Antrag: Zukunftstag für Mädchen und Jungen geschlechtergerecht weiterentwickeln
Entschließung
Der Landtag stellt fest:
- Zielsetzung des ursprünglichen Girls' Day war, dass Mädchen ihre Väter zu deren Arbeitsplätzen begleiten, um technische und techniknahe Berufe kennen zu lernen. Damit sollte die Festlegung auf typische Frauenberufe aufgebrochen werden.
- Auch Jungen wählen ihre Berufe häufig aus einem nur eingeschränkten Spektrum – den "typischen" Männerberufen. Soziale Tätigkeitsfelder ziehen sie in der Regel nicht in Betracht. Ebendies wäre aber erforderlich, um einseitigen Rollenzuweisungen zu begegnen und Gleichberechtigung im Berufsleben zu erreichen.
Niedersachsen hat sich bereits im Jahre 2006 entschlossen, den Girls' Day als Zukunftstag für Jungen und Mädchen dem Handlungsprinzip Gender Mainstreaming zufolge auszugestalten. Die Ausweitung des ehemaligen Girls' Day zum Zukunftstag für Jungen und Mädchen hat allerdings aktuellen Erfahrungsberichten zufolge zu Vermittlungsproblemen geführt. Zudem haben eine geringe Transparenz und ein lückenhaftes Informationsnetz zur abnehmenden Akzeptanz dieser durchaus sinnvollen Brücke zwischen Schule und Arbeitswelt geführt.
Deshalb muss der bisherige Zukunftstag für Mädchen und Jungen mit der Zielsetzung, das typische Berufswahlspektrum von Frauen und Männern aufzubrechen, optimiert werden.
Die Landesregierung wird aufgefordert:
- Den unter Federführung des MK arbeitenden Lenkungskreis Girls' Day zu beauftragen, die Umsetzung und Ausgestaltung des Zukunftstages im Sinne des Gesamtkonzeptes zur Förderung der Berufs- und Lebensplanung von Mädchen und Jungen nach Erlasslage zu überarbeiten. Die Herausforderung der kommenden Jahre besteht darin, Mädchen und Jungen dabei zu unterstützen, die Kompetenz zu erwerben, auf veränderte Rollenanforderungen in der Gesellschaft und dem Arbeitsmarkt zu reagieren.
- Um der eindeutigen Zielsetzung zu entsprechen, eine chancengleiche Teilhabe am Berufsleben für beide Geschlechter zu erreichen, ist der Zukunftstag mit einem geschlechtersensiblen Ansatz auf allen Ebenen von der Bundeskoordinierungsstelle Girls' Day bis in die Klassenräume hinein einer neuen Bewertung zu unterziehen, die auf die Erweiterung des bisherigen geschlechterspezifischen Berufsspektrums abzielt, um einer Vermischung der Angebote für Mädchen und Jungen entgegenzutreten.
- Die Arbeit des Lenkungskreise ist insbesondere dahingehend zu verbessern, dass bei allen von Schulen, Betrieben und anderen Einrichtungen zum Zukunftstag angebotenen Veranstaltungen genau darauf zu achten ist, dass für Jungen Angebote mit einer sozialen, für Mädchen Angebote mit einer technischen Ausrichtung eingerichtet werden und die Aktivitäten der Schülerinnen und Schüler somit dieser eigentlichen Intention des Zukunftstages entsprechen.
Begründung
Berufsvorbereitungsmaßnahmen sind im Curriculum für weiterführende Schulen fest verankert. Zusätzlich gibt es in Deutschland seit 2001 einen geschlechtsbewussten Ansatz für Mädchen in Form des jährlichen Girls' Day. Ziel dieses Tages ist es, Mädchen an "geschlechtsuntypische" Berufe heranzuführen und die Festlegung der Berufswahl auf die wenigen typischen Frauenberufe mit tendenziell geringer Bezahlung und wenig Aufstiegschancen aufzubrechen. Insbesondere sollen Mädchen mit den sogenannten MINT-Berufen – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik – in Kontakt kommen. Auch alle anderen Berufsfelder, in denen Frauen unterrepräsentiert sind, und alle Arbeitsplätze auf Führungsebenen entsprechen der bundesweiten Koordinierungsstelle zufolge dem Berufsbildungsauftrag des Girls' Day.
Drei Bundesländer – Niedersachsen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt - haben in den vergangenen Jahren den Girls' Day zu einem Zukunftstag für Mädchen und Jungen ausgeweitet: so sollen in Niedersachsen seit 2005 auch Jungen an einem externen Praxistag "geschlechtsuntypische" Berufe kennen lernen (Unterrichtung durch die Landesregierung zu dem Beschluss des Landtages vom 20.04.2005 zu Drs. 15/1860) Das jedoch scheint in der Praxis nicht zu funktionieren - die in den jeweiligen Bundesländern damit befassten Stellen beklagen zunehmend, dass die gemischtgeschlechtlichen Zukunftstage zur Beliebigkeit, Verwässerung und Sinnentleerung des Zukunftstages geführt hätten.
Expertinnen und Experten bestätigten während des 6. Netzwerktreffens "Neue Wege für Jungs" im Jahr 2008 diesen Eindruck: Die Bundeskoordinierungsstelle Girls' Day weist darauf hin, dass sie jährlich hunderte von Angeboten ablehnen müsse, weil zu viele typische Frauenberufe angeboten oder aber Mädchen und Jungen am Zukunftstag gemeinsam betreut werden (z.B. bei VW).
Das Bundesfamilienministerium ist der Auffassung, dass bis vor kurzem tatsächlich insbesondere Mädchen mit jeweils ausgeprägtem Interesse an bestimmten Berufen in die Betriebe gegangen seien. Nach den Erlassen in den jeweiligen Bundesländern kämen in den vergangenen Jahren jedoch viele Jugendliche, die "nur mit verschränkten Armen" da stünden. Auch das Netzwerk "Neue Wege für Jungs" beobachtet, dass Mädchen sich erlasswidrig vornehmlich für Frauenberufe wie z.B. Erzieherin und Jungen sich in der Regel für klassische Männerbranchen wie das Handwerk interessieren.
Völlig unberücksichtigt bleibt, dass auch Jungen ihre Berufswahl aus einem nur sehr eingeschränkten Spektrum treffen und soziale Tätigkeitsfelder in der Regel nicht in Betracht ziehen. Ausbildungswünsche von Mädchen liegen zu 85 Prozent im Bereich der Dienstleistungen, während junge Männer eher den Fertigungsbereich anstreben.
In einer Studie zum Zukunftstag für Mädchen und Jungen aus Brandenburg heißt es: "Die [”¦] Zielsetzungen scheinen den meisten Akteurinnen und Akteuren kaum noch oder gar nicht (mehr) geläufig. Der Zukunftstag für Mädchen und Jungen scheint im Laufe der Jahre ein allgemeiner Berufsorientierungstag geworden zu sein." Die Mädchen und Jungen fänden oftmals wenig oder keine konkrete Unterstützung für eine Teilnahme, außerdem habe die Ausweitung des früheren Girls' Day zum Zukunftstag zu Vermittlungsproblemen geführt.
Die bisherigen Erfahrungen haben gezeigt, dass Erlasse allein nicht ausreichen, um sowohl Mädchen als auch Jungen ein ansprechend zielführendesAngebot zu machen. Die erfolgreiche Umsetzung geschlechtsspezifischer Berufsbildung hängt maßgeblich von angemessenen Strukturen, einer guten Kommunikation und einer gelungenen Zusammenarbeit verschiedener Ebenen ab.
In Deutschland gibt es auf kommunaler Ebene viele gelungene Beispiele, an denen sich Niedersachsen orientieren kann. Das Konzept in München sieht bspw. vor, Jungen an diesem Tag die Möglichkeit zu geben, soziale Tätigkeitsfelder kennenzulernen, in denen Männer eine entsprechende Vorbildfunktion ausüben und ihnen zusätzliche Workshops zu Jungen- und Männerthemen mit der Zielsetzung anzubieten, selbstbewusst ihren Interessen in diesen Berufsfeldern nachzugehen und nicht von vornherein in tradierte Schemata gedrängt zu werden. Laut Stadtjugendamt München trifft dieses Konzept unter den Jungen auf breite Zustimmung.
Damit der Zukunftstag seine besondere Ausrichtung, Mädchen und Jungen zu ermutigen, ihre Berufsentscheidung entsprechend ihren Fähigkeiten und Neigungen selbstbewusst ohne Blick auf geschlechtsspezifische Rollenerwartungen mit einer eigenständigen Lebensplanung zu treffen, auch künftig behält und die Jugendlichen ihr Interesse an diesem Tag nicht verlieren, sind strukturelle Änderungen und ein offensives Eintreten für den Zukunftstag erforderlich.
Fraktionsvorsitzender