Lena Nzume: Rede zum CDU-Antrag über Schüler ohne Schulabschluss
TOP 30 – Antrag der CDU über Jugendliche ohne Schulabschluss
- Es gilt das gesprochene Wort -
Die Zahlen von Jugendlichen ohne Schulabschluss sind ernst zu nehmen. Jedes Jahr beenden zehntausende junge Menschen in Deutschland ihre Schulzeit ohne einen Hauptschulabschluss. In Niedersachsen verlassen mehrere tausend Jugendliche jährlich die Schule ohne Abschluss – allein im Schuljahr 2022/2023 waren es rund 5.900 junge Menschen, deutlich mehr als im Jahr zuvor.
Es sind vor allem Jungen. Es sind junge Menschen mit Migrationshintergrund. Und es sind Schüler*innen aus Förderschulen. Wer diese Fakten ernst nimmt, muss handeln und das tun wir!
Das Problem ist nicht mangelnde Erkenntnis oder das Fehlen von Konzepten. Das Problem ist die Vorstellung, wir müssten bei Null anfangen. Die Forderung nach einem neuen, umfassenden Konzept zur Reduzierung der Schulabgänger*innen-Quote klingt zunächst plausibel. Sie verkennt jedoch, dass Niedersachsen längst in der Verantwortung steht – und dieser Verantwortung auch nachkommt. Wir brauchen keine neuen Konzepte – sondern Verantwortung für bestehende!
Wir brauchen eine bessere Verzahnung und Synchronisierung der Maßnahmen. Wer ständig von Bürokratieabbau spricht, sollte sich nicht ständig neue Projekte ausdenken. Ich sage nur: Sprachtests in Kitas.
Niedersachsen handelt bereits – strukturell und langfristig. Mit dem Startchancen-Programm hat Niedersachsen – gemeinsam mit dem Bund – eines der umfangreichsten, langfristigsten und sozial fokussiertesten Bildungsprogramme der letzten Jahrzehnte auf den Weg gebracht. 400 Schulen, mit rund 122.000 Schülerinnen und Schülern, werden gezielt dort unterstützt, wo Bildungsarmut besonders ausgeprägt ist.
Das ist kein Projekt. Das ist Systementwicklung – über zehn Jahre angelegt. Erstmals wird dabei ein niedersächsischer Sozialindex entwickelt, der soziale Lage, regionale Belastungen und schulische Herausforderungen systematisch berücksichtigt. Das ist ein langfristiger Strukturansatz für mehr Bildungsgerechtigkeit.
Keine neuen Parallelstrukturen – sondern Stärkung bestehender Unterstützung. Gefordert wird ein landesweites Unterstützungsprojekt mit sogenannten Talent-Scouts. Die Idee von individueller Begleitung ist nicht neu. Sie ist in Niedersachsen längst Teil schulischer Realität. Bereits heute gibt es:
- multiprofessionelle Teams, Schulsozialarbeit – allein in den letzten Jahren wurden 540 Stellen aufgebaut,
- Mental-Health-Coaches,
- einen deutlichen Ausbau der Schulpsychologie.
- Viele regionale Projekte, die tolle Arbeit leisten in diesem Bereich
Hinzu kommt die systematische Berufliche Orientierung, gestützt durch die Koordinierungsstelle Berufsorientierung, pädagogische Teams und einen neuen BO-Erlass, der Beratung, Persönlichkeitsentwicklung und Übergangsbegleitung ab Klasse 7 verbindlich regelt. Niedersachsen verfügt bereits über:
- systematische Berufsorientierung ab Klasse 7,
- multiprofessionelle Teams,
- Schulsozialarbeit,
- Kooperationen mit Jugendberufsagenturen und der Bundesagentur für Arbeit
Regionale Initiativen werden bereits einbezogen: Auch die Forderung, regionale Projekte stärker einzubinden, klingt gut – aber sie verkennt die Realität vor Ort. Programme wie Startchancen und Startklar in die Zukunft sind ausdrücklich so angelegt, dass regionale Netzwerke, Vereine und Träger eingebunden werden können. Was sie nicht tun, ist: erfolgreiche lokale Arbeit durch zentrale Standardisierung zu ersetzen. Und das ist gut so.
Zielgruppen sind bekannt – und werden adressiert. Ein zentraler Befund der Studienlage ist eindeutig: Jungen sind überrepräsentiert. Jugendliche mit Migrationshintergrund sind überrepräsentiert. Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf sind überrepräsentiert.
Diese Befunde sind handlungsleitend. Niedersachsen berücksichtigt soziale Lage, Sprachförderbedarfe und regionale Belastungen bereits bei der Auswahl von Förderschulen und Programmen. Was wir brauchen, ist keine neue Etikettierung von Zielgruppen, sondern mehr Verbindlichkeit in der Umsetzung bestehender Förderansätze.
Digitale Diagnostik und individuelle Förderung existieren bereits. Die Forderung nach digital gestützter Lern- und Kompetenzdiagnostik wird formuliert, als stünden wir am Anfang. Tatsächlich hat Niedersachsen bereits:
- landesweit digitale Diagnoseinstrumente, also Lern- und Kompetenzdiagnostik eingeführt,
- mit Sprachbildung und DaZ-Angeboten, finanziert allein im aktuellen Haushalt mit 8,5 Millionen Euro
- Lernförderprogramme lizenziert,
- Kompetenzfeststellungsverfahren und Laufbahnberatung
- Und wir steigen wieder bei Vera ein
Ziel ist es, Lernrückstände frühzeitig zu erkennen – nicht erst am Ende der Schulzeit.
Kompetenzorientierung ist längst Teil der Praxis. Die Autor*innen der Bertelsmann-Studie weisen zu Recht darauf hin, dass ein Abschluss allein nicht alle Kompetenzen abbildet. Genau deshalb ist die kompetenzorientierte Berufliche Orientierung in Niedersachsen längst fester Bestandteil schulischer Arbeit:
- Kompetenzfeststellungen
- Portfolios
- praxisnahe Dokumentationen
Hier geht es nicht um Neuentwicklung –sondern um Verstetigung und Anerkennung. Übergänge werden begleitet – aber sie müssen wirksamer werden. Ja, der Übergangsbereich ist eine Schwachstelle. Deshalb werden im aktuellen Haushalt zusätzliche Mittel für Maßnahmen im Übergang zur Verfügung gestellt. Außerdem wurde im neuen BO-Erlass und im Erlass zu Gewaltprävention die Zusammenarbeit und der Datenaustausch mit Jugendberufsagenturen und mit der Bundesagentur für Arbeit gestärkt. Auch wurde eine rechtliche Grundlage für die Weitergabe sensibler Schülerdaten an die Bundesagentur für Arbeit geschaffen.
Die Aufgabe lautet in diesem Fall nicht: Alles neu denken, sondern: Übergänge verbindlicher, durchlässiger und qualifizierender gestalten.
Inklusion ernst nehmen – gemeinsam lernen. Besonders alarmierend ist der hohe Anteil von Jugendlichen ohne Abschluss, die zuvor eine Förderschule besucht haben. Das ist kein Argument gegen Förderung, sondern ein Auftrag für mehr gemeinsames Lernen.
Niedersachsen setzt deshalb auf:
- den Ausbau inklusiver Strukturen,
- multiprofessionelle Unterstützung an allgemeinen Schulen,
- weniger Selektion und mehr gemeinsames Lernen bis Klasse 10
Die Realität zeigt: Jugendliche ohne Schulabschluss haben kaum Chancen auf eine Ausbildung. Zwei Drittel der jungen Erwachsenen ohne Abschluss bleiben ohne Berufsqualifikation. Die Arbeitslosenquote ist bei ungelernten Personen fast sechsmal so hoch wie bei Menschen mit Berufsausbildung.
Deshalb stärkt Niedersachsen die Kooperation mit Jugendberufsagenturen, verbessert den Datenaustausch zwischen Schulen und Sozialbehörden und schafft mit der Bildungs-ID die Grundlage für ein verlässliches Bildungsmonitoring. Ziel ist klar: Kein Kind, kein Jugendlicher darf im Übergang verloren gehen.
Die vorliegenden Forderungen benennen reale Probleme – aber sie verkennen, wie viel in Niedersachsen bereits auf den Weg gebracht wurde. Unsere Aufgabe ist jetzt nicht, neue Forderungskataloge zu schreiben. Unsere Aufgabe ist es, das Vorhandene konsequent umzusetzen, strukturell zu stärken und politisch abzusichern.
Prävention heißt auch Schutz. Nicht zuletzt gehört zur Bildungsbiografie auch der Schutz junger Menschen. Der neue Gewaltpräventionserlass stärkt die Zusammenarbeit zwischen Schule, Jugendhilfe und Sozialbehörden, verbessert den Informationsaustausch und ergänzt bestehende Antidiskriminierungsstrukturen.
Deshalb müssen wir weitergehen:
- mit geschlechtssensiblen Förderstrategien, insbesondere für Jungen,
- mit einem weiteren Ausbau der Sprachförderung und inklusiver Angebote,
- mit einer systematischen regionalen Steuerung auf Basis des Sozialindex,
- mit besseren zweiten Bildungswegen, die Kompetenzen sichtbar machen und anerkennen.
Bildung braucht sichere Räume – emotional, sozial und institutionell. Nicht Aktionismus. Nicht Symbolpolitik. Nicht immer mehr vom Gleichen! Sondern verbindliche, langfristige Bildungsarbeit – für diejenigen, die sie am Dringendsten brauchen.
So klar ist aber auch: Trotz aller Maßnahmen bleibt viel zu tun. Jeder junge Mensch ohne Schulabschluss ist einer zu viel.