Rede: Gabriele Heinen-Kljajic: Orientierungshilfe für lebenslanges Lernen schaffen – Modellprojekte für Bildungsberatung einrichten

Landtagssitzung am 20.02.2009

Gabriele Heinen-Kljajic, MdL

TOP 33: Orientierungshilfe für lebenslanges Lernen schaffen – Modellprojekte für Bildungsberatung einrichten

Anrede,

Lebenslanges Lernen wird in Bildungsdebatten als das zentrale Lösungskonzept gehandelt. Es soll individuelle Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöhen und gesellschaftliche Teilhabechancen verbessern, es soll den Fachkräftemangel beheben und es soll unsere Unternehmen trotz demographisch bedingter Überalterung auf dem neuesten Stand von Wissenschaft und Technik halten.

Aber wie sieht die Wirklichkeit aus? Vermeintliche Schulversager ohne Schulabschluss oder Menschen ohne Ausbildung verstehen die Parole vom "Lebenslangen Lernen" aufgrund ihrer Lernerfahrungen eher als Androhung, denn als Chance. Aber auch die, die eine Ausbildung haben, nutzen die Chancen des Lebenslangen Lernens nur unzureichend. Deutschland hat eine allgemeine Weiterbildungsquote von nur 43 Prozent, von denen 30 Prozent betriebliche Weiterbildungsmaßnahmen sind. Wir liegen im internationalen Vergleich damit auf einem der hinteren Plätze. Vor allem nimmt die Teilnahmewahrscheinlichkeit dramatisch ab, je geringer die eigene Vorbildung ist und je älter die Menschen sind. Hinzu kommt, dass wir nach wie vor einen viel zu hohen Anteil junger Menschen haben, die zwar die intellektuellen und formalen Voraussetzungen für eine höher qualifizierte Ausbildung hätten, sie aber nicht nutzen. Wir müssen längst feststellen, dass es nicht reicht, formale Zugangskriterien zu senken, wenn wir unser Bildungssystem durchlässiger machen wollen. Nehmen wir das Beispiel Hochschulzugang ohne Abitur: Obwohl Niedersachsen viele Möglichkeiten bietet, Facharbeitern, Fachangestellten oder Meistern die Hochschulzugangsberechtigung anzuerkennen, machen sie an unseren Hochschulen gerade mal 1 Prozent aus. Das zeigt: Das Öffnen von Zugangswegen alleine reicht nicht. Lebenslanges Lernen bleibt ohne flankierende Maßnahmen ein Privileg für ambitionierte Akademiker.

 Dass viele Bildungschancen ungenutzt bleiben, liegt auch daran, dass viele Menschen einfach nicht mehr durchschauen, was auf dem Bildungsmarkt angeboten wird und vor allem welche Angebote für sie selbst überhaupt in Frage kämen. Und genau hier setzt die trägerunabhängige Bildungsberatung an.

Anrede,

angesichts einer zunehmend komplexer werdenden Bildungslandschaft wollen wir deshalb Orientierungshilfen anbieten. Das Konzept "Lebenslanges Lernen" werden viele für sich selbst nicht als Chance begreifen, solange ihnen nicht eine Art Lotsensystem durch den Dschungel der Möglichkeiten geboten wird. Und das funktioniert nur, wenn Bildungsberatung mehr ist als eine Börse für Bildungsmaßnahmen. Sie muss Menschen in die Lage versetzen selbständig eine Entscheidung darüber zu treffen:

  • was wäre für mich sinnvoll zu lernen,
  • welche Voraussetzungen bringe ich mit, was kann ich überhaupt lernen und mit welcher Methode kann ich am besten lernen,
  • welche Bildungsmaßnahme entspricht meinen Wünschen, wo wird sie angeboten und wie kann ich sie finanzieren,
  • und wie kann ich das Lernen in meinem Alltag organisieren

Weil eine solch umfassende Bildungsberatung nur Sinn macht, wenn sie ausschließlich die Interessen der Ratssuchenden im Fokus hat, kann sie nur trägerübergreifend organisiert werden. Sie ist Teil der Daseinsvorsorge und muss öffentlich gefördert werden. Darin sind sich erfreulicherweise alle Fraktionen einig. Unser Antrag in der ursprünglichen Fassung sah zwar für die jetzt einzurichtenden Modellprojekte eine Aufstockung der Mittel auf jährlich eine Millionen Euro vor, aber dafür haben wir im Ausschuss keine Mehrheit gefunden.

Wofür wir eine Mehrheit gefunden haben – und das war uns bei diesem Antrag besonders wichtig – ist die Festlegung klar definierter Qualitätskriterien, die die Antragsteller erfüllen müssen, wenn sie in die Projektförderung aufgenommen werden wollen. Das betrifft sowohl die Strukturen der Bildungsberatungsagenturen, als auch die Qualifikation deren MitarbeiterInnen. Wir können hierbei in Niedersachsen vor allem auf die fundierte Vorarbeit der vom Bund geförderten Projekte "Lernende Regionen – Förderung von Netzwerken" zurückgreifen. Wir wollen aber auch neue Bundesprojekte integrieren und vor allem – auch darin sind sich erfreulicherweise alle Fraktionen einig – im Anschluss an die Modellprojekte möglichst zeitnah ein flächendeckendes Netzwerk von Bildungsberatungsagenturen in Niedersachsen schaffen und dessen Förderung im Erwachsenenbildungsgesetz implementieren. 

Anrede,

wie der vorliegende Antrag einmal mehr beweist, zahlt es sich für die Erwachsenenbildung immer wieder aus, dass wir parteipolitisches Kalkül hinter die Suche nach einem fraktionsübergreifenden Konsens zurückstellen. Wir sollten diese Tradition auch in Zukunft über alle Fraktionsgrenzen hinweg fortsetzen.

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