich mehr Unterricht als hinter 102% Unterrichtsversorgung vor 4 Jahren.

Ich habe mich lange gefragt, was die CDU mit diesem Antrag eigentlich will. Wollen sie möglicherweise nur die Hintergrundmusik für kommende Wahlkämpfe komponieren?

Einen inhaltlichen Zweck kann ich nicht erkennen.

Zurück zum Pressearchiv