Rede: Hans-Joachim Janßen zur Aktuellen Stunde der FDP über den Antibiotikaeinsatz in der Human- und Tiermedizin

- Es gilt das gesprochene Wort -

Anrede,

auch wenn Sie den ersten Halbsatz Ihrer Aktuellen Stunde mit einem Fragezeichen versehen: Es ist eine Unverschämtheit was Sie da präsentieren, meine Damen und Herren von der FDP.

Das ist ein Schlag ins Gesicht der über eine Million Menschen, die sich nach Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene jährlich mit multiresistenten Keimen infizieren. Bei bis zu 40.000 Patientinnen und Patienten jährlich wird diese Infektion als wesentliche Todesursache angenommen. Ist das grüne Ideologie? Nein, meine Damen und Herren, dass ist die traurige Realität.

Natürlich ist der Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung nicht die einzige Ursache. Auch in der Humanmedizin ist der Einsatz deutlich zu hoch und dass es in einer Reihe von Krankenhäusern deutliche Hygienemängel gibt, wird auch niemand ernsthaft bestreiten. Und auch daran arbeitet diese Landesregierung und das wissen Sie auch, meine Damen und Herren von der FDP, aus der Antwort zu Ihrer Anfrage von Anfang März diesen Jahres.

Wir wissen aber auch, dass der zum Teil fast flächendeckende Antibiotikaeinsatz in der Tiermast eine Brutstätte für die Entwicklung multiresistenter Keime ist. Und in welchem Umfang da gerade im Geflügelbereich Antibiotika eingesetzt werden, das wissen wir aufgrund von Studien aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen.

Bei der von der damaligen schwarz-gelben Landesregierung im November 2011 veröffentlichten Studie über den Antibiotikaeinsatz in Niedersachsen kam heraus, dass 92% aller Mastputen und 76% aller Masthühner im Laufe ihres Lebens Antibiotika bekommen haben. Über 30% der Hühner wurden nach dieser Untersuchung übrigens nur ein bis zu 2 Tagen mit Antibiotika behandelt. Dass gerade bei dieser kurzen Medikation die Bakterienstämme vollständig abgetötet wurden, kann niemand ernsthaft glauben.

Wenn mir Ihr Arzt Antibiotika verschriebt, was sagt der dann? Das Medikament aufgebrauchen, auch wenn die Symptome schon vorher weg sind. Warum sagt der das? Damit die Bakterien wirklich vollständig abgetötet werden. Denn sonst überleben die Widerstandsfähigen und vermehren sich prächtig und so bilden sich Multiresistenzen. Nicht immer ist weniger besser, meine Damen und Herren. Wir müssen zwar mit dem Antibiotikaeinsatz deutlich runter, keine Frage. Aber dann, wenn Nutztiere wirklich eine bakterielle Infektion haben, dann müssen sie auch austherapiert werden.

Anrede,

wenn 80 Prozent der in der Landwirtschaft Beschäftigten nach einer Untersuchung der Uni-Klinik Münster aus 2012 mit multiresistenten Keimen besetzt sind, wenn Ferkelzüchter, Puten- und Hühnermäster als Risikopatienten eingestuft werden, die erst mal in Quarantäne genommen werden wenn sie ins Krankenhaus müssen, dann ist das keine grüne Ideologie, meine Damen und Herren von der FDP, dann ist auch das bittere Realität.

Anrede,

die MRSA-Keime die Menschen gefährlich werden können sind nicht die gleichen wie die MRSA-Keime von Nutztieren. Insofern ist der Anteil direkter Infektionen durch MRSA-Keime aus dem landwirtschaftlichen Bereich gering. Da haben Sie Recht. Aber das sollte uns nicht beruhigen. Die Keime sind sehr anpassungsfähig und tauschen die Multiresistenzinformationen über Artgrenzen hinweg aus. „Sie besuchen sich wie liebe Verwandte“ schrieb die ZEIT vom 20. November letzten Jahres in einem wirklich sehr lesenswerten Beitrag zu diesem Problem. Wer das googeln will: Die Überschrift lautet „Das bringt uns noch um“.

1452 Tonnen Antibiotika sind 2013 in den Bereich der Tiermedizin gegangen. Mehr als 1/3 davon – nämlich rund 580 Tonnen – sind an Betriebe in den Postleitzahlenbereich 49 – die Region Vechta, Cloppenburg, Osnabrücker-Land, aber auch Teile des Kreises Steinfurt in NRW gegangen. Die Gesamtmenge ist seit der ersten systematischen Erfassung für das Jahr 2011 zwar zurückgegangen. Das ist aber nur eine halbwegs gute Botschaft, denn gleichzeitig ist der Einsatz der sogenannten Reserveantibiotika deutlich gestiegen. Diese Reserveantibiotika sollten eigentlich in der Humanmedizin für die Fälle reserviert werden, in denen nichts anderes mehr hilft. Deshalb bin ich dafür, diese Antibiotika in der Tiermedizin schlicht zu verbieten.

Anrede,

ich bin optimistisch, dass wir mit der einzelbetrieblichen Erfassung des Antibiotikaeinsatzes, aus der die ersten Daten ja in wenigen Wochen vorliegen werden und den sich daran anschließenden Maßnahmen einen entscheidenden Schritt nach vorne kommen. Unser Ziel ist und bleibt, den Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung in Niedersachsen in den nächsten 5 Jahren um die Hälfte zu reduzieren.

Anrede,

wir werden uns entscheiden müssen: Wollen wir weiterhin mit hohem Antibiotikaeinsatz billig Fleisch produzieren oder wollen wir, dass Antibiotika als eine der wichtigsten Wirkstoffe der Humanmedizin auch zukünftig noch zur Heilung von Menschen eingesetzt werden können. Beides zusammen wird nicht gehen.

Vielen Dank!  

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