Rede Gabriele Heinen-Kljajic: Senioren und Kultur

Landtagssitzung am 18.01.2012

Gabriele Heinen-Kljajic, MdL

Anrede,

Ihr Antrag ist vermutlich gut gemeint, aber gut gemeint ist bekanntlich nicht gut gemacht. Erstens bleibt der Antrag in seinen Forderungen vage. Er lebt vom üblichen schwarz-gelben Dreiklang kulturpolitischer Forderungen: "anregen", "sich einsetzen" "darauf hinwirken".

Zweitens setzt er an einem Punkt an, an dem die Messen eigentlich längst gesungen sind. Landauf, landab wird beklagt, dass das heutige Kulturpublikum zu vergreisen droht und damit einhergehend ein schleichender Rückgang von Zuschauern und Besuchern, oder – denken Sie an Chöre oder Laienorchester – auch an aktiv Teilnehmenden bzw. Kulturschaffenden zu erwarten ist. Unser Problem ist also nicht, dass es in Zukunft mehr alte Menschen geben wird, sondern dass nachkommende Generationen einfach nicht mehr die gleichen Seh-, Hör- und Kulturkonsumgewohnheiten haben wie das Gros des heutigen Publikums.

Wenn Sie also in Zukunft mehr ältere Menschen an Kulturangeboten teilhaben lassen wollen, dann müssen Sie mit Konzepten ansetzen, die die Menschen lange vor dem Seniorenalter erreichen. Die eigentliche Herausforderung besteht also nicht darin, mehr Angebote für Senioren im klassischen Kulturbereich oder in der kulturellen Bildung zu machen, sondern die Herausforderung heißt: Wie erreiche ich soziale Schichten oder gesellschaftliche Gruppen, die ich bisher nicht erreicht habe?

Anrede,

wenn Sie sich das Jugendkulturbarometer ansehen, dann stellen Sie fest, dass in Niedersachsen Jugendliche besonders selten kulturelle Einrichtungen aufsuchen. Alle Untersuchungen belegen bundesweit, dass Menschen mit Migrationshintergrund, in unseren Kultureinrichtungen nach wie vor so gut wie gar nicht zu finden sind. Und es ist unbestritten, dass kulturelle Teilhabe an das Familieneinkommen und den Bildungshintergrund der Eltern gekoppelt ist.

Fazit: Wir brauchen mehr Kulturangebote an den Schulen. Wir brauchen bezahlbare und familienfreundliche Angebote. Wir müssen interkulturelle Angebote ausbauen. Und wir müssen Zugangshürden bereits im Kindesalter zu überwinden suchen. Hier liegen die eigentlichen Stellschrauben für die Teilnahme im Alter.

Anrede,

was Sie hier fordern ist nicht falsch. Ob es die LAG-Soziokultur ist oder die Bundesakademie für kulturelle Bildung: Viele, die im Kultursektor unterwegs sind, haben erkannt, dass sich Angebotsstruktur und Einrichtungsinfrastruktur dem demographischen Wandel stellen müssen. Und es ist auch zweifellos richtig, dass in einer älter werdenden Gesellschaft eine große Chance für bürgerschaftliches Engagement liegt. Aber es geht nicht primär darum, neue "seniorengerechte" Angebote in der kulturellen Weiterbildung zu schaffen.

Der in die Jahre gekommene Bildungsbürger findet schnell seine Angebote oder Felder auf denen er sich ehrenamtlich engagieren kann. Zum Einen hat er Geld – und Geld und attraktive Angebote finden immer zusammen. Zum Anderen ist ihm gesellschaftliche Anerkennung wichtig und das Ehrenamt verschafft ihm die Möglichkeit, diese auch nach der Pensionierung weiter zu mehren.

Handlungsbedarf gibt es bei der kulturellen Teilhabe unabhängig von Alter, Herkunft oder sozialem Status. Diesen Fokus blendet Ihr Antrag leider aus.

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