Große Anfrage: Wie sieht die Bilanz der Übergangssysteme für Jugendliche ohne Ausbildungsplatz in Niedersachsen aus?
Niedersachsen aus?
Nach dem im Juni 2010 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung veröffentlichten Bundesbildungsbericht 2010 haben selbst im wirtschaftlichen Boomjahr 2008 über 34% der Schulabgängerinnen und Schulabgänger ohne Hochschulzugangsberechtigung und damit rund 400.000 Jugendliche weder einen betrieblichen Ausbildungsplatz im dualen System, noch eine qualifizierte Berufsausbildung im Schulberufssystem gefunden. Sie befinden sich im beruflichen Übergangssystem, zu dem laut Definition des Bundesbildungsberichts 2006 jene Angebote gehören, die unterhalb einer qualifizierten Berufsausbildung liegen bzw. zu keinem anerkannten Ausbildungsabschluss führen.
Betroffen sind vor allem Schulabgängerinnen und –abgänger ohne Abschluss oder mit maximal einem Hauptschulabschluss. Diese Gruppe nimmt laut vom Bundesinstitut für Berufsbildung herausgegebenen BIBB-Report 11/2009 zu 42% an Maßnahmen des Übergangssystems teil. Jedoch müssen auch 23% der Schulabgängerinnen und –abgänger mit einem mittleren Bildungsabschluss zunächst mit Maßnahmen des Übergangssystems Vorlieb nehmen.
Im Rahmen dieses Übergangssystems werden Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit, mehrerer Bundesministerien, des Landes, zum Teil kofinanziert vom Europäischen Sozialfonds und den Kommunen als Trägern der Jugendhilfe angeboten. Nach Berechnungen der Bertelsmann Stiftung verbringt jeder Schulabgänger mit maximal einem Hauptschulabschluss ca. 1,4 Jahre im Übergangssystem. Laut einem Bericht des Nachrichtenmagazins Der Spiegel vom 14.12.2009 ist der Begriff "Übergangssystem" ein doppelter Etikettenschwindel: Die Förderungen führten nicht zum Übergang in den Beruf und von einem System könne erst recht keine Rede sein. Es handele sich um ein "unkoordiniertes Nebeneinander von Angeboten und Maßnahmen", zitiert der Spiegel die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe, der auch Vertreter der Jugendämter angehören. Experten wie Prof. Dieter Euler (Universität St. Gallen) kritisieren, dass zahlreiche Jugendliche durch Maßnahmenkarrieren vagabundierten und dabei lediglich die Erfahrung machen, nicht gebraucht zu werden. Ähnlich argumentiert der Sozialforscher Prof. Martin Baethge (Universität Göttingen). Der Berufs- und Betriebspädagoge Prof. Gerhard Zimmer (Universität Hamburg) fordert deshalb, das berufliche Übergangssystem gehöre komplett abgeschafft. Der Hauptausschuss des Bundesinstituts für Berufsbildung schlägt in seinen im Dezember 2007 vorgelegten "Handlungsvorschlägen für die berufliche Qualifizierung junger Menschen" eine grundlegende Reform der Übergangssysteme vor, die eine horizontale und vertikale Kooperation aller in Betracht kommenden Ministerien und Dienststellen auf allen Ebenen einschließt.
Nach der von der Bertelsmann-Stiftung im Oktober 2008 veröffentlichten Studie "Volkswirtschaftliche Potenziale am Übergang von der Schule in die Arbeitswelt" belaufen sich jährlichen Kosten des Übergangssystems bei Bund, Ländern, Kommunen und Bundesagentur für Arbeit auf 5,6 Milliarden € (Zahlen des Jahres 2006). Laut niedersächsischem Länderbericht der genannten Studie der Bertelsmann-Stiftung beliefen sich die Kosten der außerschulischen Förderprogramme des Übergangssystems in Niedersachsen im Jahre 2007 auf ca. 41 Mio. €, davon 33,5 Mio. € aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds. Hinzu kommen Kosten des Landes und der kommunalen Schulträger von rund 380 Mio. € für berufsvorbereitende Maßnahmen an Berufsbildenden Schulen. Bezogen auf eine Schulabgängerin/ einen Schulabgänger mit maximal einem Hauptschulabschluss beziffert die Bertelsmann Stiftung die Kosten im Bereich der Förderung von Integration in Ausbildung und Beschäftigung auf 14.700 € pro Kopf – der zweithöchste Wert aller Bundesländer.
Wir fragen die Landesregierung:
I. Aktuelle Ausbildungssituation
- Wie viele Schulabgängerinnen und –abgänger jeweils der Jahre 2005 bis 2009 (absolut und anteilig zur Gesamtheit) haben im Anschluss an die allgemein bildende Schule
- eine Berufsausbildung im dualen System angetreten,
- eine qualifizierte Ausbildung im Schulberufssystem begonnen,
- ein Studium aufgenommen oder
- eine Vollzeit-Erwerbsarbeit begonnen?
- Tauchen in keiner Statistik mehr auf?
- Wie viele Schulabgängerinnen und -abgänger der Jahre 2005 bis 2009 ohne Hochschulzugangsberechtigung (absolut und anteilig zur Gesamtheit) haben weder einen Ausbildungsplatz im dualen System noch eine qualifizierte vollzeitschulische Berufsausbildung angetreten und befinden sich in Maßnahmen des Übergangssystems?
- Wie hoch ist die Zahl und der prozentuale Anteil der Schulabgängerinnen und Schulabgänger der Jahre 2005 bis 2009, die nach der allgemein bildenden Schule Maßnahmen des Übergangssystems absolvieren bzw. absolviert haben, die
- keinen Schulabschluss
- einen Hauptschulabschluss
- einen Realschulabschluss haben?
- Wie viele niedersächsische Jugendliche befinden sich derzeit (unabhängig vom Zeitpunkt des Verlassens der allgemein bildenden Schule) in einer Maßnahme des Übergangssystems?
II. Verteilung der Absolventinnen und Absolventen von Maßnahmen des Übergangssytems und Träger der Maßnahmen
- Wie viele Schülerinnen und Schüler besuchen im laufenden Schuljahr Bildungsmaßnahmen des Übergangssystems an niedersächsischen berufsbildenden Schulen, die weder im Rahmen einer dualen Berufsausbildung, einer vollqualifizierenden schulischen Berufsausbildung, noch zum Erwerb der Hochschulzugangsberechtigung absolviert werden?
- Wie viele Schülerinnen und Schüler niedersächsischer berufsbildender Schulen besuchen im laufenden Schuljahr folgende Maßnahmen
- die Berufseinstiegsklasse,
- das Berufsvorbereitungsjahr,
- die einjährige Berufsfachschule
- die zweijährige Berufsfachschule
- Welche allgemein bildenden Schulabschlüsse weisen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Maßnahmen zu welchen Anteilen auf?
- Wie viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer absolvieren derzeit Maßnahmen in niedersächsischen Jugendwerkstätten? Über welche allgemein bildenden Schulabschlüsse verfügen diese Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu welchen Anteilen?
- Welche Träger betreiben in Niedersachsen jeweils wie viele Jungendwerkstätten mit jeweils wie vielen Plätzen?
- Die Bundesagentur für Arbeit bietet Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen (BvB) nach §§ 61/ 61 a SGB III an. Wie viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben im Jahr 2009 Maßnahmen in diesem Rahmen absolviert? Welche allgemein bildenden Bildungsabschlüsse wiesen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu welchen Anteilen zu Beginn der Maßnahme auf?
- Wie viele und welche Träger bieten in Niedersachsen wo BvB-Maßnahmen an?
- Wie viele Personen wurden in Niedersachsen 2009 im Rahmen einer Einstiegsqualifizierung (EQ) gefördert, die ein sechs- bis zwölfmonatiges Praktikum in einem Betrieb vorsieht?
III Erfolge der Maßnahmen des Übergangssystems
- Welcher Anteil der Teilnehmerinnen und Teilnehmer
- der Berufseinstiegsklasse,
- des Berufsvorbereitungsjahres,
- der einjährigen Berufsfachschule
- des Berufsgrundbildungsjahres
hat die besuchte Maßnahme jeweils in den Jahren 2004 – 2009 vorzeitig abgebrochen ohne im Anschluss eine Berufsausbildung zu beginnen?
- Welcher jährliche Anteil der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Maßnahmen III 1 a–d hat in den Jahren 2004 – 2009 einen höherwertigen allgemeinbildenden Schulabschluss erreicht (bitte nach Schulformen und Art des Abschlusses aufschlüsseln)?
- Welcher Anteil der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Maßnahmen III 1 a-d hat in den Jahren 2004 – 2009 im unmittelbaren Anschluss an die Maßnahme einen Ausbildungsplatz im dualen System gefunden oder eine vollzeitschulische Berufsausbildung begonnen?
- Welcher Anteil der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Maßnahmen III 1 a-d ist jeweils in den Jahren 2004 – 2009 im Anschluss an die Maßnahme in eine weitere Maßnahme des Übergangssystems gewechselt?
- Welcher Anteil der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Maßnahmen III 1 a-d der Jahre 2004 bis 2006 hat auch 2 Jahre nach Beendigung der Maßnahme noch keinen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz gefunden oder eine vollzeitschulische Berufsausbildung begonnen?
- Zu welchen Anteilen haben Teilnehmerinnen und Teilnehmer an Maßnahmen der Jugendwerkstätten die Maßnahme vorzeitig abgebrochen, ohne anschließend in eine "höherwertige" ´Maßnahme, in eine Berufsausbildung oder Erwerbstätigkeit einzumünden?
- Wie hoch ist der Anteil der Absolventinnen und Absolventen von Maßnahmen niedersächsischer Jugendwerkstätten der Jahre 2004 – 2009, der im Rahmen der Maßnahme einen höherwertigen allgemeinbildenden Schulabschluss erworben hat?
- Welcher Anteil der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an Maßnahmen der Jugendwerkstätten haben im Anschluss
- eine weitere Maßnahme des Übergangssystems an einer berufsbildenden Schule,
- eine weitere Maßnahme des Übergangssystems außerhalb einer berufsbildenden Schule,
- eine duale oder vollzeitschulische Berufsausbildung begonnen oder
- eine Erwerbsarbeit aufgenommen?
- Welche signifikanten Unterschiede hinsichtlich des Erfolgs der Maßnahmen von Jugendwerkstätten gibt es ggf. regional bzw. bei unterschiedlichen Trägern?
- Das Fachkonzept für Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen (BvB) der Bundesagentur für Arbeit sieht für Maßnahmen im Rahmen dieses Programms, die längstens über einen Zeitraum von zehn Monaten durchgeführt werden können, eine individuelle Beratung und Bildungsbegleitung und eine Aufteilung des Maßnahmenbündels in Phasen vor (Eingangsanalyse, Grundstufe, Förderstufe und Übergangsqualifizierung). Welche Erkenntnisse liegen der Landesregierung über den Erfolg dieser Maßnahmen hinsichtlich der Einmündung in eine anschließende duale oder vollzeitschulische Berufsausbildung vor?
- Welcher Anteil der im Rahmen einer Einstiegsqualifizerung geförderten Jugendlichen findet im Anschluss einen Ausbildungsplatz im selben Betrieb, in dem auch Einstiegsqualifizierung gefördert wurde oder in einem anderen Betrieb?
- Wie, in welchen Abständen und nach welchen Kriterien evaluiert die Landesregierung die nicht von der Bundesagentur für Arbeit oder vom Bund angebotenen Maßnahmen des Übergangssystems?
- Welche anderen Erfolgskriterien über das Erreichen eines höherwertigen Schulabschlusses, eines Ausbildungsplatzes im dualen System, der Aufnahme einer vollzeitschulischen Berufsausbildung oder der Einmündung in Erwerbsarbeit hinaus werden bei der Evaluation von den Trägern benannt?
- Welche besonderen Probleme sind der Landesregierung von den Maßnahmenträgern mitgeteilt worden?
IV. Kosten der Maßnahmen
- Wie hoch sind die Kosten für Maßnahmen des Übergangssystems jeweils in den Jahren 2004 – 2009 in Niedersachsen insgesamt und zu welchen Anteilen werden diese Kosten getragen
- vom Bund?
- Von der Bundesagentur für Arbeit?
- Vom Land Niedersachsen?
- Von den Kommunen?
- Aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds?
- Von sonstigen Kostenträgern (bitte benennen)?
- In welcher Höhe belaufen sich die jährlichen Kosten beim Land und beim Schulträger für einen Schulplatz in der Berufseinstiegsklasse, im Berufsvorbereitungsjahr und in der einjährigen Berufsfachschule (sofern die Kosten zwischen den Schulformen deutlich differieren, bitte einzeln aufführen)?
- Wie unterscheiden sich ggf. die Kosten der an berufsbildenden Schulen durchgeführten Maßnahmen des Übergangssystems bei öffentlichen und privaten Schulträgern?
- Wie hoch sind die jährlichen Kosten pro Platz in einer Jugendwerkstatt (ggf. Spannweite angeben)?
- In welcher Höhe belaufen sich die monatlichen Kosten für Maßnahmen der Einstiegsqualifizierung und wie hoch sind die durchschnittlichen Kosten pro Teilnehmerin bzw. Teilnehmer?
- In welcher Höhe entstehen Kosten pro Teilnehmerin bzw. Teilnehmer, die/ der im Anschluss an die Maßnahme des Übergangssystems eine Berufsausbildung im dualen System, eine vollzeitschulische Berufsausbildung oder einer Vollzeit-Erwerbsarbeit aufgenommen hat
- In vollzeitschulischen Maßnahmen des Übergangssystems gemäß III 1 a-d?
- In Jugendwerkstätten?
- In Berufsvorbereitenden Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit (BvB)?
- Durch Förderung der Einstiegsqualifizierung (EQ)?
V. Unterstützung der Betroffenen, Koordination von Maßnahmen
Zur individuellen Unterstützung der Jungendlichen beim Übergang von der Schule in den Beruf wurden in Niedersachsen Pro-Aktiv-Centren (PACE) bei den niedersächsischen Landkreisen und kreisfreien Städten sowie der Region Hannover eingerichtet. Ihre Aufgabe soll es u.a. sein, Doppelbetreuung und Maßnahmenketten zu vermeiden.
Darüber hinaus wurde im Rahmen des von 2007 – 2013 laufenden Bundesprogramms "Perspektive Berufsabschluss" ein regionales Übergangsmanagement in drei niedersächsischen Landkreisen etabliert, dessen Aufgabe es u.a. ist, das Übergangssystem Schule – Beruf zu erfassen, transparent zu machen und die unterschiedlichen Akteure miteinander zu vernetzen.
- In welcher Weise und von wem werden die Pro-Aktiv-Centren über Probleme beim Übergang von der Schule in den Beruf informiert?
- Welche Maßnahmen werden seitens der Pro-Aktiv-Centren im Falle von Problemen bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz ergriffen?
- Wie wird die Zusammenarbeit mit den örtlichen Agenturen für Arbeit und den Pro-Aktiv-Centren organisiert?
- In welcher Weise und auf wessen Initiative (Pro-Aktiv-Centrum, Arbeitsagentur, Schulabgängerin/-abgänger selbst) findet eine Beratung/ Unterstützung derjenigen statt, die nach der allgemeinbildenden Schule bis zu welchem Stichtag keinen Ausbildungsplatz oder keine vollzeitschulische Berufsausbildung gefunden haben?
- Wer ist Projektträger der niedersächsischen Projekte im Rahmen des Bundesprogramms Perspektive Berufsabschluss?
- In welcher Weise besteht eine Zusammenarbeit der Projekte im Rahmen des Bundesprogramms Perspektive Berufsabschluss mit den örtlichen Pro-Aktiv-Centren?
- Wie wirkt sich die explizit auf die Übergangssysteme ausgerichtete Arbeit der Projekte im Rahmen des Bundesprogramms für die Jugendlichen aus, die keinen Ausbildungsplatz gefunden haben? Ggf. wie unterscheiden sich die Teilnehmerzahlen an den einzelnen Maßnahmen des Übergangssystems in den 3 beteiligten niedersächsischen Landkreisen von jenen Regionen, die nicht an diesem Projekt teilnehmen? Gibt es Unterschiede zum Zeitraum vor Beginn der Projekte?
Fraktionsvorsitzender