Rede Gabriele Heinen-Kljajic: Künstlerförderung in Niedersachsen stärken und ausbauen
Anrede,
Nachwuchsförderung in der Kunst lebt nicht von der Tradition, sondern sie ist dann zukunftsweisend, wenn sie Rahmenbedingungen bietet, die die Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Diskursen, Fragestellungen und Konflikten ermöglicht. Die Arbeit in ländlicher Abgeschiedenheit war vor dem Hintergrund der Kulturepochen des Impressionismus und des Expressionismus ein modernes und innovatives Konzept. Wer aber den Geist der Künstlerkolonie Worpswede in die Gegenwart übersetzen will, der muss anerkennen, dass Künstlerförderung zu Beginn des 21. Jahrhunderts andere Orte und andere Reibungsflächen braucht, als pittoreske Landschaften.
Vor diesem Hintergrund wurde es höchste Zeit, das Künstlerförderkonzept des Landes auf den Prüfstand zu stellen und neu zu konzipieren. Denn wer im internationalen Wettbewerb der Künstlerstätten als Standort attraktiv bleiben will, der muss zeitgemäße Produktions-Â und Rezeptionsbedingungen schaffen. Worpswede, liebe KollegInnen von der SPD, bietet diese Bedingungen längst nicht mehr.
Der Bruch mit Traditionen bedroht nicht – wie in Ihrem Antrag formuliert – die Künstlerförderung, sondern der Bruch mit Traditionen muss deren immanentes Prinzip sein. Denn Kunst beruft sich nicht auf die Wahrung von Traditionen, sondern auf deren Negation, deren Umdeutung, auf deren kritische Hinterfragung oder Weiterentwicklung. Die Künstlerkolonie Worpswede ist zweifellos kunsthistorisch zu würdigen, was der Masterplan "Kultureinrichtungen in Worpswede" aber auch hinreichend sicherstellt. Aber als Produktionsstätte für den internationalen künstlerischen Nachwuchs ist dieser Ort ein Anachronismus.
Aber so richtig die Entscheidung des Wissenschaftsministeriums war, Künstlerförderung neu  aufzustellen, so mutlos ist nun die Umsetzung. Nachdem vor Ort wegen des Auslaufens der Stipendien die ersten Proteste laut wurden, wurde das ursprüngliche Konzept zugunsten einer Kompromisslösung verwässert. Unter der Überschrift "Leuphana ködert Worpswede" berichtete die Landeszeitung im September letzten Jahres, die Leuphana-Universität Lüneburg eröffne einen Außenposten in Worpswede und veranstalte dort künftig Blockseminare und Lehrveranstaltungen. Geblieben ist die Möglichkeit der Stipendiaten, für einen begrenzten Zeitraum in Worpswede zu arbeiten. Zwei Schritte vor, ein Schritt zurück – so sieht keine ambitionierte Neuausrichtung der Künstlerförderung aus.
Der Leuphana wird im schwarzgelben Änderungsantrag gedankt, dass sie das neue Stipendienprogramm unterstützt, aber es fehlt die Ableitung, warum das Programm ausgerechnet nach Lüneburg soll. Auch das Ministerium ist in der Ausschussberatung in dieser Frage eine nachvollziehbare Begründung schuldig geblieben. Warum bleibt ausgerechnet bei einem international ausgerichteten Stipendienprogramm die HBK in Braunschweig unberücksichtigt? Sie verfügt über ein ausgezeichnetes Renommee und sie ist international bestens vernetzt. Sie bietet optimale Produktionsbedingungen und kunstwissenschaftliche Diskurse oder künstlerische Reflexion finden selbstverständlich auch an der HBK statt. Die Gründe für den Standort Lüneburg sind, gemessen an den vom Ministerium aufgeführten Kriterien, nicht nachvollziehbar. Wir hätten uns gewünscht, hier wäre der Grundsatz "Stärken stärken" beherzigt worden.
Fazit: Wir haben große Sympathien für eine Neukonzeption und Neuverortung der Künstlerförderung. Aber leider ist der Vorschlag von CDU und FDP weichgespült und in der Standortwahl nicht überzeugend, weshalb wir auch diesen Antrag ablehnen werden.