Rede Elke Twesten: Frauenquote für Aufsichtsräte börsennotierter Aktiengesellschaften – jetzt einführen!
Anrede,
in den letzten Monaten beobachten wir folgenden Trend: Immer mehr Organisationen, immer mehr Fachleute aus der Wirtschaft – Frauen und Männer - fordern die Einführung einer verbindlichen Frauenquote für Aufsichtsräte.
Rein demografisch gesehen stehen wir vor einem Führungskräftemangel, der sich gewaschen hat.
Die Babyboomer werden so langsam 60 und zurückgehende Schülerzahlen bedeuten weniger Menschen, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Man muss die Weisheit nicht gepachtet haben um auszurechnen, dass unsere Volkswirtschaft in echte Wachstumsprobleme gerät, wenn wir bei den Führungsaufgaben weiterhin auf 50 Prozent des Talent-Pools verzichten.
Die Boston Consulting Group braucht Frauen, die unlängst tagende JustizministerInnen Konferenz hat sich ebenfalls mit unserem Thema befasst, auch die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes meldete sich in dieser Hinsicht kürzlich zu Wort; selbst die Frauen-Union in Niedersachsen unter Federführung der Ehefrau unseres Finanzministers fordert die gesetzliche Quote.
Telekom Chef Sattelberger gilt mit seinem Vorschlag mittlerweile als Frauenversteher Nr. 1 in Deutschland –Schlussendlich stellt der Führungskräftemonitor 2010 (DIW) fest: Es bringt nichts, sich auf den guten Willen der Wirtschaft zu verlassen.
Es ist eindeutig: Die Zustimmung zu unserem Vorschlag wächst.
Wenn diese Landesregierung – die Mehrheit in diesem Hause – bei ihrer Position bleibt, dann liefern Sie ein weiteres Beispiel für eine Frauenpolitik von gestern.
Und - da dürfen Sie sich auch nicht hinter dem Prinzip der Freiwilligkeit verstecken. Sie müssen erklären, ob Sie Frauen in den Aufsichtsräten in der angestrebten Zahl wollen oder nicht!
Das Beispiel Norwegen zeigt, dass es funktionieren kann. Ein Staat, der seinen Verfassungsauftrag zur Gleichstellung ernst nimmt, kann viel erreichen. In weltweiten Vergleichen belegt Norwegen Spitzenplätze. Erreicht wurde dies in den vergangenen 30 Jahren mit einem umfassenden System aus Quoten und aktiver Förderung. Seit 2006 muss eine neu zu gründende norwegische AG eine Mindestquote an Frauen im Aufsichtsrat vorweisen, bestehende Unternehmen hatten bis Ende 2007 Zeit, diese Vorgabe zu erfüllen. Sie alle haben es geschafft. Die Argumente der Wirtschaft waren die gleichen wie jetzt in Deutschland, aber bewahrheitet habe sich keine der düsteren Prophezeiungen, wie der norwegische Wirtschaftsminister Ansgar Gabrielsen erklärte: Es gab weder Abwanderungen von Betrieben noch sonstigen Schaden für den Standort Norwegen.
Soviel Mut wünschen wir uns für Niedersachsen.
Wenn Sie auf Freiwilligkeit setzen, dann geben Sie dieses Ziel freiwillig auf. Denn freiwillig wird die in diesen Ebenen agierende Männergesellschaft doch nicht ihre Posten räumen.
Wer dort sitzt, ist in der Regel nicht dort angekommen, weil er gern Anderen den Vortritt lässt.
Anrede,
es ist völlig naiv zu glauben, Sie könnten ohne klare Regelungen – ohne präzise politische Vorgaben – das männliche Wirtschaftsbiotop feminisieren.
Wir wollen ja nicht die Aufsichtsräte vergrößern, sondern verändern.
Wir wollen nicht warten, sondern handeln.
Lange genug wurde auf Freiwilligkeit gesetzt, denn es war ja nie verboten, Frauen in die Aufsichtsräte zu wählen. Neben Norwegen hat sich auch in Spanien, Frankreich und die Niederlande die Erkenntnis durchgesetzt, dass Unternehmen, die einen hohen Frauenanteil in der Spitze haben, erfolgreicher sind. Auf dem Weg dahin muss allerdings noch einiges mehr geschehen: Zum Beispiel muss der Blick über den nationalen Tellerrand erfolgen, der uns zeigt, dass Frauen außerhalb unserer Grenzen durchaus erfolgreich sind, Karriere und Familie zu verbinden. Die berufstätige Rabenmutter gehört dort schon lange auf den Müllhaufen der Geschichte.
Was mich allerdings neben der intensiven öffentlichen Debatte, die der Quote in Norwegen vorausging, sehr beeindruckt, ist die breite politische Mehrheit, die eine sanktionsfähige Quotierungsregelung unterstützt. Kein Erfolg ohne Sanktionen und die Unternehmen hatten vier Jahre Zeit, sich auf diese Veränderungen einzustellen, sonst drohte ihnen die Auflösung. Die Sanktionen also machten deutlich, wie ernst es der Politik mit der Quote ist.
Lassen Sie uns Ernst machen und lassen Sie uns gemeinsam ein Gesetz auf den Weg bringen, damit in Deutschland die Zeit der Herrenrunden in den Aufsichtsräten bald der Vergangenheit angehört.
Eine Gesellschaft kann ihr Potential nur dann voll ausschöpfen, wenn Männer und Frauen gleichberechtigt an der Gestaltung des Wirtschaftslebens beteiligt sind, das gilt, frei nach Amartya Sen, dem Wirtschaftsnobelpreisträger, insbesondere für Spitzenpositionen.
Und – natürlich können Sie auch sofort etwas freiwillig tun – entsenden Sie als Vertreter des Landes zur Hälfte Frauen in die Aufsichtsräte.