Große Anfrage: Die Rolle der Soziokultur in Niedersachsen
Fraktion Bündnis 90/Die Grünen
Hannover, den 28.03.2011
Die Rolle der Soziokultur in Niedersachsen
In den vergangenen 30 Jahren sind in Niedersachsen viele soziokulturelle Zentren als selbstverwaltete Kultur- und Kommunikationszentren entstanden. Sie zeichnen sich durch spartenübergreifende Veranstaltungsprogramme und Projekte, künstlerische und kreativitätsfördernde Angebote sowie selbstorganisierte Aktivitäten von Gruppen aus. Neben den soziokulturellen Zentren hat sich in den letzten Jahren eine Vielfalt von soziokulturellen Initiativen und Vereinen entwickelt, die mit, neben oder auch in den Zentren tätig sind. Diese Zentren und Vereine bieten ohne Zugangsschwellen vielen Menschen die Möglichkeit, an den Entwicklungen und Debatten der Zivilgesellschaft und deren kulturellem Leben teilzunehmen. Dabei meint Zugangsmöglichkeit nicht nur die Präsenz und Erreichbarkeit der Angebote, sondern auch die Chance, sich Kompetenzen für eine selbstbewusste Teilhabe anzueignen. Dies gilt insbesondere für Kinder und Jugendliche, aber auch für MigrantInnen oder Menschen, die in unterschiedlicher Weise benachteiligt oder gehandikapt sind.
Die Soziokulturellen Zentren in Niedersachsen sind offen für eine selbstorganisierte Nutzung durch Künstlergruppen, Bürgerinitiativen, Vereine und andere gesellschaftliche Gruppierungen. Sie bieten diesen neben räumlicher und technischer Infrastruktur auch Zusammenarbeit und Unterstützung an. Auf diese Weise übernehmen sie Verantwortung für die Förderung künstlerischen Nachwuchses ebenso wie für gesellschaftliche Innovation. Soziokulturelle Zentren organisieren als Kultur- und Kommunikationszentren Begegnungen zwischen Menschen, schaffen Anlässe für Debatten über Kunst, Kultur und Fragen des Zusammenlebens und bilden Netzwerke mit Institutionen und Initiativen aus dem Kultur-, Bildungs- und Sozialbereich. Sie sind ein Medium der Selbstverständigung unserer Zivilgesellschaft wie Zeitungen, Rundfunk oder Internet. Sie bieten eine Plattform, auf der unterschiedliche Gruppen und Initiativen ihre Anliegen darstellen und in den öffentlichen Diskurs einbringen können.
Durch ihr niedrigschwelliges Angebot erreichen die soziokulturellen Zentren, Vereine und Initiativen besonders viele Menschen jeglichen Alters, sozialen Hintergrundes und Geschlechts. Sie leisten somit einen großen Beitrag zur kulturellen Teilhabe aller gesellschaftlichen Gruppen. Leider steht diese Tatsache im Missverhältnis zu ihrer öffentlichen Förderung: Auch im Vergleich zu anderen Kulturbereichen erreicht die Soziokultur viele, bekommt dafür aber nur relativ wenig öffentliche Mittel.
Vor diesem Hintergrund fragen wir die Landesregierung:
A. Kulturelle Teilhabe in Niedersachsen
- Wie beurteilt die Landesregierung die Ergebnisse folgender aktueller Kultur-Studien hinsichtlich der Situation der kulturellen Teilhabe in Niedersachsen im Vergleich zu anderen Bundesländern:
- Jugend-KulturBarometer,
- Kulturindikatoren auf einen Blick – ein Ländervergleich?
- Wie erklärt die Landesregierung die hierin festgestellten Defizite in Niedersachsen?
- Welche Handlungsnotwendigkeiten sieht die Landesregierung aufgrund dieser Untersuchungsergebnisse in Niedersachsen?
- Wie bewertet die Landesregierung die nachfolgenden verschiedenen Handlungsempfehlungen der Enquête-Komission "Kultur in Deutschland"?
- Interkulturelle Kompetenz fördern
- Kulturelle Bildung als gesellschaftlichen Auftrag begreifen
- Zugang zur kulturellen Erwachsenenbildung für alle eröffnen
- Wie beurteilt die Landesregierung die Ergebnisse des Forschungsprojektes "Lebenswelten und Milieus der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland und NRW, inkl. Special Kunst und Kultur", welches die Frage der kulturellen Teilhabe von MigrantInnen untersucht?
- Hält die Landesregierung die Ergebnisse der o.g. Studie für übertragbar auf Niedersachsen, oder sieht sie die Notwendigkeit einer eigenen Datenerhebung?
B. Grundlagen der Landesförderung
- Wie bewertet die Landesregierung die verschiedenen nachfolgenden Handlungsempfehlungen der Enquête-Komission "Kultur in Deutschland" zum Kapitel "Soziokulturelle Zentren"?
- Die besonderen Erfahrungen soziokultureller Zentren bspw. im Hinblick auf Interkulturalität, Teilhabechancen und Einfluss auf die Lebensqualität auszuwerten und daraus ggf. Handlungsempfehlungen für andere kulturelle Bereiche zu entwickeln.
- Angesichts des anstehenden Generationenwandels ein spezifisches Programm nach dem Vorbild von Volontariaten, sowie ein Modellprojekt zur Kooperation von Hochschulen und soziokulturellen Zentren einzurichten.
- Die Zusammenarbeit zwischen soziokulturellen Zentren, die außerschulische Kinder- und Jugendarbeit anbieten, und den Ganztagsschulen aktiv zu fördern.
- Welche Möglichkeiten sieht die Landesregierung darüber hinaus, die Soziokultur in Niedersachsen nachhaltig zu stärken?
- Welchen Stellenwert misst die Landesregierung der Soziokultur innerhalb des gesamten Kulturangebotes in Niedersachsen bei?
- Welchen Stellenwert misst die Landesregierung der Soziokultur bzgl. des kulturellen Angebots in der Fläche jenseits urbaner Zentren bei?
- Welche konzeptionelle Basis hat die Landesregierung ihrer Soziokulturförderung seit 2003 zu Grunde gelegt?
- Welche konzeptionelle Basis wird die Landesregierung ihrer Soziokulturförderung zukünftig zu Grunde legen?
- Welche Zielperspektiven legt die Landesregierung bei ihrer Förderung der Soziokultur in den nächsten 5 Jahren zu Grunde?
- Welche Rolle spielt die Soziokultur nach Ansicht der Landesregierung bei der kulturellen Teilhabe aller gesellschaftlichen Gruppen in Niedersachsen?
- Wie beurteilt die Landesregierung die Rolle und Bedeutung der LAGS (Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultur) als Fachverband der Soziokultur in Niedersachsen?
- Wie beurteilt die Landesregierung die Rolle der LAGS als fachkompetente Ansprechpartnerin für Kommunen, die Landschaften, Stiftungen und das Land?
- Wie beurteilt die Landesregierung die Rolle des Beratungsangebotes der LAGS sowohl für die freie Kulturszene im Allgemeinen, als auch für die Soziokultur im Besonderen?
C. Zahlen, Daten und Fakten
- Wie viele soziokulturelle Zentren, Vereine und Initiativen gibt es in Niedersachsen?
- Wie stellt sich deren Verteilung (dargestellt auf einer Niedersachsen-Karte) im urbanen wie auch im ländlichen Raum dar?
- Wie viele der Einrichtungen bieten zielgruppenspezifische Angebote für
- Kinder und Jugendliche,
- Senioren,
- Frauen,
- MigrantInnen,
- Menschen mit Behinderungen an?
- Wie viel Prozent der aktuellen zielgruppenspezifischen Angebote richten sich derzeit an
- Kinder und Jugendliche,
- Senioren,
- Frauen,
- MigrantInnen,
- Menschen mit Behinderungen?
- Welche Angebote gibt es regelmäßig in den soziokulturellen Einrichtungen?
- In welcher Anzahl gibt es folgende Angebote in den Einrichtungen:
- Kurse und Workshops,
- Beratungsangebote,
- selbstorganisierte Gruppenaktivitäten und
- Proben künstlerischer Gruppen?
- Wie sind die entsprechenden Besucherzahlen?
- Gibt es dabei besondere Profile einzelner Einrichtungen?
- Wie groß ist das Angebot an Kulturveranstaltungen in den einzelnen künstlerischen Sparten?
- Welche weiteren Veranstaltungsformate sind über die einzelnen künstlerischen Sparten hinaus erkennbar und wie groß ist das Angebot?
- Wie haben sich die Besucherzahlen der soziokulturellen Zentren, Vereine und Initiativen seit 2000 entwickelt?
- für Veranstaltungen in den künstlerischen Sparten,
- für sonstige Veranstaltungsformate?
- Gibt es Modellprojekte soziokultureller Einrichtungen in Niedersachsen, die sich speziell an Jugendliche aus so genannten bildungsfernen Schichten richten und welchen Stellenwert haben sie im Angebotsspektrum der soziokulturellen Einrichtungen?
- Gibt es spezielle interkulturelle Angebote von soziokulturellen Zentren, Vereinen oder Initiativen und welchen Stellenwert haben sie im Angebotsspektrum der soziokulturellen Einrichtungen?
- Wie hat sich das Beratungsangebot der LAGS in den vergangenen Jahren entwickelt
- hinsichtlich der Anzahl der pro Jahr beratenen Einrichtungen,
- hinsichtlich ihrer Zuordnung zu den Kulturbereichen und
- hinsichtlich der Anzahl der Beratungskontakte?
- Wie hat sich das Fortbildungsangebot der LAGS seit der verstärkten Kooperation mit der Bundesakademie Wolfenbüttel entwickelt
- hinsichtlich des inhaltlichen Profils,
- hinsichtlich der Anzahl der Angebote und
- hinsichtlich der Anzahl und Zusammensetzung der Teilnehmenden?
D. Rahmenbedingungen – Räume / Personal / Finanzen
- Wie stellt sich die räumliche Situation der soziokulturellen Zentren, Vereine und Initiativen in Niedersachsen dar?
- Wie viele öffentlich nutzbare Räume stehen in den soziokulturellen Zentren, Vereinen und Initiativen zur Verfügung (aufgeschlüsselt nach Gruppenräumen, Veranstaltungsstätten, Werkstätten, Proberäumen)?
- Wie viel Quadratmeter stehen in den soziokulturellen Zentren insgesamt zur Verfügung?
- Wie viele für künstlerische Auftritte ausgestattete Bühnen mit Licht, Ton und Zuschauerplätzen gibt es in den Einrichtungen und welches Fassungsvermögen haben die jeweiligen Veranstaltungsräume?
- Wie stellt sich die Auslastung des vorhandenen Raumangebotes der soziokulturellen Zentren, Vereine und Initiativen dar?
- Wie viel Prozent der soziokulturellen Einrichtungen bewerten ihre derzeitige Raumsituation als unzureichend?
- Wie hoch ist die Differenz zwischen dem vorhandenen Raumangebot und dem von den soziokulturellen Zentren angemeldeten Raumbedarf?
- Wie stellt sich aktuell die Zusammensetzung des Personals in den soziokulturellen Zentren, Vereinen und Initiativen dar?
- Wie viele Beschäftigte sind hauptberuflich tätig?
- Wie viele Beschäftigte sind nebenberuflich tätig?
- Wie viele Menschen sind freiwillig, bzw. ehrenamtlich in den soziokulturellen Einrichtungen engagiert?
- Wie sieht derzeit die Altersstruktur der Beschäftigten aus?
- Wie groß ist der Anteil an Frauen in den jeweiligen Statusgruppen?
- Wie groß ist der Anteil an MigrantInnen in den jeweiligen Statusgruppen?
- Wie groß ist der Anteil von Frauen in leitenden Funktionen?
- Wie groß ist der Anteil von MigrantInnen in leitenden Funktionen?
- Wie stellt sich seit 2000 die Entwicklung der Beschäftigtenzahlen im Verhältnis zur Entwicklung der Besucherzahlen dar?
- Wie stellt sich seit 2000 die Entwicklung der Zahl der Auszubildenden in den soziokulturellen Einrichtungen dar?
- Wie stellt sich in den soziokulturellen Einrichtungen die Entwicklung der Zahl der Absolventen des Freiwilligen Sozialen Jahres Kultur seit dessen Einführung dar?
- Vor dem Hintergrund einer von der Soziokultur als unzureichend bezeichneten Personalausstattung: Hält die Landesregierung angesichts der stetig wachsenden Zahl der Angebote die finanzielle Ausstattung der Soziokulturellen Zentren für ausreichend?
- Eine weitere Handlungsempfehlung der Enquête-Kommission Kultur, die sich an die Bundesregierung richtete, empfahl die Evaluation soziokultureller Zentren zur Weiterentwicklung von Studiengängen und Curricula der Kulturwissenschaften. Wie bewertet die Landesregierung die Ergebnisse des inzwischen durchgeführten Forschungsprojekts "Arbeit und Wirkungsweisen soziokultureller Zentren als Berufsfelder für Absolventen von Kulturstudiengängen" (Institut für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft, Materialien Heft 12 "Ist Soziokultur lehrbar?"; Bonn, 2010)?
- Wie beurteilt die Landesregierung die aktuellen Ergebnisse der Datenerhebung "Soziokultur in Zahlen" der Bundesvereinigung soziokultureller Zentren
- hinsichtlich des Anteils öffentlicher Mittel,
- hinsichtlich des Anteils selbsterwirtschafteter Einnahmen?
- Wie haben sich in den letzten 10 Jahren die einzelnen Bestandteile des Finanzierungsmixes der Soziokultur in Niedersachsen entwickelt:
- Fördermittel des Landes,
- Kommunale Fördermittel (aufgeteilt in institutionelle und Projektförderung),
- Fördermittel von Bund oder EU,
- Sonstige eingeworbene Drittmittel (von Stiftungen etc.),
- Eigeneinnahmen,
- Sponsoring?
- Wie hat sich die Quote der Eigenerwirtschaftung in den letzten 10 Jahren entwickelt, d.h. wie hoch war in den letzten Jahren der Anteil der Eigeneinnahmen an den Gesamteinnahmen?
- Wie hat sich in den letzten 10 Jahren die Kennzahl "Förderung pro Besucher" in der Soziokultur entwickelt?
- Wie stellt sich aktuell das prozentuale Verhältnis von Förderung und Eigeneinnahmen in der Soziokultur pro Besucher dar?
- Wie stellt sich im Vergleich dazu aktuell das prozentuale Verhältnis von Förderung und Eigeneinnahmen bei den niedersächsischen Theatern in Niedersachsen pro Besucher dar?
- Wie haben sich in den letzten Jahren die einzelnen Posten der Eigeneinnahmen entwickelt
- Eintrittsgelder,
- Kursgebühren,
- Vermietung / Verpachtung,
- Spenden,
- Mitgliedsbeiträge,
- sonstige Einnahmen?
- Wie hat sich der Anteil der Soziokulturförderung an den gesamten Kulturausgaben des Landes seit 2000 entwickelt?
- Wie hat sich die Wirtschafts- und Finanzkrise der letzten Jahre auf die Finanzierung der Soziokultur in Niedersachsen ausgewirkt
- Sind bspw. weniger Sponsorengelder / Spenden bei den soziokulturellen Zentren eingegangen? Wenn ja, in welchem Umfang?
- Haben die Kommunen Kürzungen vorgenommen? Wenn ja, in welchem Umfang?
- Gab es Schwankungen im Bereich der selbsterwirtschafteten Einnahmen? Wenn ja, in welchem Umfang?
- Haben in den letzten Jahren soziokulturelle Zentren, Vereine und Initiativen Insolvenz angemeldet oder anderweitig ihre Arbeit eingestellt? Wenn ja, wie viele?
- Wie hoch ist der von der LAGS ermittelte Investitionsbedarf hinsichtlich der baulichen und technischen Ausstattung der soziokulturellen Zentren, Vereine und Initiativen?
- Gibt es modellhafte Projekte zur energetischen Sanierung und zur Nutzung erneuerbarer Energien bei den von den soziokulturellen Einrichtungen genutzten Gebäuden?
- Wie hoch schätzt die Landesregierung den Investitionsbedarf hinsichtlich der energetischen Sanierung bei den von den soziokulturellen Einrichtungen genutzten Gebäuden?
- Wie sieht die Landesregierung den zukünftigen Finanzierungsbedarf der