Antrag: Frühkindliche Bildung und Betreuung sichern: Dem drohenden Mangel an Erzieherinnen und Erziehern durch Aktionsplan entgegenwirken
Der Landtag wolle beschließen:
Entschließung
Der Landtag stellt fest:
Ab 2013 gilt der Rechtsanspruch für Kinder ab einem Jahr auf einen Krippenplatz. Nach Berechnungen des statistischen Bundesamts werden im Jahr 2014 in Niedersachsen 4572 Erzieherinnen und Erzieher fehlen. Der zunehmende Bedarf für die pädagogische Betreuung von Grundschülern in Ganztagsschulen ist dabei noch nicht mitgerechnet. Der Mangel an gut qualifizierten Fachkräften bedroht die Sicherung des Rechtsanspruches und den auf Bundesebene vereinbarten Krippenausbau sowie die Qualität der pädagogischen Arbeit in den Kindertagesstätten. In Niedersachsen bedarf es dringend einer Gesamtplanung, wie, wo und in welchem Umfang die notwendigen Fachkräfte in den nächsten Jahren ausgebildet werden.
Der Landtag fordert die Landesregierung auf, in Kooperation mit den kommunalen Spitzenverbänden einen Aktionsplan zur Abwendung eines Erzieherinnen- und Erziehermangels zu entwickeln, der folgende Eckpunkte umfasst:
- In Kooperation mit den Schulträgern der berufsbildenden Schulen und mit den Hochschulen sorgt das Land dafür, dass die Kapazitäten für die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern an Fachschulen sowie an Fachhochschulen und Universitäten bedarfsgerecht erhöht werden. Ausbildungswege sollen kooperativ weiterentwickelt werden.
- Das Land setzt sich dafür ein, dass mehr Menschen dafür gewonnen werden, den Beruf der Erzieherin bzw. des Erziehers zu ergreifen und länger in diesem Beruf zu verbleiben:
- Das Land setzt sich dafür ein, die Attraktivität des Berufs der Erzieherin bzw. des Erziehers durch höherwertige Berufsabschlüsse und eine bessere Bezahlung zu erhöhen. Angestrebt wird eine akademische Ausbildung für alle Gruppenleiterinnen und -leiter in den Kindertagesstätten.
- Das Land setzt sich dafür ein, mehr Männer sowie insbesondere mehr Menschen mit Migrationshintergrund für die Tätigkeit als Erzieher/Erzieherin in Kindertagesstätten zu gewinnen und insbesondere auch dafür zu sorgen, dass entsprechende Angebote im Bereich der Anpassungs- und Nachqualifizierung geschaffen werden für Personen, die ihren Abschluss im Ausland erworben haben. Gleichzeitig gilt es grundsätzlich, die Anerkennungsverfahren von im Ausland erworbenen Abschlüssen zu verbessern.
- Das Land unterstützt die Träger der Kindertagesstätten dabei, Belastungen bei der Tätigkeit der Erzieherinnen und Erzieher zu verringern und altersgerechte Personalentwicklungskonzepte zu entwickeln, um einen längeren Verbleib im Beruf zu unterstützen.
- Das Land setzt sich bei der Bundesagentur für Arbeit für die Schaffung oder Erweiterung qualitativ hochwertiger Umschulungsmaßnahmen zum Beruf des Erziehers/der Erzieherin in Kindertagesstätten und von Angeboten für die Weiterqualifizierung von Sozialassistentinnen und Sozialassistenten ein.
- Das Land schafft oder unterstützt Wiedereinstiegsprogramme für Fachkräfte in Kindertagesstätten.
Begründung
In den kommenden Jahren zeichnet sich für Niedersachsen ein massiver Mangel an Erzieherinnen und Erziehern ab. Nach Berechnungen des statistischen Bundesamtes werden im Jahr 2014 in Niedersachsen 4572 Erzieherinnen und Erzieher fehlen. Die in diesem Jahr vom Deutschen Jugendinstitut herausgegebene Modellrechnung der Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte WIFF "Droht ein Personalnotstand?" kommt zu der Feststellung: "In Niedersachsen ergibt sich aufgrund des weiteren Ausbaus der Angebote für unter Dreijährige sowie des Ersatzbedarfs für Personen, die das Arbeitsfeld verlassen, der größte Fehlbedarf im Ländervergleich."
Während Kommunen anderer Bundesländer bereits bundesweit um Erzieherinnen und Erzieher werben, macht die Antwort der Landesregierung vom 11.12.2009 auf die Anfrage "Erzieherinnen- und Erziehernotstand bekämpfen" vom 28.10.2009 der Abgeordneten Miriam Staudte (Grüne) deutlich, dass die Landesregierung offenbar das Problem des drohenden Erzieherinnen- und Erziehermangels noch nicht erkannt hat und für dieses Problem auch nicht die Verantwortung zu übernehmen bereit ist.
Notwendig ist deshalb ein Aktionsplan, um sicherzustellen, dass in den kommenden Jahren genügend hochqualifizierte Erzieherinnen und Erzieher für den quantitativen und qualitativen Ausbau der Kindertagesstätten zur Verfügung stehen.
Zu 1.
Den Berufsfachschulen muss ermöglicht werden, sowohl die Qualität ihrer Ausbildung beizubehalten bzw. zu steigern und gleichzeitig die Ausbildungskapazitäten zu erhöhen. Ausreichend Personal und Räume müssen bereitgestellt werden.
In der Fachwelt gibt es einen breiten Konsens darüber, dass mehr akademische Fachkräfte im Bereich der frühkindlichen Bildung eingesetzt werden sollten. Angestrebt wird eine akademische Ausbildung für alle Gruppenleiterinnen und –leiter in den Kindertagesstätten. In Niedersachsen werden früh- und heilpädagogische Fachkräfte erst an wenigen Fachhochschulen und Universitäten ausgebildet. Das Angebot muss ausgeweitet und die Curricula stärker als bisher mit der Praxis abgestimmt werden. Den Absolventinnen und Absolventen fehlt bislang eine klare Berufsbezeichnung Zu beobachten ist, dass die studierten Fachkräfte in andere Arbeitsbereiche als die Kindertagesstätten einmünden. Deutschland und Österreich sind die einzigen Länder im europäischen Ausland, in denen kein Hochschulabschluss für die Gruppenleitung in einer Kindertagesstätte vorausgesetzt wird. Der höhere Abschluss geht bislang nicht mit einer höheren Vergütung einher.
Angesichts der immer höher eingeschätzten Bedeutung der frühkindlichen Bildung für den weiteren Lebensweg fordern die Fachleute eine deutliche Professionalisierung des Erzieher/innenberufes. Zwischen Fachschule und Hochschule abgestimmte Ausbildungsinhalte bzw. modularisierte Inhalte bieten eine vertikale Durchlässigkeit und erhöhen die Attraktivität des Berufs.
Zu 2.
Die Attraktivität des Erzieher/innenberufs muss dringend durch einen höheren Abschluss und eine bessere Entlohnung erhöht werden. Der WIFF-Studie zufolge haben sich 91 Prozent für eine bessere Bezahlung und 94 Prozent für bessere Aufstiegsmöglichkeiten eingesetzt.Die gute (und lange) Ausbildung und die hohen fachlichen Anforderungen für den Erzieher/innenberuf stehen nicht in Einklang mit der Vergütung.
Insbesondere müssen auch mehr Männer sowie insbesondere mehr Menschen mit Migrationshintergrund für den ErzieherInnenberuf angeworben werden.
Viele Kinder mit Migrationshintergrund kommen erst mit 4 Jahren in die Kindertagesstätte; das hohe Eintrittsalter hat großen Einfluss auf den Erwerb von Deutsch als Zweitsprache. Die Zurückhaltung der Eltern hängt auch zusammen mit fehlenden Integrationsfiguren in der Kindertagesstätte und der monolingualen Personalstruktur. Zweisprachig aufgewachsene Fachkräfte und Fachkräfte mit Migrationserfahrungen können die Skepsis verringern und eine gute Zusammenarbeit mit den Eltern ermöglichen.
Ein ausgewogeneres Verhältnis von Frauen und Männern im Erzieher/innenberuf ist wünschenswert. Die Erfahrungswelt der Kinder wird es bereichern, wenn Bildung, Erziehung und Betreuung als gemeinsame Aufgabe von Männern und Frauen erlebt wird.
Viele Erzieher/innen geben die Tätigkeit in einer Kindertagesstätte vorzeitig auf, weil die Belastung zu hoch wird (Rückenprobleme, Lärmbelastung, hohe und immer neue Anforderungen). Die Träger müssen bei der Gesundheitsförderung und alternsgerechter Personalentwicklung unterstützt werden.
Zu 3.
Soweit es nicht genügend Schüler/innen gibt, die sich für die Erzieher-Ausbildung bewerben und geeignet sind, ist es sinnvoll, Umschulungen für geeignete Erwachsene anzubieten.
In mehreren Bundesländern gibt es bereits Erfahrungen mit der Anwerbung und Qualifizierung von geeigneten arbeitslosen Frauen und Männern zu Erziehern/innen. Die Rückmeldungen in diesen ambitionierten, praxisnahen Ausbildungsmodellen sind überwiegend positiv.
Menschen, die bereits Berufs- und Lebenserfahrungen haben, können eine große Bereicherung für den Kindertagesstätten-Bereich sein, müssen es aber nicht zwingend. Hier spielen persönliche Faktoren wie z.B. eine hohe soziale und interkulturelle Kompetenz, Zweisprachigkeit und Motivation der Umschüler/innen eine große Rolle.
Dies bedeutet, dass der differenzierten Eignungsprüfung der Bewerberinnen und Bewerber für die Umschulung zum/zur Erzieher/in eine besonders hohe Bedeutung zukommt.
Auf Bundesebene wurde das "Männer in Kindertagesstätten" Programm initiiert.
Allein die Qualifikation durch einen abgeschlossenen fachfremden Beruf und die Geschlechtszugehörigkeit können keinesfalls hinreichend für den verantwortungsvollen Beruf in der frühkindlichen Bildung und Erziehung sein, grundlegend ist immer die persönliche Eignung und eben die sehr gute Qualifikation. Ebenso wenig wie man umgeschulte Facharbeiterinnen und Facharbeiter als Klassenlehrkräfte in der Grundschule einsetzen würde, muss auch im Elementarbereich ein hoher fachlicher Standard in der Profession des oder der Erziehers/in gewahrt bleiben.
Zu 4.
Das deutsche Jugendinstitut geht davon aus, dass nur ca. 65% aller Erzieherinnen und Erzieher nach der Ausbildung im Beruf verbleiben. Einen Teil der aus dem Beruf ausgestiegenen 35 % sollte man versuchen durch Wiedereinstiegsprogramme anzuwerben. Um geeignete Erzieherinnen und Erzieher wieder für ihren Beruf zu gewinnen, müsste eine qualifizierte Weiterbildung für den Wiedereinstieg angeboten werden. Auch hier können einzelne Module, die berufsbegleitend an Hochschulen angeboten werden, der Professionalisierung dienen.
Stefan Wenzel
Fraktionsvorsitzender