Rede Enno Hagenah: Erwerbspersonenpotenziale besser ausschöpfen – mehr Frauen in die Chefetagen

Meine Damen und Herren,

Frauen mit Führungsfunktionen verdienen in diesem Land rund ein Drittel weniger als Männer in vergleichbaren Jobs [Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung]. In den 100 größten Unternehmen Deutschlands sitzt nur eine einzige Frau im Vorstand [Angela Merkel beim Bundesdelegiertentag der Frauen Union Ende Oktober 2007]. Je höher die Ebene, desto dünner wird die Luft vor allem für Frauen: Trifft man bei Kleinstbetrieben in der oberen Führungsebene mit einem Anteil von 25 Prozent vergleichsweise viele Frauen an, sind in Großbetrieben bis auf vier Prozent alle Jobs mit Macht an die Männer vergeben [IAB-Bericht].

Dass deutsche Frauen in den Führungsetagen eine Rarität sind, ist nur eine Facette der Misere der nicht vorhandenen Gleichberechtigung. Es sind vor allem die Frauen, die sich um Haus, Hof und Kind kümmern: Weit mehr als zwei Drittel der Mütter arbeiten in Teilzeit. Die Teilzeitquote bei Vätern liegt gerade einmal bei fünf Prozent [Statistisches Bundesamt]. Noch immer herrscht ein konservatives Familienmodell vor, bei dem in erster Linie der Mann das Geld verdient und die Frau primär Mann, Haushalt und Kinder versorgt und zusätzlich nebenbei auch ein wenig Geld hinzuverdient. Mit einem solch schwer beladenen Rucksack lässt sich die Spitze des Managements von Siemens oder Continental kaum erklimmen.

Doch wir brauchen für unseren Faktenscheck nicht die traurige Situation in ganz Deutschland bemühen: Gleich hier im Plenum demonstrieren die Regierungsparteien anschaulich, wie weit wir vom Selbstverständnis der Gleichstellung entfernt sind.

Da haben wir eine FDP-Fraktion, die zurzeit vier Frauen in den eigenen Reihen sitzen hat (Frauenquote 20 Prozent), in der nächsten Legislatur wohl gar nur noch eine. So eine Art Alibi-Frau eben. Das bei der Aufstellung der Landesliste wohl etwas schief gelaufen war, das erkannte die FDP wenigstens noch:  Um den öffentlichen Aufschrei zu dämpfen, badete Fraktionsvorsitzender Rösler anschließend als Hahn im Korb inmitten seiner fleißigen Fraktionsmitarbeiterinnen. Doch der PR-Gag ging als weiterer Fauxpas gründlich daneben. Nicht nur wir Grünen stellen uns Frauenpolitik anders vor, Herr Rösler!  

Auch der CDU gelingt es nicht, ihre eigene Frauenquote von 30 Prozent zu erfüllen. Wer das nicht schafft, den rügt die Kanzlerin. Gerade erst wieder Ende Oktober bedauerte und kritisierte Frau Merkel, dass sich einige Parteifreunde in den eigenen Reihen über die Quote hinwegsetzen würden.

Ebenso trifft man auf der Regierungsbank unter neun Ministern nur zwei Frauen an. Gerade die "schwere Arbeit" erledigen die Jungs. Harte Ressorts wie Wirtschaft oder Finanzen belassen CDU und FDP fest in Männerhand.

Es ist nicht gut bestellt um die Gleichberechtigung bundesweit und hier im Plenum. Was also ist zu tun? Der Antrag der SPD ist uns zu schwammig und wohl auch dem Wahlkampf geschuldet. Trotzdem begrüßen wir, dass dieses Dauerthema auf die Agenda gebracht wurde.

Wir brauchen einen Kulturwandel hin zu einer modernen Familienpolitik. Daheim wie in den Unternehmen muss es selbstverständlich sein, dass Männer und Frauen sich die anfallenden Aufgaben teilen. Wir setzen uns für Arbeitszeiten ein, die sich an Familien orientieren. Wichtig ist uns auch, dass gleiche Arbeit gleich entlohnt wird. Damit kann eine Schieflage bei den Erwerbsbiographien verhindert werden. Um mehr Frauen in die Führungsetagen zu bekommen, brauchen wir Mentoringprogramme und Rollenmodelle, die Frauen auf dem Weg nach oben unterstützen. Wirtschaftsförderung wollen wir an die gezielte Förderung von Frauen in den Unternehmen knüpfen. Und so lange es nicht anders funktioniert, treten wir für eine Quote auch in der Privatwirtschaft ein. In Norwegen wird das erfolgreich praktiziert: Bis Ende 2007 sollen 40 Prozent der Aufsichtsratsposten mit Frauen besetzt sein. Dieses ehrgeizige Ziel ist zwar noch nicht erreicht, der Anteil der Frauen ist seit Einführung der Quote aber stark gestiegen. Norwegen liegt bereits jetzt europaweit vorn. Nur zum Vergleich: 7,5 Prozent beträgt die Quote der Frauen in deutschen Aufsichtsräten.

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