... Rede Andreas Meihsies: Tschernobyl ist nicht vergessen - Strom ohne Atom

Anrede,

26. April 1986, 1 Uhr, 23 Minuten, 40 Sekunden. Während eines Tests in Block 4 des Atomkraftwerkes Tschernobyl ereignet sich der bisher schwerste Reaktorunfall weltweit und endet in einer Katastrophe.

Eine Katastrophe, die nicht nur auf Systemschwächen und eine Kette von falschen Entscheidungen zurückzuführen ist, sondern auch auf  verbotene Eingriffe der Bedienungsmannschaft während des Experimentes.

Durch die Explosion wird der über 1.000 Tonnen schwere Deckel des Reaktorkerns in die Luft geschleudert. Die zahlreichen Explosionen zerstören das nur als Wetterschutz ausgebildete Dach des Reaktorgebäudes. Der Reaktorkern ist nun nicht mehr eingeschlossen und hat direkte Verbindung zur Atmosphäre. Der glühende Graphit im Reaktorkern fängt sofort Feuer.

Insgesamt verbrennen während der folgenden zehn Tage 250 Tonnen Graphit. 10 Tage lang werden unter sich ständig ändernden Windrichtungen und Wetterverhältnissen mehrere Tonnen hoch radioaktives Material freigesetzt.
Durch den Graphitbrand werden die radioaktiven Partikel hoch in die Atmosphäre getragen und verteilen sich mit dem tödlichen Regen in der Region.
Die radioaktive Verseuchung der Umwelt beginnt.

Insgesamt 800.000 so genannte Liquidatoren, meist junge Wehrdienstleistende aus der gesamten Sowjetunion, werden zu Räumungs- und Dekontaminationsarbeiten abkommandiert.
Ohne Schutzanzüge und ohne Sicherheitsvorkehrungen werden die ahnungslosen Menschen am zerstörten strahlenden Reaktor eingesetzt.

Mindestens 7.000 dieser Liquidatoren sind bereits gestorben, Schätzungen verschiedener Organisationen gehen sogar von mehreren 10.000 Toten aus. Rund 125.000 Menschen leiden nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) an schweren Krankheiten.
An sie erinnert nur ein Denkmal.

Erst drei Tage nach dem 26. April, viel zu spät für zahlreiche Menschen, wird die strahlenverseuchte Umgebung evakuiert.

Wie viele Opfer die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl noch fordert, wird sich erst in den nächsten Jahrzehnten zeigen.
Kofi Annan spricht von drei Millionen Kindern, die weiterhin in den hoch kontaminierten Gebieten leben.
Auch 20 Jahre nach dem Unfall gibt es nur sehr vage Angaben über die Anzahl der Toten und Erkrankten. In einem UN-Bericht zu den gesundheitlichen Folgen finden sich erschreckende  Zahlen:
In belasteten Gebieten der Ukraine erkranken die Bewohner um 30 Prozent häufiger als in anderen Regionen, die Zahl der Frühinvaliden ist sechsmal so hoch. Bei Kindern und Jugendlichen haben Erkrankungen des Blutkreislaufs um 43 Prozent zugenommen, bösartige Tumore um 38 Prozent. Überdurchschnittlich viele Menschen leiden unter Depressionen.
Besonders dramatisch ist der Schilddrüsen-Krebs bei Kindern: Die Fälle stiegen bei weißrussischen Kindern um das 13-fache, in stark belasteten Regionen gar um das 300-fache.
Im extrem belasteten Gebiet Gomel wurden in den ersten sechs Jahren nach Tschernobyl sechsmal mehr behinderte Kinder geboren als vorher. Die Lebenserwartung der Menschen in Russland, Weißrussland und der Ukraine hat in den vergangenen 10 Jahren um durchschnittlich fünf Jahre abgenommen.

Anrede,

etwa 70% des Fallouts gingen auf dem Gebiet des heutigen Weißrussland (Belarus) nieder. 46.500 qkm, etwa ein Viertel der Fläche des Landes, gelten nach alten sowjetischen Richtlinien als radioaktiv kontaminiert. Das entspricht in etwa der Fläche unseres Bundeslandes Niedersachsen.

Rund 400.000 Menschen wurden zwangsumgesiedelt. Die radioaktiv verseuchte Sperrzone ist heute 4.300 qkm groß. Das wäre – auf Niedersachsen übertragen – die Fläche der Region Hannover, der Landkreise Schaumburg, Hameln-Pyrmont und Peine.

Anrede,

weder die Ukraine, noch Russland oder Weißrussland, welches selbst keine Atomkraftwerke betreibt, sind in der Lage den Tschernobyl-Opfern ausreichend zu helfen und die Mittel zur Bewältigung der Unfallfolgen aufzubringen.

Als sich der Reaktorunfall ereignete, waren die Folgen auch bei uns zu spüren. Wir mussten damals auf verschiedene Nahrungsmittel verzichten und unsere Kinder durften weder im Sandkasten noch im Regen draußen spielen. Für viele von uns ist dies Vergangenheit, nicht jedoch für die betroffenen Menschen in Weißrussland, der Ukraine und Russland.

Landwirtschaftliche Erzeugnisse sind in den betroffenen Gebieten weiterhin radioaktiv belastet. Die Folgen der Katastrophe dauern an, selbst tausende Kilometer von Tschernobyl entfernt. So waren noch Anfang 2004 fast 400 Farmen mit über einer Viertelmillion Schafe in England, Wales und Schottland betroffen, und in Süddeutschland überschritten insbesondere Wildschweinfleisch und Waldpilze häufig den Grenzwert und durften nicht vermarktet werden.

Anrede,

Tschernobyl, das sind hunderte verlassene Dörfer vor deren Betreten das Zeichen "Radioaktive Zone" warnt, aber auch Kummer in der Seele und Furcht vor der Zukunft bei den Betroffenen. Hunderttausende leben heute immer noch mit erhöhter Strahlung, die aus der Luft, über den Boden und durch belastete Nahrungsmittel aufgenommen wird.

Anrede,

Tschernobyl hat uns gezeigt, wie lebensbedrohend und zerstörerisch die Nutzung der Atomenergie ist.

Die Gefahren, die in dieser Technologie stecken, sind allgegenwärtig, das zeigt allein die Anzahl der Störfälle der letzten Jahre, nicht nur in Deutschland. Beinaheunfälle wie in Biblis, Esenshamm oder in Brunsbüttel lassen nur ahnen, was hätte geschehen können.

Anrede,

seit dem Anschlag auf das World Trade Center in New York ist die Bedrohung durch einen terroristischen Anschlag auf ein Atomkraftwerk jedermann bewusst. Gezielt herbeigeführte Flugzeugabstürze und Anschläge mit panzerbrechenden Waffen auf Atomkraftwerke sind seit dem 11.September 2001 zu einem permanenten Risiko geworden. Weder können Terroranschläge auf Atomkraftwerke mit Sicherheit ausgeschlossen werden, noch wurden Atomkraftwerke dafür gebaut, einem Terrorangriff mit Sicherheit standzuhalten.

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl mahnt uns zum Innehalten und zur Umkehr.

Sie war nicht nur der Super-Gau für die Menschen in der Ukraine, Russland und Weißrussland – sie war auch der Super-Gau für jenen Machbarkeitswahn, der die Risiken der Atomenergie immer wieder klein redet und leugnet.

Wer jetzt, 20 Jahre nach der Reaktorkatastrophe, deren Folgen immer noch dramatisch spürbar sind, wieder auf die Kernenergie setzt – wie Sie, meine Damen und Herren von CDU und FDP, geht den falschen Weg – wider jede Vernunft.

Anrede,

Klaus Töpfer hat vor Jahren gesagt:
Wir müssen eine Zukunft ohne Atomenergie erfinden.
Er hat seine Position in einem Interview mit der FR von gestern erneuert.

Klaus Töpfer hat Recht.

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