Eva Viehoff: Rede zum Interfraktionellen Antrag zum Fatigue-Syndrom
TOP 14/15 - Ein interdisziplinäres Versorgungsangebot für schwer betroffene Men-schen mit Fatigue-Syndrom etablieren
- Es gilt das gesprochene Wort -
Wir beschließen heute den interfraktionellen Antrag „Ein interdisziplinäres Versorgungsangebot für schwer betroffene Menschen mit Fatigue-Syndrom etablieren.“
Lassen Sie uns einen Blick auf MECFS und Post-Covid werfen, deren Diagnosekriterium die Post-Exertionelle Malaise, kurz PEM ist.
Stellen Sie sich vor, Ihr Akku ist leer. Nicht so, wie wir es nach Plenarsitzungen kennen. Sondern so leer, dass Zähneputzen am Morgen sich anfühlt wie ein Marathonlauf. So leer, dass Licht in den Augen brennt und Geräusche körperliche Schmerzen verursachen – rien ne va plus. Das Leben draußen geht weiter – aber ohne Sie.
Das ist die Realität für Tausende in Deutschland, die am Fatigue-Syndrom infolge von ME/CFS, Long-COVID oder Post-Vac leiden. In Niedersachsen sind rund 150.000 Menschen betroffen, Frauen dreimal häufiger als Männer, auch Kinder und Jugendliche.
Diese Menschen kämpfen nicht nur gegen eine erdrückende Krankheit. Sie kämpfen gegen das Vergessen, oft begleitet von dem verzweifelten Gefühl, nicht ernst genommen zu werden.
SPD, Grüne und CDU haben dies aufgegriffen und Schwerpunktambulanzen an der MHH Hannover und der UMG Göttingen eingerichtet – ein wichtiger Schritt. Doch er reicht nicht. Die Anhörung hat gezeigt, dass die Ambulanzen dem Bedarf nicht gerecht werden: Die Wartezeiten betragen oft über ein Jahr. Und während die Betroffenen warten, können sie oft nicht arbeiten, verlieren ihre sozialen Kontakte und ihre Hoffnung.
Noch dramatischer ist die Lage für diejenigen, die wir gar nicht mehr sehen: Die Schwerstbetroffenen. Menschen, die bettlägerig sind, sich nur in verdunkelten Räumen aufhalten können und oft zu schwach sind, Nahrung aufzunehmen.
Der vorliegende Antrag zielt darauf ab, die Versorgung in Niedersachsen zu verbessern. Zentraler Baustein sind aufsuchende Hilfen:
- Mit der ACCESS-Studie an der MHH, finanziert mit 1,9 Millionen Euro Bundesmitteln, erproben multiprofessionelle Teams Hausbesuche, Telemedizin und Diagnostik im häuslichen Umfeld.
- Perspektivisch muss auch die Universität Oldenburg eingebunden werden, um den Nordwesten Niedersachsens zu versorgen.
- Darüber hinaus konnten wir 300.000 Euro für ein Projekt bereitstellen, das die engere Vernetzung grundständiger medizinischer Angebote mit den Schwerpunktambulanzen an MHH, UMG und perspektivisch der UMO erprobt.
- Auch bei den Anerkennungsverfahren von Post-Vac wollen wir schneller werden, dafür haben wir die Zahl der Gutachter*innen erhöht. Gleichzeitig ist es notwendig, dass alle bei denen PEM diagnostiziert wird, Zugang zu den bei MECFS und Post-Covid zugelassenen Off-Label-Use Medikamenten erhalten.
- Einen besonderen Schwerpunkt legen wir auf junge Menschen, für die es kaum Behandlungskonzepte gibt. Kein Kind sollte seine Jugend im Dunkeln verbringen müssen.
Dieser gemeinsame von SPD, Grünen und CDU getragene Antrag ist ein starkes Zeichen der Einigkeit. Die Betroffenen haben mit ihren bewegenden Beiträgen in der Anhörung viel dazu beigetragen.
Wir wissen, dass ihr Kampf oft einsam ist. Wir wissen, dass ihr euch oft im Stich gelassen gefühlt habt. Aber wir sehen euch. Auch hinter den verdunkelten Fenstern.
Wir haben verstanden. Es braucht mehr Strukturen, und wir beginnen jetzt, sie zu bauen. Danke an alle, die daran mitgewirkt haben.