Veranstaltungsbericht
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Plan Bee für Bienen!

Imkerei-Fachtagung am 8. Oktober in Uelzen

Um den Schutz der Honigbiene ist es schlecht bestellt: Lebensraumverlust, Umweltgifte und Parasiten machen ihr schwer zu schaffen. Am 8. Oktober 2017 luden wir deshalb zur Imkerei-Fachtagung 'Plan Bee für Bienen' ein. Mit dabei waren die Abgeordneten Christian Meyer, Miriam Staudte, Hans-Joachim Janßen und Heiner Scholing. Gemeinsam mit vielen Interessierten, dem Imkerverein Wendland e.V. (Initiator der Veranstaltung) und weiteren ImkerInnen sowie NaturschutzvertreterInnen diskutierten wir über die Verbesserungsmöglichkeiten beim Schutz der Honigbiene.

Begrüßung – Miriam Staudte, Landtagsabgeordnete

Miriam Staudte, Landtagsabgeordnete von Bündnis 90 / Die Grünen im Niedersächsischen Landtag, begrüßt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Auf dieser Tagung soll es nicht nur um einzelne Maßnahmen wie Blühstreifenprograme gehen, sondern um die Frage, wie die Interessenvertretung der Honigbiene und der Imkerei strukturell verbessert werden kann.

Thomas Mitschke: „Die Biene, unser wichtigstes Nutztier in Not – Ursachen und Hintergründe“

Thomas Mitschke, Vorsitzender vom NABU Lüneburg, stellt die Gefahren für die Biene und den damit einhergehenden Biodiversitätsverlust heraus. Alle Bienenarten Deutschlands – ca. 500 – sind in Gefahr. Ihre Nahrungsgrundlage – Stichwort: grüne Wüste – wird immer knapper; nach der Rapsblüte bricht sie vielfach förmlich zusammen. Dazu kommt die schleichende Vergiftung durch Ackergifte. Intensive Landwirtschaft und Flurbereinigung haben eine massive Verödung der Feldflur mit sich gebracht. Nicht selten beobachten wir eine Sterblichkeitsrate der Bienen zwischen 50 und 90 Prozentdurch die ausgebrachten Nervengifte.  
Von 690 Biotoparten in Deutschland sind 72 Prozent akut gefährdet. Selbst in Arealen ohne wirtschaftliche Zwänge führt ein völlig falsches Verständnis von Ordnung und Sauberkeit zu häufigem Mähen, falscher Bepflanzung usw. Motto: „Schön ist, was sauber ist“. Die Gesellschaft ist gleichgültig geworden; Anderes ist einfach wichtiger.  
An sich gibt es in Deutschland ein recht umfassendes Umweltrecht; es könnte einen geradezu idealen Rahmen auch für den Schutz der Bienen bilden. Aber: Auch die schönsten Gesetze bewirken nichts, wenn sie nicht vollzogen werden. Solche Veränderungen sind politisch nicht gewollt; Fachpläne werden kaum umgesetzt, Sanktionen bleiben aus, Kompensationen bleiben rudimentär. Fehlendes Personal ist ein wirksames Instrument zur Verkürzung und Verweigerung.  
Daher: Die Imker müssen ihre Belange eigenständig vertreten und zur Not auch auf die Straße gehen. Ohne einen klaren Kurswechsel auf allen Ebenen ist der Biodiversitätsverlust auf allen Ebenen nicht mehr aufzuhalten.

Christian Meyer: „Bienenfreundliche Landschaften“

Christian Meyer, ehem. niedersächsischer Landwirtschaftsminister & Träger des Goldenen Stachels, sagt, Niedersachsen leite in der Landwirtschaft eine Wende ein. Die Biene, das wichtigste Nutztier des Menschen, ist wichtiger als Rind und Schwein. Daher die Initiative: „bunte Städte“, weniger Ordnungsfanatismus. Was die Nervengifte angeht, brauchen wir eine Umkehr der Beweislast. Niedersachsen hat einen „Imkerbonus“: Landwirte erhalten Zuschuss, wenn sie mit Imkern kooperieren. Ein grundlegender Wandel beim Flächenverbrauch ist erforderlich – zur Zeit etwa 70 ha pro Tag; hier müssen wir auf Null kommen.

Uschi Herzog: „Thesen zur erheblichen Verbesserung des Rechtsstatus der Biene“ (Vortrag von Summerer/Knaak)

Die rechtlichen Regelungen zum Schutz der Biene sind über weite Strecken kaum über den Stand der 20iger Jahre des 20. Jahrhunderts hinausgekommen. Angesichts der enormen Veränderungen in Landschaft und Agrarstruktur ist das fast schon grotesk. Um 1920 war die Welt für die Biene im Wesentlichen noch in Ordnung. Es gab ausgedehnte, nicht oder kaum gedüngte Landstriche, die keine oder nur kurzzeitige Trachtlücken entstehen ließen und es gab vor allem keine systemisch wirkende chemische Präparate, die die Bienen bis ins Erbgut hinein schädigen können. Während sich Landschaft und Agrarstruktur fast völlig verändert haben, ist der Schutz der Bienen mehr oder weniger auf Steinzeitniveau verblieben.
Den vermachteten Interessen der industrialisierten Landwirtschaft treten die Imker eher als Bittsteller denn als Partner gegenüber, zumal sie selbst nicht gelernt haben, die Probleme ihrer Bienen im gesamtgesellschaftlichen Kontext zu sehen. Wie auch das Celler Institut für Bienenkunde argumentieren sie anlassbezogen anstatt ursachenbezogen.
Die Bienenhaltung gleicht heute einem Risikospiel. Wenigen unterfinanzierten Imkern überlassen wir das Überleben einer existenziell wichtigen Tierart. Industrie, Verkehr, Städtebau und Landwirtschaft entziehen den Bienen nicht nur Lebensraum und Nahrungsgrundlagen, sondern setzen sie fortwährend lebensgefährlichen Schadstoffen aus. Dazu gehören vor allem die Nervengifte, mit denen Nahrungsmittelpflanzen behandelt werden.
Dem enormen Nutzen der Honigbiene entspricht kein angemessenes Instrumentarium für ihre Erhaltung und Förderung. Bisherige Fördermaßnahmen sind vollkommen unzureichend. Der Schutz der Biene ist ein exemplarischer öffentlicher Belang, der uns alle angeht und zu dem wir alle unseren Beitrag leisten können, ja müssen. Jeder Gartenbesitzer kann seinen Garten bienenfreundlich anlegen, jeder Landwirt seinen Betrieb auf ökologischen Landbau umstellen, jede Kommune die öffentlichen Flächen so bepflanzen, dass sie als Bienenweide taugen. Und sie kann den Bienenschutz in die Flächennutzungs- und Bauleitplanung einbringen. 
Die Wahrnehmung des Vertretungsrechts für Bienen muss beim Imker liegen. Das Schutzgut Biene braucht einen Sonderstatus, über den Imker und Umweltschutz gemeinsam befinden sollten. Zunächst könnte das vor allem über die Umweltverträglichkeitsprüfung und die Bauleitplanung laufen. Dadurch würde Zeit gewonnen, eine Atempause für Biene und Imker. Langfristig muss eine Agrarwende kommen. Da für sie die Mittel des Rechts nicht ausreichen, ist eine gesamtgesellschaftliche Umorientierung unabdingbar. Den dafür notwendigen tiefgreifenden Bewusstseinswandel wollen wir mit allen Kräften unterstützen.

Ursula Dix: „Die ursprüngliche Honigbiene als Chance für die Natur“

Die Dunkle Biene (Apis mellifera mellifera lehzenii) ist die autochthone (also heimische) Biene in Mitteleuropa. Sie war die vorherrschende Bienenart in Norddeutschland, bis sie von der aus Kärnten eingeführten Carnica (Apis mellifera carnica) verdrängt worden ist. Als eine extrem gefährdete Art wurde die Dunkle Biene in die Rote Liste der gefährdeten Nutztiere aufgenommen. Die Dunkle Biene besetzt als einzige Biene alle Ökonischen in gegenseitiger Anpassung an Flora und Fauna. Sie besucht und bestäubt ein signifikant größeres Spektrum an heimischen Blütenpflanzen als die Vergleichsrassen Carnica, Lingustika und Capensis. Dadurch leistet sie einen besonders großen Beitrag zur Erhaltung der Artenvielfalt in der Feldflur.
Die Dunkle Biene ist robuster als die Carnica, denn sie kann sich an veränderte Umweltbedingungen besser anpassen (Einstellung der Brut bei Nahrungsmangel, längeres Durchhalten in Trachtlücken, Flugfähigkeit bei niedrigeren Temperaturen). Die Wiedereinführung der Dunklen Biene geht voll und ganz zu Lasten der damit befassten Imker. Sie betreiben eine reine Erhaltungszucht und liefern damit in noch stärkerem Maße als die Honig entnehmenden Imker einen großen Nutzen für die Allgemeinheit. Das kann und darf es nicht länger zum Nulltarif geben.

Fotos der Tagung

Umweltinstrumente

Es muss eine Beteiligungskultur für und von Imkern geschaffen werden; Beteiligung bei allen flächenhaften Eingriffen in Natur und Landschaft. Zu den wichtigsten Teilthemen gehörten dabei:

  • Anwendung und Weiterentwicklung des rechtlichen und politischen Rahmens,
  • Anerkennung und Durchsetzung der Imkerei als wichtigen Träger öffentlicher Belange
  • Einführung eines rechtlichen Sonderstatus für die Biene
  • Beteiligung der Imker an der Flächennutzungs- und Bauleitplanung
  • Einführung des Verbandsklagerechts auch für Imkervereine analog zur Naturschutzverbandsklage
  • Aufstufung der Biene zum Leitindikator im Rahmen des BNatSchG
  • Mehr Personal für amtlichen Naturschutz, um Fachpläne, Kompensationsmaßnahmen, Nutzungsauflagen etc. umzusetzen, Einhaltung von Grundstücksgrenzen (Wegerandstreifen) zu kontrollieren, für die Beratung etc.
  • Maßnahmen: höhere Fruchtartendiversität, kein Gift in der Landschaft, Förderung Ökolandbau, Förderung gebietseigener Wildkrautflora zum Schutz spezialisierter Bienen- und Insektenarten (mehr Ackerrandstreifen/Schonstreifen)
  • Mahdhäufigkeit, -tageszeiten und –termine auf öffentlichen Flächen/Randstreifen bienenfreundlicher gestalten
  • Abbau bürokratischer Hürden für Bienenhalter*innen (vor allem in städtischen Gebieten)
  • Stärkere Vernetzung von Imkern und Umweltexperten
  • Das Geld für die Landwirtschaft muss viel stärker als das heute der Fall ist, auf die Biotope und ihre Vernetzung verteilt werden und viel weniger auf die konventionelle Flächenförderung.
  • Zurückgewinnung von Randstreifen
  • Honigbienen in FFH verankern
  • Der Imker als Anwalt der Biene muss erheblich mehr Wissen über gesellschaftliche Verhältnisse und Zwänge ansammeln.   

Agrarpolitik

  • Grundlegende Wende in der Agrarstruktur zugunsten der Bestäuberinsekten und Imkerei.
  • Die Auseinandersetzung zwischen Imkerei und den anderen Landwirten muss erheblich intensiviert werden.
  • Imkerinnen und Imker müssen selbstbewusst auf die Landwirtschaft zugehen
  • Sie sollten sich als Motor und Türöffner der Agrarwende verstehen
  • Sie müssen erfahren und mitbestimmen, wann und wo landwirtschaftliche Gifte ausgebracht werden;
  • Verschärfung Pflanzenschutzauflagen: z.B. B4-Kennzeichnung PSM ändern, bessere Kontrollen, nicht prophylaktisch Spritzen etc.
  • Blühmischungen Blühstreifen an Bienenansprüche anpassen; flexiblere Aussaattermine
  • Wegerandstreifenprogramme müssen erweitert und verbessert werden
  • Einhaltung Wegeseitenränder und Ausgleichsflächen (Ausgleichskataster)
  • Es sind Vorrangflächen für Bienen als Bestäuberinsekten zu schaffen
  • Die Umweltbildung ist in Imkerei wie in Landwirtschaft zu fördern. 
  • Vernetzung unterstützen: Informationsplattform für Imker*innen, Trachtbörse etc.
    Bieneninstitut reformieren
  • Verbraucherverhalten muss sich ändern - Mündigwerden müssen nicht nur Landwirtinnen und Landwirte, sondern auch die Konsumentinnen und Konsumenten.
  • Mehr Forschung zu nachhaltiger Landwirtschaft

Instrumente für die Dunkle Biene

  • Dunkle Biene (dunkel, da keine Streifen) oder auch Heidebiene (trotz Namen nicht auf Heideflächen angewiesen) ursprünglich vorkommende Biene in ganz Norddeutschland.
  • Es muss eine Erhöhung der Imkereiförderung geben um die Bedeutung der Imkerei für das Allgemeinwohl zu stärken und die Imkerei wirtschaftlich zu stützen.
  • Die Erhaltung der Dunklen Biene muss als rein altruistisches Unternehmen zumindest so lange gefördert werden, bis der Erfolg dieser Erhaltungszucht gesichert ist.
  • Dafür ist ein Projekt des Landwirtschaftsministeriums unabdingbar.
  • Christian Meyer schlug vor, bei weiterer grüner Regierungsbeteiligung die Dunkle Biene z.B. im Rahmen der Förderung bedrohter Haustierrassen zu unterstützen.
  • Mehr noch als andere Bienenrassen eignet sich die Dunkle Biene als Leitindikator
  • Für die Erhaltung der Artenvielfalt. Hierfür sind spezielle wissenschaftliche Programme und Methoden zu entwickeln.
  • Anstrengungen zum Erhalt der Dunklen Bienen erfolgsversprechender im Verein, als bei Einzel-personen. Wichtig wären z.B. Dorfprojekte (Beispiel Projekt auf einer Hallig in S-H), die gezielt finanziell gefördert werden sollten. Bräuchte dafür mindestens sechs Völker. GDEB würde beraten.

Fazit

Mit der Agrarwende ist auch die Imkerei im Wandel, sie darf kein reines Hobby werden, denn sie hat einen Auftrag, der die gesamte Gesellschaft angeht.

Der Zustand der Bestäuberinsekten zeigt den Handlungsbedarf, dass die Imkerei sehr viel politischer werden muss. Bisher ist nur der Deutsche Berufsimkerverband politisch aktiv. Das genügt bei weitem nicht und insbesondere der starke Deutsche Imkerbund muss sich verantwortlich fühlen. 

Dazu ist es unbedingt erforderlich, dass sich die Imkerinnen und Imker als Träger öffentlicher Belange sehen und entsprechend Druck auf die politischen Entscheiderinnen und Entscheider ausüben. Ein jetzt schon realistischer und besonders geeigneter Ansatz sind die öffentlichen Beteiligungsverfahren der kommunalen Raumordnung. 

Entsprechend muss aber auch die Gesellschaft den Imkern Raum geben und sie als Träger öffentlicher Belange anerkennen. Diesen Zweck kann sie aber nur erreichen wenn die Informationsbasis zur Wechselwirkung von Bienenhaltung und anderen gesellschaftlichen Belangen ganz erheblich verbessert wird. Hierzu sollten Imkerinnen und Imker auch Raum in den lokalen Medien einfordern.

Im Zweifel für die Bienen!