Rede Elke Twesten: Antrag (SPD/Grüne) - "Natürliche Geburt stärken und fördern"
- Es gilt das gesprochene Wort -
Anrede,
in Deutschland kommen immer mehr Kinder mit Kaiserschnitt auf die Welt, bei uns in Niedersachsen inzwischen jedes dritte Kind. Damit reihen sich Niedersachsen und auch alle anderen Bundesländer in einen mittlerweile allgemeinen Trend in den meisten Industrienationen ein: im Bundesgebiet hat sich die Zahl der Kaiserschnittgeburten in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt.
Und um es gleich vorwegzunehmen: Kaiserschnitte retten jedes Jahr das Leben von Tausenden von Kindern und ihren Müttern, die eine Geburt auf normalem Wege wahrscheinlich nicht oder zumindest nicht ohne bleibende Schäden überleben würden. Gleichwohl bleibt ein Kaiserschnitt ein operativer Eingriff und dennoch:
Vieles spricht dafür, sich wieder verstärkt mit der natürlichen Geburt zu beschäftigen, da der WHO zufolge nur 10 bis 15 Prozent der Kaiserschnitte medizinisch notwendig sind.
Den massiven Anstieg der medizinisch nicht notwendigen Kaiserschnitte beobachten Mediziner wie Hebammen mit größter Sorge: Ein auf allen Seiten gestiegenes Sicherheitsempfinden, das Vergütungssystem,
die betriebswirtschaftliche Situation vieler Kliniken haben zu einem Verlust an Erfahrung und Zutrauen in die Natürliche Geburt geführt!
So berichtete jüngst ein Arzt im Rahmen des „Runden Tisches Geburtshilfe NRW“ eindrucksvoll darüber, dass die organisatorischen und wirtschaftlichen Interessen einer Klinik sich maßgeblich auf die Kaiserschnittrate auswirken würden.
Solange der Kaiserschnitt finanziell besser honoriert würde als die Spontangeburt, betrachte er als Arzt die Senkung der Kaiserschnittrate als Utopie. Er selbst habe an seinem Krankenhaus die Kaiserschnittrate um 10 Prozent gesenkt und dadurch 400.000 Euro Einnahmen pro Jahr verloren.
Eine zeitlich idR nur schwer einschätzbare Spontangeburt binde mehr Mittel und Personal als ein fest terminierter Kaiserschnitt.
Anrede,
Aktuell zeigen die jüngsten Entwicklungen in der Landeshauptstadt als auch in vielen ländlichen Regionen, dass wir uns mit der Schließung von Geburtskliniken weiter auf dem falschen Weg befinden:
„Wegen der schlechten Vergütung gelten Geburtskliniken als teuer.“ (NP 18.10.2014)
Ohne zu übertreiben, lässt sich feststellen, dass die Strukturen für eine Natürliche Geburt wegbrechen – durch die negativen Entwicklungen bei den stationären Versorgung und die massive Schwächung und damit Entwertung der so wichtigen Arbeit der Hebammen. Das Vergütungsproblem, welches schon jetzt viele Hebammen zur Aufgabe ihres Berufs zwingt und einen jahrhundertealten Berufsstand gefährdet, ist seit Jahren bekannt und noch immer hat sich nichts Wesentliches geändert!
Aufgabe und Auftrag jetzt sind die in unserem Entschließungsantrag formulierten Punkte: das Zusammenspiel von FrauenärztInnen, Krankenhäusern und Hebammen verbessern und insbesondere an dieser Stelle das Gesundheitssystem nachhaltig verändern.
Anrede,
wir begrüßen, dass die rot-grüne Landesregierung die ansteigenden Kaiserschnittraten gewissenhaft beobachtet und erste Maßnahmen ergriffen hat, die natürliche Geburt zu stärken.
Die bereits angelaufene Kampagne zeigt, wie wichtig es ist, die Strukturen zu verbessern und das Wissen um die Natürliche Geburt wieder zurück in die Kreißsäle zu holen.
Vereinzelt gibt es diese Beispiele und Initiativen schon:
1. So beteiligt sich die MHH als eine von 15 Kliniken in Deutschland an dem europaweiten Projekt optiBIRTH, dass GeburtshelferInnen wie Schwangere unterstützen möchte, nach einer ersten Kaiserschnittgeburt das zweite Kind natürlich zur Welt zu bringen.
2. Die Hochschule Osnabrück entwickelte den Qualitätsstandard „Förderung der physiologischen Geburt“ und viele Kliniken haben bereits Hebammensprechstunden eingerichtet, in denen Raum und Zeit vorhanden ist, das Zutrauen in den natürlichen Geburtsvorgang zu vermitteln.
Leider zeigen aber gerade diese Bespiele auch, dass eine der wesentlichen Frage nicht beantwortet ist: Wie kommen wir da wieder hin? So konnten bspw. Hebammensprechstunden nicht eingerichtet oder aber Qualitätssicherungsprojekte nicht durchgeführt werden, weil Ihnen die Mittel und das Personal dafür fehlten. Das darf nicht sein! Wir dürfen die Kliniken und Stationen, die genau diesen Ansatz für sich verfolgen, nicht im Regen stehen lassen. Wenn wir das laufen lassen, wird es bei diesen überaus engagierten GeburtshelferInnen nur Frust, Enttäuschung und Resignation geben und wir laufen Gefahr, dass diese wichtige Ressource, Engagement und Erfahrung, verloren geht.
Anrede,
ich nehme wahr, dass Geburt durchaus ernst, aber gleichwohl als weiches Frauenthema eingeordnet und behandelt wird! Als solches fristet es seit Bekanntgabe der massiven Probleme im Hebammenwesen ein Schattendasein jenseits der hemdsärmeligen sogenannten harten Themen, ohne dass wir auch nur ansatzweise zu tragfähigen Lösungen kommen. Gleichwohl werde ich nicht müde, daran zu erinnern, dass Geburtshilfe uns alle angeht: die eigene Geburt, Sie meine Herren als werdende Väter, die der Geburt Ihres Kindes entgegenfiebern, als Großeltern, Freunde und PatientInnen.
Anrede,
Ein Blick über den nationalen Tellerrand zeigt: es geht auch anders. In Holland sind die Hebammen in der Geburtshilfe die erste Instanz. Mit Erfolg! Die Kaiserschnittrate in den Niederlanden ist mit nur 15 Prozent deutlich niedriger. Den Kindern und Müttern geht es dabei genauso gut wie in Deutschland. Manchmal ist weniger mehr!
Anrede, die Hebammenverbände haben uns gezeigt, wie dringlich das Thema ist! Die Zustimmung aller Fraktionen unterstreicht die Bedeutung und den gemeinsamen Handlungsauftrag.
Vielen Dank!