Rede Gabriele Heinen-Kljajic: Qualität der Studiengänge verbessern – kein Bologna zweiter Klasse!
Anrede,
der Bologna-Prozess, der die länderübergreifende Angleichung international anerkannter Studienabschlüsse erreichen will, der die Abbrecherquoten absenken und die Studienzeit verkürzen soll, ist an einen kritischen Punkt gelangt. Selbst die, die noch vor Jahren an den Hochschulen für die Reform gekämpft haben, stellen fest, dass die praktische Umsetzung unzureichend ist. Es mehren sich die Kritiker. Sie beklagen, dass viele der Studiengänge aufgrund der gegebenen politischen Vorgaben überfrachtet sind. Sie beklagen, dass bei sechs Semestern Regelstudienzeit im Bachelor oft nicht mehr genügend Raum für die Aneignung von Grundlagenwissen oder Auslandssemester bleibt.
Deshalb fordert eine selten breite Front von der Hochschulrektorenkonferenz über den Wissenschaftsrat, die Arbeitgeberverbände bis zum Stifterverband im Rahmen der Umstellung auf Bachelor und Master eine Qualitätsoffensive zur Verbesserung der Lehre und der Betreuung der Studierenden. Den Hochschulen fehlen hierzu die nötigen Mittel. Selbst die Bundesbildungsministerin Schavan sieht deshalb dringenden Handlungsbedarf. Auch sie fordert mehr Geld für die Hochschulen, um die Betreuungsrelation verbessern zu können und plant einen Bologna-Gipfel zwischen Bund und Ländern.
Nur der niedersächsische Wissenschaftsminister sieht diesen Handlungsbedarf offensichtlich nicht und verfährt nach dem Motto, was kümmern mich unzureichend ausgebildete Studenten, hohe Abbrecherquoten und ein zu erwartender Mangel an Master-Absolventen, Hauptsache ich komme billig davon.
Herr Minister Stratmann,
Sie haben Bologna von Beginn an als Sparmodell gefahren. Ob Sie Deckungsmittel für neue Aufgaben der Hochschulen suchten, ich erinnere nur an die im Hochschulzulassungsgesetz festgeschriebenen Zulassungsprüfungen, ob Sie ihre Maßnahmen zur Bewältigung des doppelten Abiturjahrgangs im Rahmen unserer großen Anfrage vorgestellt haben oder ob es aktuell darum geht, mit möglichst geringem Mehraufwand die Zielvorgaben des Hochschulpakts zu erreichen: Überall ziehen Sie den Joker "Bologna". Studierende werden zwar inzwischen zur Kasse gebeten, trotzdem werden die Studienbedingungen immer schlechter.
Die Überlast an den Hochschulen steigt weiter an. Sie lag im Jahr 2005 bundesweit bereits bei 139 Prozent. Und wie reagieren Sie, werte Kollegen von CDU und FDP auf diese Misere: Sie geben die Parole aus, bei der ohnehin schlechten Betreuungsrelation kommt es auf ein paar tausend Studierende mehr jetzt auch nicht mehr an.
Anrede,
aus Ihrer Negativbilanz bei der Umsetzung des Bologna-Prozesses kommen Sie mit Schönreden nicht raus. Auch eine schriftliche Stellungnahme des Ministeriums zu unserem Antrag, die Sie, Herr Minister hier gleich bestimmt noch mal vortragen werden, belegt nicht das Gegenteil. Sie macht nur deutlich, dass wir mit unserem Antrag genau richtig liegen. Lassen Sie mich das an einigen Beispielen belegen:
Sie behaupten, im Vergleich zum Diplom-Studiengang sei die Betreuungsrelation im Bachelor-Studiengang erhöht worden weil, vereinfacht gesagt, bei einer Verkürzung der Regelstudienzeit um ein Drittel nur ein Fünftel am Lehraufwand gekürzt worden sei. Das mag ja rein rechnerisch stimmen, aber faktisch wird dieser Effekt natürlich durch die Leistungsverdichtung im Bachelorstudium wieder relativiert. Schließlich soll ja trotz kürzerer Studiendauer eine Berufsbefähigung erreicht werden. Daher beziehen sich auch alle Forderungen nach einer Mittelaufstockung natürlich auf den Ist-Zustand der reformierten Studiengänge und nicht auf Vergleiche mit den alten Studiengängen. Das heißt, Sie argumentieren hier völlig am Problem vorbei.
Sie haben die Relation zwischen Lehrenden und Studierenden im Rahmen des Hochschulpaktes an Fachhochschulen abgesenkt. Folglich müssen nicht nur bei gleich bleibendem Personal, sondern auch bei gleich bleibender Infrastruktur an Hörsälen, Laborplätzen, Bibliotheksbeständen und ähnlichem über zehn Prozent mehr Studierende aufgenommen werden. Und trotzdem behauptet das Ministerium, es gebe keine Verschlechterung der Betreuungssituation.
Anrede,
das mag als autosuggestives Wahlkampfmantra für die eigenen Parteifreunde ausreichen. Alle, die des Rechnens mächtig sind, können darüber nur den Kopf schütteln.
Dann behauptet das Ministerium, es sei nicht zutreffend, das Bachelorkapazitäten zulasten von Masterangeboten ausgebaut würden. Wo, bitte schön, sollen die Hochschulen die von Ihnen verordnete Vorgabe zukünftig bei der Umstellung auf die neuen Studiengänge keine Studienanfängerkapazitäten abzubauen denn erfüllen, wenn nicht bei der Einschränkung der Masterangebote, die im Normalfall eben nicht für Studienanfänger gedacht sind. Da bleibt doch dann nur noch die offen favorisierte Lösung, Masterabschlüsse vermehrt als drittfinanzierte Weiterbildungsstudiengänge anzubieten. Damit ziehen Sie sich aus der staatlichen Verantwortung für die Ausbildung unseres dringend benötigten wissenschaftlichen Nachwuchses zurück. Sowohl Bildungsökonomen wie Universitäten warnen inzwischen vor einem bevorstehenden Mangel an Master-Absolventen. Zu glauben, man kann den Herausforderungen einer so genannten Wissensgesellschaft mit einer Bildungspolitik begegnen, die auf den quantitativen Ausbau von Absolventenzahlen auf Kosten der Qualität der Ausbildung setzt, ist ein fataler hochschulpolitischer Irrweg.
Anrede,
Bologna droht längst nicht mehr am Beharrungsvermögen der Verfechter der alten Studiengänge zu scheitern, sondern an der Art und Weise wie Sie, werte Kolleginnen und Kollegen von CDU und FDP, den Bologna-Prozess als willkommenen Steinbruch für eine möglichst billige Bewältigung steigender Studierendenzahlen missbrauchen. Wenn Sie Ihre Verantwortung, die Sie gegenüber den Hochschulen und den Studierenden haben, endlich ernst nehmen würden, dann hätten Sie unserem Antrag zustimmen müssen.