Rede Gabriele Heinen-Kljajic: Die „Offene Hochschule“ zum Erfolgsmodell machen

"Offene Hochschule" im Sinne erweiterter Durchlässigkeit des Bildungssystem, bei der jeder Bildungsweg in einen akademischen Abschluss münden kann, existiert bisher - abgesehen von wenigen Einzelfällen - nur als Vision. Damit das nicht so bleibt, haben wir den vorliegenden Antrag gestellt.

Laut Hochschulgesetz kann theoretisch jeder der eine abgeschlossene Berufsausbildung hat nach wenigen Jahren Berufspraxis ein Hochschulstudium aufnehmen, wenn auch häufig nur fachgebunden. Aber in der Praxis wird dieser Bildungsweg bisher nur in Ausnahmefällen wahrgenommen. 2007 lag der Anteil der Studienanfänger in Niedersachsen ohne traditionellen Hochschulzugang bei 1,45 Prozent - 10 Jahre zuvor waren es noch 2,37 Prozent. Schon diese Zahlen machen deutlich: Es braucht mehr, als nur den Abbau formaler Hürden, wenn man Menschen ohne klassisches Abitur oder Fachabitur an die Hochschulen locken will.

Demographischer Wandel, technischer Fortschritt und stetig steigende Anforderungen an Berufsgruppen die bisher im dualen System oder an Fachschulen ausgebildet wurden, machen eine deutliche Steigerung der Akademikerrate nötig. Deshalb legt der Bund Sonderprogramme auf und auch die Landesregierung hat ein eigenes Projekt "Offene Hochschule" aufgelegt, das im Haushalt unter dem Kapitel "Erwachsenenbildung" mit 800.000 € unterlegt ist. Niedersachsen hat am Bundesprogramm zur "Anrechnung beruflicher Kompetenzen auf Hochschulstudiengänge" ANKOM teilgenommen. Und trotzdem kommt das Programm nicht in Fahrt.

Das liegt unter anderem daran, dass der Hochschulzugang ohne klassisches Abitur immer noch ein Geheimtipp ist. Das Gros der Internetauftritte der Hochschulen hat keine Verweise auf die neuen Zugangsmöglichkeiten, jedenfalls nicht an prominenter Stelle, wo sie aus unserer Sicht hingehören. Wenn alle die es angeht, davon erfahren sollen, dann brauchen wir eine breit angelegte Bewerbungsoffensive, in die Berufsschulen, Fachschulen, Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften eingebunden werden.

Die bestehenden Bildungsberatungsagenturen sind dringend in das Programm "Offene Hochschule" einzubinden. Jenseits der klassischen Beratung für Interessenten eines Hochschulstudiums können sie als Koordinationsstelle zwischen Hochschulen, Arbeitsmarkt und potentiellen Studierenden fungieren, um nachfragegerechte Angebote für Studierende ohne klassischen Hochschulzugang zu schaffen.

Besonders groß ist der Handlungsbedarf im Bereich vorbereitender und begleitender Unterstützungsangebote. Hier muss das Rad gar nicht neu erfunden werden. Die Erwachsenenbildung hat Erfahrung in Sachen Durchlässigkeit des Bildungssystems. Diese Erfahrungen müssen nur für das Konzept der "Offenen Hochschule" flächendeckend nutzbar gemacht werden. Es gibt sie zwar vereinzelt, die erfolgreichen Kooperationen zwischen Hochschulen und Trägern der Erwachsenenbildung, und über das Erwachsenenbildungsgesetz sind sie förderfähig, aber sie machen am Gesamtvolumen des geförderten Arbeitsumfangs bei den Volkshochschulen 0,2 Prozent aus, bei den Landeseinrichtungen 1,3 Prozent und bei den Heimvolkshochschulen 2,3 Prozent. Deshalb schlagen wir vor, dass Hochschulen und die Agentur für Erwachsenenbildung eine einheitliche Zertifizierung von Kursen zur Vorbereitung auf ein Studium erarbeiten. Das dient der Qualitätssicherung, gibt den Teilnehmern die Sicherheit, Kurse zu belegen, die sie wirklich weiter bringen und die Hochschulen haben die Gewähr, dass auch Studierende ohne Abitur das nötige Rüstzeug mitbringen, um erfolgreich studieren zu können. Im Moment gibt es solche Abgleiche zwischen Anforderungen der Hochschulen und Angeboten der Träger als Einzelverabredung im lokalen oder regionalen Umfeld. Wir sagen: Wenn wir die Idee der "Offenen Hochschule" ernst nehmen, dann brauchen wir Brückenangebote flächendeckend und trägerunabhängig. Nur so kann erreicht werden, dass man sich überall in Niedersachsen auf ein Studium vorbereiten kann.

Anrede,

die bisherigen Anstrengungen der Landesregierung kranken daran, dass vom Konzept "Offene Hochschule" im Wesentlichen die Universitäten und hier die Teilnehmer am ANKOM-Projekt profitiert haben. Die Fachhochschulen – und das ist ein riesiges Versäumnis – werden vom Land bei diesem Thema im Stich gelassen. Dabei sind Fachhochschulen mit ihrem starken Anwendungsbezug den Interessen beruflich Qualifizierter ohne Abitur deutlich näher als Universitäten. Bei zukünftigen Förderprogrammen, etwa beim Bundesprogramm "Aufstieg durch Bildung", müssen endlich die Fachhochschulen im Fokus stehen und auch entsprechend finanziell unterstützt werden.

Außerdem müssen die Hochschulen die Idee der "Offenen Hochschule" endlich zu ihrer Sache machen. Deshalb schlagen wir vor, über die formelgebundene Mittelzuweisung entsprechende Anreize zu setzen. Ergänzend müssen die Hochschulen über Zielvereinbarungen dazu aufgefordert werden, verstärkt berufsbegleitendes Studieren über Fern- oder Teilzeitstudiengänge zu ermöglichen. Wir brauchen Aufstiegsstipendien, wir brauchen BAföG für Teilzeitstudierende, wir brauchen einen Ausbildungspakt zwischen Hochschulen und Wirtschaft zum Ausbau dualer Studiengänge – ich kann hier in der Kürze der Zeit gar nicht auf alle Punkte unseres Antrages eingehen.

Wichtig ist nur zu begreifen, dass ohne flankierende Maßnahmen die Idee der "Offenen Hochschule" ein leeres Versprechen bleibt. Wir schlagen vor, zu diesem Themenkomplex eine Anhörung im Ausschuss durchzuführen und ansonsten hoffen wir im Interesse der Studierwilligen ohne klassischen Hochschulzugang auf wohlwollende Prüfung unseres 10-Punkte-Katalogs.

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