Antrag: Durchlässigkeit erhalten und ausbauen ? individuelle Schulzeitverkürzung erleichtern

Fraktion Bündnis 90/DIE GRÜNEN
Hannover, den 07.05.03


Der Landtag wolle beschließen:
Entschließung
Der Landtag stellt fest, dass eine generelle Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur auf 12 Jahre die Flexibilität von Schule nicht erhöht und dem Lerntempo der Mehrheit der Schüler und Schülerinnen an den Gymnasien nicht gerecht wird. Sie wäre zudem mit erheblichen Nachteilen und Problemen verbunden:
- Die Durchlässigkeit zwischen den Schulformen, insbesondere zum Gymnasium, würde verringert.
- Die pädagogischen und organisatorischen Voraussetzungen für einen Unterricht auch am Nachmittag sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt an der Mehrzahl der Gymnasien nicht gegeben.
- Es würden in den nächsten Jahren erhebliche Mehrkosten entstehen.
Der Landtag spricht sich deshalb gegen eine generelle Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur auf 12 Jahre aus.
Der Landtag fordert die Landesregierung auf, die Dauer der Schulzeit stärker zu flexibilisieren und eine individuelle Verkürzung zu erleichtern:
- Die Landesregierung schafft die Voraussetzungen dafür, dass an Grundschulen eine flexible Eingangsstufe eingeführt wird, die in der Regel in zwei Jahren durchlaufen wird, die aber von geeigneten Schülerinnen und Schülern auch in einem Jahr durchlaufen werden kann.
- Die Landesregierung fördert stärker das individuelle Überspringen der Klasse 11.
Begründung
Eine generelle Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur auf 12 Jahre, wie sie im Gesetzentwurf der Fraktionen von CDU und FDP für ein "Gesetz zur Verbesserung von Bildungsqualität zur Sicherung von Schulstandorten" gefordert wird, ist offenkundig undurchdacht und stößt auf erhebliche Probleme:
1. Die Durchlässigkeit zwischen den Schulformen wird weiter verringert.
Die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur auf 12 Jahre wird zur Folge haben, dass die Wochenstundentafel des Gymnasiums in der Sekundarstufe I deutlich erhöht werden muss. Die Wochenstundentafeln werden sich deshalb zwischen Gymnasien, Realschulen und Hauptschulen stärker unterscheiden als bisher. Die zweite Fremdsprache wird am Gymnasium ein Jahr früher beginnen. Dieser zeitliche Vorsprung des Gymnasiums wird es erheblich schwerer machen, von der Realschule auf das Gymnasium zu wechseln.
Die unterschiedliche Geschwindigkeit zwischen den verschiedenen Bildungsgängen macht an den Integrierten Gesamtschulen ein Abitur nach 12 Jahren unmöglich. Der Übergang von einer Gesamtschule, die keine eigene Oberstufe hat, auf eine gymnasiale Oberstufe wird erschwert.
2. Die Mehrzahl der Gymnasien ist derzeit pädagogisch und organisatorisch nicht darauf eingerichtet, regelmäßig Nachmittagsunterricht erteilen zu müssen.
Die Anhebung der Wochenstundentafel in der Sekundarstufe I der Gymnasien wird dazu führen, dass Nachmittagsunterricht an den Gymnasien zur Regel wird. Für diesen an sich wünschenswerten Ganztagsschulbetrieb liegen jedoch zur Zeit in der Regel keine pädagogischen Konzepte vor. Die Mehrzahl der Gymnasien ist derzeit nicht einmal in der Lage, einen Mittagstisch anzubieten.
3. Die generelle Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur erfordert in den kommenden Jahren zusätzliche Lehrkräfte und verursacht erhebliche Mehrkosten.
Weil auch bei einer Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur ab dem 5. Schuljahrgang unverändert 265 Wochenstunden erteilt werden müssen, müssen die Wochenstundentafeln im Gymnasium erhöht werden. Hierfür sind ab sofort und jährlich ansteigend zusätzliche Lehrkräfte erforderlich, die entsprechende Mehrkosten verursachen (jährlich bis zu 200 Stellen, insgesamt ca. 1.500 Stellen). Der Mehrbedarf entsteht in Jahren, in denen ohnehin die Schülerzahlen an den Gymnasien noch steigen und in denen obendrein durch die Angliederung des 5. und 6. Schuljahrganges an die Gymnasien der Bedarf an Gymnasiallehrkräften steigt.

Demgegenüber ist es wünschenswert, eine individuelle Verkürzung der Schulzeit zu erleichtern, weil so stärker auf die unterschiedlichen Fähigkeiten, Neigungen und Lerngeschwindigkeiten der Kinder und Jugendlichen eingegangen werden kann. Eine solche Flexibilisierung ist besonders in der Eingangsstufe der Grundschule und am Eingang der gymnasialen Oberstufe möglich. Die Voraussetzungen hierfür sind zu optimieren.
In den Grundschulen ist die personelle Ausstattung bei Einführung der flexiblen Eingangsstufe angemessen zu verbessern, damit alle Kinder mit ihren unterschiedlichen Lernvoraussetzungen gefördert werden können, und es sind ausreichende Beratungs- und Fortbildungsangebote für die Einführung der flexiblen Eingangsstufe zu schaffen.
Ein Überspringen der Klasse 11 sollte durch zusätzliche Angebote in der Klasse 10 des Gymnasiums erleichtert werden.
Die wissenschaftliche Begleituntersuchung des baden-württembergischen Schulversuchs "Gymnasium mit achtjährigem Bildungsgang" hat ergeben, dass nur für ca. 20% der Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums dieser verkürzte Bildungsgang sinnvoll ist. Bei einer generellen Verkürzung der Schulzeit ist zu befürchten, dass viele Schülerinnen und Schüler überfordert werden. In Bundesländern, in denen ein achtjähriger Bildungsgang am Gymnasium mit einem Abitur nach 12 Schuljahren wahlweise angeboten worden ist, ist dieses Angebot bei den Eltern und den SchülerInnen nur auf geringe Resonanz gestoßen.


Fraktionsvorsitzende

Zurück zum Pressearchiv