Nicolas Mülbrecht Breer: Rede zur Aktuellen Stunde der SPD zur Guten Arbeit

Rede Nicolas Mülbrecht Breer© Plenar TV

Top 2b - Gute Arbeit zum Tag der Arbeit: Niedersachen steht zu starker Mit-bestimmung, Tarifbindung und sicherer Beschäftigung

- Es gilt das gesprochene Wort -

Die Frage, ob der 1. Mai noch zeitgemäß ist, wird derzeit ernsthaft gestellt. Aus Teilen der Union kommt sogar die Überlegung, diesen Feiertag infrage zu stellen. Ich sage klar: Diese Debatte geht am Kern der Realität vorbei.

Der 1. Mai steht nicht für Vergangenheit. Er steht für eine zentrale Frage der Gegenwart: Wie wollen wir Arbeit, Sicherheit und Teilhabe in einer sich rasant verändernden Welt organisieren? Denn wir erleben gerade eine doppelte Bewegung: Die Arbeitswelt verändert sich schneller als je zuvor, und gleichzeitig wächst bei vielen Menschen die Unsicherheit.

Künstliche Intelligenz, Automatisierung und Digitalisierung verändern ganze Berufsbilder. Was früher selbstverständlich war, ist es heute nicht mehr. Und was morgen gilt, ist oft unklar. Es gibt Stimmen, die daraus ein einfaches Zukunftsbild ableiten: Arbeit werde irgendwann überflüssig. Maschinen und KI könnten fast alles übernehmen.

Doch diese technologische Perspektive greift zu kurz. Denn die entscheidende Frage ist nicht, ob sich Arbeit verändert, sondern wer die Folgen dieser Veränderung trägt.

Wir haben in der Geschichte gesehen, dass technischer Fortschritt nicht automatisch mehr Freiheit bedeutet. Erst durch politische Auseinandersetzung wurden aus 16-Stunden-Tagen der Acht-Stunden-Tag.

Erst durch Gewerkschaften, soziale Kämpfe und politische Entscheidungen wurde Arbeit menschlicher. Das ist kein historischer Zufall – das ist eine Errungenschaft. Und genau diese Errungenschaft steht heute wieder unter Druck.

Denn viele Menschen erleben den Wandel nicht als Fortschritt, sondern als Unsicherheit:

  • Wird mein Arbeitsplatz bleiben?
  • Muss ich mich ständig neu erfinden?
  • Und wer trägt eigentlich das Risiko?

Diese Unsicherheit ist real – und sie ist politisch.

Sie entsteht nicht allein durch Technologie, sondern durch die Frage, wie wir als Gesellschaft damit umgehen. Unternehmen stehen unter hohem Anpassungsdruck – und gleichzeitig erleben viele Beschäftigte, wie die Anforderungen steigen, ohne dass Sicherheit im gleichen Maß mitwächst.

Deshalb ist die zentrale Aufgabe unserer Zeit nicht die Verlangsamung des Wandels, sondern seine soziale Gestaltung. Und genau hier entscheidet sich Politik. Für uns ist klar: Transformation darf nicht auf dem Rücken der Beschäftigten stattfinden.

Das heißt konkret:

  • Qualifizierung statt Abwicklung
  • Tarifbindung statt Lohndumping
  • Mitbestimmung statt Entscheidungen über die Köpfe der Menschen hinweg

Gerade hier in Niedersachsen zeigen wir, dass das möglich ist: Mit Investitionen in Infrastruktur, erneuerbare Energien und industrielle Erneuerung schaffen wir die Grundlage dafür, dass Wandel nicht Arbeitsplatzverlust bedeutet, sondern neue Perspektiven.

Aber das ist kein Automatismus. Das ist eine politische Entscheidung. Und ja, es gibt Alternativen zu diesem Weg: Man kann den Wandel bremsen. Oder man kann ihn allein dem Markt überlassen. Beides aber führt am Ende in die gleiche Richtung: mehr Unsicherheit, weniger Vertrauen, weniger gesellschaftlicher Zusammenhalt. Denn ohne soziale Sicherheit verliert Veränderung ihre Akzeptanz.

Der 1. Mai erinnert uns daran, dass Gute Arbeit kein Zufall ist. Sie ist das Ergebnis von Solidarität, von Aushandlung und von politischem Willen. Und deshalb ist es parteiübergreifend unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass der Wandel nicht spaltet, sondern stärkt.

Ich bin froh über jedes Engagement innerhalb der demokratischen Parteien, die diesen Grundsatz teilen. Vielen Dank auch für Ihre klaren Worte, Herr Lechner, zur „Teilzeit-Debatte“.

Und ich danke allen, die sich dafür einsetzen, dass soziale Sicherheit und wirtschaftliche Transformation gemeinsam gedacht, statt gegeneinander ausgespielt zu werden. Denn am Ende gilt: Die Zukunft der Arbeit wird nicht einfach passieren. Sie wird gestaltet – hier, heute und gemeinsam.

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