Antrag: Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur auf 12 Jahre aussetzen

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Fraktion Bündnis 90/Die Grünen
Hannover, den 11.02.04

Der Landtag wolle beschließen:
Entschließung
Die Schulstrukturreform bringt zum kommenden Schuljahr massive Umstellungsprobleme mit sich. Davon werden insbesondere die Kinder betroffen sein, die zum Schuljahr 2004/05 in die 5. oder 6. Klasse übergehen. Es ist unverantwortlich, diesen Schülerinnen und Schülern gleichzeitig mit der Umstellung auf eine 12-jährige Schulzeit bis zum Abitur eine weitere Zusatzbelastung zuzumuten.
Die Landesregierung wird deshalb aufgefordert, einen Gesetzentwurf vorzubereiten, mit dem die mit der Schulgesetznovelle vom 2. Juli 2003 beschlossene Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur auf 12 Jahre, ausgesetzt wird.
Zugleich ist die Dauer der Schulzeit stärker zu flexibilisieren und eine individuelle Verkürzung zu erleichtern.

Begründung
Die von der Landesregierung beschlossene Schulstrukturreform bringt zum kommenden Schuljahr massive Umstellungsprobleme mit sich:
- Die weiterführenden Schulen müssen zum Schuljahr 2004/05 gleichzeitig drei neue Schülerjahrgänge aufnehmen, darunter erstmals auch 5. und 6. Klassen.
- Die Lehrkräfte, die bislang an den Orientierungsstufen gearbeitet haben, müssen an die weiterführenden Schulen des gegliederten Schulsystems versetzt werden. Dort müssen sich die neuen Kollegien erst zusammenfinden. Insbesondere an den Gymnasien werden auch Lehrkräfte unterrichten müssen, die für das Lehramt an dieser Schule nicht ausgebildet sind.
- Es wird erwartet, dass sich das Wahl- und Übergangsverhalten der Schülerinnen und Schüler auf die weiterführenden Schulen und damit auch die Zusammensetzung der Schülerschaft an den verschiedenen Schulformen verändern wird. An den Gymnasien wird die Schülerschaft voraussichtlich heterogener werden. Die Schulen müssen neue Förderkonzepte entwickeln, um dieser veränderten Schülerschaft gerecht zu werden.
- Zahlreiche Schulen, insbesondere Gymnasien, werden mit Außenstellen arbeiten müssen und damit vor besondere organisatorische Probleme gestellt. Erst nach einigen Jahren wird feststellbar sein, wie sich das Wahlverhalten der Eltern dauerhaft verändert. Für viele Schulen werden erst dann endgültige Lösungen für die räumliche Unterbringung gefunden werden.
Die genannten Umstellungsprobleme im Zuge der Schulstrukturreform werden insbesondere für die Kinder, die zum Schuljahr 2004/05 in die 5. oder 6. Klasse einer neuen Schulform übergehen, zu erheblichen Belastungen führen.
Es ist unverantwortlich, diesen Schülerinnen und Schülern gleichzeitig mit der Umstellung auf eine 12-jährige Schulzeit bis zum Abitur weitere Zusatzbelastungen zuzumuten.
Die Schulzeitverkürzung erzwingt eine Aufstockung der Wochenstundentafel, die an den Gymnasien zu erheblich vermehrtem Nachmittagsunterricht führen wird. Hierauf sind viele dieser Schulen weder pädagogisch noch organisatorisch vorbereitet, zumal Niedersachsen im Unterschied zu den meisten anderen Bundesländern für die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur keine Vorlauf- und Erprobungszeit vorgesehen hat.
Durch eine Änderung des Schulgesetzes muss deshalb die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur ausgesetzt werden, bis die Umstellungsprobleme durch die Schulstrukturreform bewältigt sind. Dadurch wird zugleich Zeit gewonnen, um die Erfahrungen in anderen Bundesländern auszuwerten, in denen die Verkürzung der Schulzeit mit mehr Vorlauf umgesetzt wird. Zudem werden vorerst Lehrerstellen eingespart, die für andere Zwecke, etwa für die Umsetzung von Förderkonzepten und für die Umwandlung weiterer Schulen zu Ganztagsschulen, dringender benötigt werden. Sobald in den kommenden Jahren die Schülerzahlen auch in der Sekundarstufe deutlich zurückgehen, wird der Zusatzbedarf an Lehrerstellen für die Verkürzung der Schulzeit geringer sein.
Eine individuelle Schulzeitverkürzung kann ab sofort erleichtert werden, indem Schülerinnen und Schüler, die die Klasse 11 überspringen, stärker unterstützt werden (vgl. Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen vom 7.5.2003 "Durchlässigkeit erhalten und ausbauen – individuelle Schulzeitverkürzung erleichtern").

Fraktionsvorsitzende

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