Aktuelle Stunde:Lena Nzume: Rede zum Innovationsvorhaben Berufsfachschule Dual (Aktuelle Stunde CDU)

Rede Lena Nzume© Plenar TV

TOP 19b: Streitfall BFS Dual - Ministerin verspielt weiter Vertrauen und Rückhalt

- Es gilt das gesprochene Wort -

Anrede,

ich danke der CDU-Fraktion für die Einbringung der Aktuellen Stunde zu einem Thema, das viele Schulen, Lehrkräfte, Betriebe, Eltern und vor allem junge Menschen unmittelbar betrifft: das Innovationsvorhaben Berufsfachschule dual – kurz BFS dual.

Lassen Sie mich gleich zu Beginn klar sagen: Ja, es gab rechtliche Fragen und deutliche Rückmeldungen aus der Praxis, die ein entschlossenes Handeln unserer Kultusministerin erforderlich gemacht haben. Die nun vorgenommenen Anpassungen betreffen sowohl organisatorische als auch pädagogische Aspekte. Sie sind nicht Ausdruck eines Scheiterns, sondern einer verantwortungsvollen Kurskorrektur.

Gleichzeitig bleibt das zentrale Anliegen der BFS dual bestehen: Jugendlichen ohne Ausbildungsplatz eine echte Perspektive zu eröffnen. Sie sollen die Chance erhalten, ihre Interessen zu erkunden, berufliche Ziele zu entwickeln und gut vorbereitet in eine Ausbildung zu starten. Gerade junge Menschen, die noch Orientierung suchen oder sich nicht frühzeitig festlegen möchten, brauchen ein verlässliches Angebot mit klarer Struktur und individueller Begleitung.

Seit dem Schuljahr 2022/2023 wird BFS dual als Innovationsvorhaben erprobt. Von Anfang an war deutlich, dass es sich um ein ergebnisoffenes Modell handelt. Evaluation und Weiterentwicklung gehören daher zum Konzept.

Die jetzt vorgenommenen Änderungen sind wesentlich:

Erstens wird der bisherige F-Strang in eine Klasse 11 der Fachoberschule überführt. Damit wird die KMK-Konformität hergestellt, werden berufsbezogener und allgemeinbildender Unterricht sinnvoll verbunden und wird die Durchlässigkeit im System gestärkt. Doppelstrukturen werden vermieden, Anschlussmöglichkeiten verbessert.

Zweitens erhalten die Schulen mehr Flexibilität bei der Ausgestaltung der Orientierungs- und Praxisphasen. Das ist entscheidend, um die Anerkennung als erstes Ausbildungsjahr zu ermöglichen und die Zusammenarbeit mit Betrieben praktikabel zu gestalten.

Drittens wird das Beratungs- und Coachingangebot verbindlich mit mindestens zwei Wochenstunden verankert. Diese individuelle Begleitung ist kein Zusatz, sondern Kernbestandteil des Konzepts. Sie unterstützt junge Menschen dabei, realistische Entscheidungen zu treffen und ihren Weg selbstbewusst zu gehen.

Ein zentrales Element bleibt die schulindividuell gestaltete Orientierungsphase zu Beginn des Schuljahres. In zwei bis vier Wochen erhalten die Schülerinnen und Schüler Einblicke in verschiedene Fachrichtungen, reflektieren ihre Stärken und entwickeln berufliche Vorstellungen. Diese Phase schafft Klarheit, bevor verbindliche Entscheidungen getroffen werden.

Es gibt allerdings auch einen schmerzlichen Punkt: Die Möglichkeit für Schülerinnen und Schüler mit Hauptschulabschluss, den Realschulabschluss um ein Jahr verkürzt zu erwerben, kann nicht fortgeführt werden. Diese Entscheidung ist notwendig, um die Rechtssicherheit der Abschlüsse zu gewährleisten. Bildungspolitik muss immer auch verlässliche Rahmenbedingungen garantieren.

Meine Damen und Herren,

der Grundgedanke des Projekts ist richtig. Frühzeitige Orientierung, enge Verzahnung von Theorie und Praxis und eine stärkere Verbindung zwischen Fachoberschule und beruflicher Bildung sind zeitgemäße Antworten auf die Herausforderungen des Fachkräftemangels. Unsere Wirtschaft braucht qualifizierte Nachwuchskräfte, und junge Menschen brauchen transparente Bildungswege.

Dennoch müssen wir selbstkritisch bleiben. Aus der Praxis wurden zwei zentrale Kritikpunkte immer wieder benannt: die Ausgestaltung der Praxisphasen und die Kommunikation. Rückmeldungen aus den Schulen zeigen, dass Informationen nicht überall rechtzeitig und eindeutig angekommen sind. Insbesondere der Zeitpunkt der Information kurz vor dem Ende von Bewerbungsfristen hat zu Unsicherheit geführt. Das ist nachvollziehbar und darf sich so nicht wiederholen.

Es war richtig, jetzt nachzusteuern. Komplexe bildungspolitische Prozesse erfordern juristische Prüfung, Abstimmung mit der KMK und fachliche Klärung. Das braucht Sorgfalt. Gleichzeitig müssen wir schneller und transparenter kommunizieren, wenn Veränderungen anstehen.

Wichtig ist: BFS dual wird nicht eingestellt. Das Modell wird weitergeführt und auf Grundlage der bisherigen Erfahrungen gezielt weiterentwickelt. Für bereits angemeldete Schülerinnen und Schüler entstehen keine Nachteile. Ihre Bildungswege bleiben gesichert.

Ebenso klar ist: Das weiterentwickelte Konzept erfüllt die KMK-Vorgaben und stärkt die Gestaltungsspielräume der Schulen. Die Anerkennung von Praxisanteilen wird praktikabler geregelt, die Strukturen sind rechtssicher, die pädagogischen Ziele bleiben erhalten.

Jetzt geht es darum, Vertrauen zurückzugewinnen. Das gelingt durch offene Kommunikation, transparente Entscheidungen und echte Beteiligung der Schulen. Geplante Dienstbesprechungen und regionale Konferenzen sind dafür ein wichtiger Schritt. Die Schulen haben viel Engagement investiert. Sie verdienen Planungssicherheit und Wertschätzung.

Meine Damen und Herren,

Reformen verlaufen selten ohne Korrekturen. Entscheidend ist, wie wir mit Herausforderungen umgehen. Wenn wir bereit sind, Kritik ernst zu nehmen, Fehler zu benennen und tragfähige Lösungen zu entwickeln, dann stärken wir unser Bildungssystem.

Am Ende steht nicht die Struktur im Mittelpunkt, sondern der junge Mensch. Es geht um Perspektiven, um Chancen, um gelingende Übergänge in Ausbildung und Beruf. Dieser Verantwortung sollten wir uns gemeinsam stellen – sachlich, konstruktiv und mit klarem Blick nach vorn.

Vielen Dank.

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