Antrag: Meeresfrüchte aus Windparks - Förderung einer kombinierten Nutzung von Offshore-Windparks und Aquakultur vor der niedersächsischen Küste

Fraktion Bündnis 90/Die Grünen Hannover, den 22.10.2003

Meeresfrüchte aus Windparks - Förderung einer kombinierten Nutzung von Offshore-Windparks und Aquakultur vor der niedersächsischen Küste

Der Landtag wolle beschließen:
Entschließung
Der Landtag fordert die Landesregierung auf, im Zusammenhang mit der Planung, Genehmigung und dem Bau von Offshore-Windparks vor der niedersächsischen Küste,
- die Forschung im innovativen Bereich der Kombination von Offshore-Windparks mit umweltverträglicher Aquakulturnutzung in der Nordsee zu fördern und dafür Mittel aus dem Forschungs-Rahmenprogramm der EU oder an anderer Stelle einzuwerben;
- die Praxiserprobung verschiedener mariner Kulturen (Miesmuscheln, Austern und Makroalgen) und Aquakultur-Techniken in der Kombination mit Offshore-Windenergieanlagen im küstennahen Bereich zu fördern. Für die Umsetzung von Pilotprojekten in Kooperation zwischen Küstenfischern und Windparkbetreibern sind Mittel des "Finanzinstruments für die Ausrichtung der Fischerei" (FIAF) einzuwerben;
- die kombinierte Nutzung von Offshore-Windparks und mariner Aquakultur in ein integriertes Küstenzonenmanagement einzubeziehen und so zu einer aktiven Partizipation der verschiedenen Interessengruppen und Behörden an Voruntersuchungen, Planungen, Pilotprojekten und Genehmigungsverfahren beizutragen.

Begründung
Der weltweit steigende Bedarf an Meeresprodukten ist angesichts schwindender Ressourcen in den Ozeanen zunehmend nur durch Aquakultur von Fischen, Krustentieren, Schalentieren und Algen zu decken. Entsprechend stieg die globale Aquakulturproduktion bis 2001 auf 48,2 Mio Tonnen mit durchschnittlichen jährlichen Zuwachsraten von 9,2 %. Allein innerhalb der EU beläuft sich die Jahresproduktion auf ca. 1,3 Mio Tonnen mit einem Wert von ca. 2,5 Mrd €, das sind 17 % der Gesamtmenge und 27 % des Gesamtwertes der Fischereiproduktion in der EU. Insgesamt 80.000 Menschen sind in der EU im Bereich der Aquakultur beschäftigt, häufig in Küstengebieten, die unter anhaltender Unterbeschäftigung leiden. Für die EU-Kommission spielt die Aquakultur daher eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Küsten und beim Versuch, den Niedergang der Küstengemeinden aufzuhalten. Bis 2008 hat sich die Kommission die Schaffung von 8.000 bis 10.000 weiteren Arbeitsplätzen in diesem Sektor als Ziel gesetzt, um insbesondere Fischern, die die Fangwirtschaft aufgegeben haben Beschäftigungsalternativen zu bieten. Dies soll durch eine jährliche Steigerung der Aquakulturproduktion um 3,4 % bis 4 % erreicht werden, wobei die Produktionssteigerung über eine weitere Diversifizierung durch die Kultivierung neuer Arten und die Verbesserung der Umweltverträglichkeit erfolgen soll. Zu diesem Zweck sollen Beihilfen auf Maßnahmen ausgerichtet werden, die Aus- und Fortbildung, Überwachung, Forschung und Entwicklung zur Förderung umweltgerechter Fischzuchttechniken unterstützen. Besondere Förderung auch aus Mitteln des Finanzinstruments für die Ausrichtung der Fischerei (FIAF) sollen Aquakulturtätigkeiten erhalten, die in verstärktem Maß zum Umweltschutz beitragen.
In Niedersachsen spielt marine Aquakultur bisher nur eine geringe Rolle. Die Gründe dafür liegen in Raumnutzungskonflikten der verschiedenen Interessengruppen, wie der Berufs- und Sportschifffahrt, dem Kiesabbau, den Nationalparks, militärischen Interessen und nicht zuletzt der Fischerei. Hinzu kommen die komplexen hydro-dynamischen Verhältnisse der Nordsee und eine besondere Belastung der niedersächsischen Küstengewässer durch Schiffsverkehr und urbane Abwässer.
Ein weiteres Hindernis für die Realisierung von Aquakulturprojekten besteht in der mangelnden Umweltverträglichkeit konventioneller Aquakulturen. Sowohl der Flächenverbrauch, wie auch Exkrement-, Futter-, Pharmaka- und Chemieabfälle sowie das Entkommen von Zuchttieren belasten ökologisch sensible aquatische Ökosysteme. Darüber hinaus trägt der wachsende Bedarf an Futtermitteln für Aquakulturen zur Überfischung der Meere bei. Bereits heute werden 70 % der weltweiten Fischöl- und 34 % der Fischmehlproduktion in der Fischzucht verbraucht. Nach Schätzungen des WWF werden mindestens 4 kg freilebender Fisch benötigt, um 1 kg Aquakulturfisch zu züchten.
Die spezifischen Umweltbedingungen der Nordsee erlauben jedoch – so die Forschungsergebnisse des Alfred Wegener Institutes für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven - die extensive Zucht von einigen Meeresorganismen. Zu diesen Kulturen, deren Umweltbelastung vertretbar erscheint, zählen zum einen Makroalgen, wie Braunalgen und Rotalgen, zum anderen Muscheln, wie Miesmuscheln und Austern. Der ständige Zufluss von sauberem Wasser mit hohem Sauerstoff- und Planktongehalt durch die Gezeitenströmung sorgt dabei für ausreichende Nährstoffzufuhr, eine gesunde Zucht und schnelles Wachstum. Sowohl für Algen (z. B. in der Kosmetik- und Lebensmittelindustrie) als auch für Miesmuscheln und Austern gibt es dabei auf dem deutschen Markt ein großes Absatzpotenzial, das bislang überwiegend durch Importe aus Frankreich, China und Japan gedeckt wird.
Verschiedene, in anderen Ländern erprobte, Aquakultur-Techniken können im Nordseebereich eingesetzt werden. Dazu zählen Langleinenkonstruktionen, die unter Wasser verspannt werden, sowie Ring-, Käfig- und Tablettkonstruktionen unter der Wasseroberfläche, die dadurch den für die Nordsee typischen harschen Wetterbedingungen und dem starkem Wellengang ausweichen. Die Kombination dieser technischen Anlagen mit den Standbeinen bzw. Monopiles von Offshore-Windenergieanlagen würde den Aufwand bei der Verankerung der Aquakulturen wesentlich verringern und sie dennoch sicherer als konventionelle Offshore-Aquakulturen machen. Für die multifunktionale Nutzung von vor der niedersächsischen Küste geplanten Offshore-Windenergieanlagen wären nur geringfügige Baumaßnahmen erforderlich. Die für die Offshore-Windparks geschaffene Infrastruktur könnte effektiver genutzt und so Kosten gespart werden. Zudem könnten diese Aquakultur-Anlagen für die niedersächsischen Fischer einen wirtschaftlichen Ausgleich für den Verlust von Fanggebieten darstellen. Im Zusammenhang mit der Fortentwicklung des Miesmuschel-Managementplanes für den Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer kommt der Aufzucht von Saatmuscheln in Aquakulturen eine besondere Bedeutung zu. Sollte es gelingen, durch die Kultivierung von Saatmuscheln den Bedarf ganz oder teilweise abzudecken, könnte eine Entlastung der Störungen von Wildmuschelbänken im Nationalpark erreicht werden. Insgesamt würde durch die Kombination der Offshore-Techniken die Akzeptanz für Offshore-Windparks steigen, und dazu beitragen, dass Niedersachsen die angestrebte führende Position als Standort für innovative Offshore-Techniken erreichen kann.


Fraktionsvorsitzende

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