Lena Nzume: Rede zum Rot-Grünen Antrag zur Lehrkräfteausbildung

Rede Lena Nzume© Plenar TV

TOP 25 - Zukunftssichere Lehrkräfteausbildung gestalten - den Vorbereitungsdienst stärker auf schulpraktische Anforderungen der inklusiven Schule ausrichten!

- Es gilt das gesprochene Wort -

Ich erinnere mich noch gut an meine Grundschullehrerin in Westerstede. Ich war acht Jahre alt, kam mit kaum einem deutschen Wort im Gepäck aus Kamerun – und diese Lehrerin hat mir nicht nur die deutsche Sprache beigebracht. Sie hat mir das Gefühl gegeben: Du gehörst dazu. Du wirst gesehen. Du kannst etwas.

Das ist Schule in ihrer besten Form. Das ist, was Lehrkräfte leisten können – wenn sie gut ausgebildet sind und wenn das System ihnen den Rücken stärkt. Genau darum geht es heute.

Der Vorbereitungsdienst ist die entscheidende Brücke zwischen Studium und Beruf. Und diese Brücke hat Risse. Viele angehende Lehrkräfte erleben den Berufseinstieg nicht als professionelle Lernphase, sondern als Belastungstest in Dauerschleife.

Der sogenannte Praxisschock ist kein Naturgesetz. Er ist das Ergebnis struktureller Defizite – die wir mit unserem Antrag beheben werden. Aber ich möchte heute auch klar benennen, was hinter diesen Strukturen steckt. Was Referendar*innen mir berichten – und was der Verein „Rettet das Ref" seit Jahren dokumentiert und öffentlich macht.

Viele junge Lehrkräfte berichten sehr offen, dass sie sich fachlich gut vorbereitet fühlen – und zugleich erleben, dass der schulische Alltag Anforderungen mit sich bringt, auf die das Studium sie nur begrenzt vorbereitet hat. Und statt dort aufgefangen zu werden, werden sie allein gelassen.

Es geht um psychischen Druck als Dauerzustand – durch das permanente Gefühl, beobachtet und bewertet zu werden. Um eine Angstkultur in Seminaren, in denen man sich nicht traut, Fehler zu machen – obwohl Fehler machen das Wesen jeder Lernphase ist. Um starre Hierarchien, die Kritik ersticken und Entwicklung verhindern.

Und es geht um etwas, das mich besonders beschäftigt: willkürliche Bewertung. Das müssen wir ändern. Zu viele bleiben im Referendariat auf der Strecke. Nicht weil sie schlechte Lehrkräfte wären – sondern weil das System sie nicht trägt. Weil niemand zuständig ist, wenn es schiefläuft. Weil es kein fest verankertes Beschwerdemanagement gibt.

Wer heute Willkür erlebt, wer psychisch unter Druck gerät, wer in eine unhaltbare Ausbildungssituation kommt – der findet keine verlässliche Anlaufstelle. Keine verbindlichen Verfahren. Keinen Schutz.

Das werden wir ändern: Ein wirksames, niedrigschwelliges Beschwerdemanagement muss her – unabhängig, verbindlich, schützend.

Und wir brauchen einheitliche Ausbildungsstandards in allen Studienseminaren Niedersachsens. Es kann nicht sein, dass die Qualität der Ausbildung davon abhängt, wo man sein Seminar absolviert. Gleiche Regeln für Unterrichtsbesuche – ihre Anzahl, ihre Struktur, ihre Bewertung. Klare, nachvollziehbare Kriterien bei der Notengebung. Transparenz von Anfang an.

Dazu brauchen wir eine systematische Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung in den Studienseminaren – regelmäßige Befragungen der Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst, konsequente Auswertung, ehrliche Weiterentwicklung. Kein Alibi-Monitoring, das einmal erhoben und dann in der Schublade verschwindet. Sondern ein dauerhaftes, strukturiertes System.

Was nicht gemessen wird, wird nicht verbessert. Und was nicht verbessert wird, kostet uns Lehrkräfte – die wir dringend brauchen. Die Zahlen sprechen für sich: Trotz akutem Lehrkräftemangel gehen die Teilnehmendenzahlen im Vorbereitungsdienst zurück. Das ist ein lautes Signal, dass die Rahmenbedingungen nicht stimmen.

Jetzt ist die Zeit für Veränderung. Und dann gibt es jene in diesem Haus, die behaupten, die Probleme unserer Schulen ließen sich lösen, indem man Inklusion rückabwickelt, Diversität als Bedrohung darstellt und Lehrkräfte auf Drill und Disziplin reduziert.

Meine Damen und Herren von der AfD: Ihre Antwort auf den Lehrkräftemangel ist Nostalgie. Ihre Bildungspolitik ist postfaktisch. Sie ignorieren, was Wissenschaft und Praxis seit Jahren zeigen: dass Inklusion funktioniert, wenn sie richtig unterstützt wird. Dass Mehrsprachigkeit eine Stärke ist, keine Schwäche. Dass Kinder keine homogene Masse sind, die man nach einem Schema von 1933 unterrichten kann.

Zukunftsfeindlichkeit ist kein Bildungskonzept. Und Angstmache ist keine Pädagogik.

Was brauchen wir stattdessen?

Ich bin Soziologin und habe als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Oldenburg gearbeitet. Ich kenne Bildungsinstitutionen von innen. Und ich weiß: Strukturen können Menschen stärken – oder sie systematisch ausbremsen.

Deshalb fordern wir konkret:

Erstens: Kohärenz. Studium, Vorbereitungsdienst und Berufseinstieg müssen endlich als zusammenhängender Prozess gedacht werden – mit verbindlichen Übergängen, aufeinander abgestimmten Inhalten und enger Zusammenarbeit zwischen Hochschulen, Seminaren und Ausbildungsschulen. Der Praxisschock entsteht auch, weil diese drei Phasen bisher nebeneinander existieren statt ineinander zu greifen.

Zweitens: Echtes Lernen im Referendariat. Weniger Leistungsdruck, mehr Reflexion. Peer Learning, Team-Teaching, Video-Feedback, Coaching, Hospitationen bei Ausbilder*innen. Rollenspiele und Unterrichtssimulationen statt einsamer Vorbereitung. Der Vorbereitungsdienst soll ein kontinuierlicher Professionalisierungsprozess sein – kein Prüfungsmarathon.

Drittens: Inklusion und Diversität ins Zentrum. Diagnostik, Deutsch als Zweitsprache, diskriminierungskritische Ansätze, Mehrsprachigkeit, Bildung für nachhaltige Entwicklung, Demokratiebildung, Digitalisierung – das sind keine Randthemen. Das ist die Realität unserer Schulen. Unsere Lehrkräfteausbildung muss endlich aufholen.

 

Viertens: Modernere Prüfungsformate. Die schriftliche Hausarbeit gehört abgeschafft. Kein Mensch wird ein besserer Lehrer, weil er nachts eine Hausarbeit schreibt, die kein Kind je lesen wird. Stattdessen brauchen wir Formate, die professionelles Handeln in seiner ganzen Breite zeigen: inklusiven Unterricht, selbstorganisierte Lernphasen, Teamarbeit, differenzierendes Unterrichten. Und Prüfungsformate müssen auch alternative Unterrichtssettings abbilden können – über die klassische Einzelstunde hinaus.

Fünftens: Starke, qualifizierte Ausbildende. Fachleiter*innen, Mentor*innen müssen fundiert qualifiziert, systematisch weitergebildet und als eigenständiges Berufsbild anerkannt werden. Sie begleiten Referendar*innen täglich – ihr Blick auf die Leistungen ist unersetzlich. Deshalb wollen wir ihre Mitverantwortung bei der Bewertung stärken. Und Ausbildungsschulen – gerade im ländlichen Raum – müssen gezielt unterstützt werden.

Sechstens: Eine verbindliche Berufseinstiegsphase. Das Ende des Referendariats darf nicht das Ende der Begleitung sein. Verlässliche Strukturen der schulischen Einarbeitung, qualifiziertes Mentoring, Fortbildungsangebote und moderierte Reflexionsformate – das brauchen Berufseinsteiger*innen, um langfristig im Beruf zu bleiben und zu wachsen.

Ich spreche hier nicht nur als Bildungspolitikerin. Ich spreche als jemand, die weiß, was eine gute Lehrerin im Leben eines Kindes bewegen kann. Und als jemand, die weiß, wie viel schief gehen kann, wenn das System Lehrkräfte allein lässt.

Zu viele brechen das Referendariat ab – nicht, weil sie den Beruf nicht lieben, sondern weil das System sie nicht trägt. Das ist eine Verschwendung von Talent, von Herzblut, von Menschen, die unsere Kinder brauchen.

Und es führt am Ende dazu, dass wir nicht diejenigen als Lehrkräfte haben, die wirklich für den Job und für die Kinder brennen – sondern diejenigen, die dem Druck standgehalten und sich am besten angepasst haben.

Das ist nicht hinnehmbar. Und das werden wir ändern. Niedersachsen hat sich zu einer grundlegenden Reform verpflichtet. Dieser Antrag ist ein konkreter, evidenzbasierter, mutiger Schritt auf diesem Weg.

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