Energiesystem der Zukunft – Erneuerbar, Flexibel, Intelligent

Bericht vom Fachgespräch am 10. November 2015

Die Zukunft gehört den Erneuerbaren! Doch wie lässt sich die Versorgung sichern, auch wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht? Rund 60 Interessierte folgten der Einladung in den niedersächsischen Landtag, um darüber mit Energieexperten zu diskutieren.

Anja Piel

Die Fraktionsvorsitzende Anja Piel eröffnete die Veranstaltung mit einem Rückblick auf das Jahr 2011. Als nach der Nuklearkatastrophe in Fukushima sieben Atomkraftwerke vom Netz gingen, warnten die alten Energieversorger vor dem Zusammenbruch der Stromversorgung. Der Zusammenbruch blieb aus, doch die Umgestaltung der Energieversorgung befindet sich weiterhin in vollem Gang. Man müsse eine klare Vorstellung von der Energiezukunft haben, um den notwendigen politischen Wandel zu erreichen, so Piel. Deshalb sei das Grüne Energieszenario ein wichtiger Beitrag zur aktuellen Debatte. Die Energiewende sei möglich, wenn die Kräfte gebündelt werden.

Volker Bajus

Volker Bajus, energiepolitischer Sprecher, stellte die Eckpunkte des Grünen Energieszenarios vor. Die Energiewende sei bis zum Jahr 2040 machbar. Dafür seien vor allem erhebliche Anstrengungen zur Energieeinsparung und Effizienzsteigerung nötig. Beim Ausbau der Erneuerbaren müsse der Ausgleich zwischen ökologischen Kosten und Nutzen gelingen. Als Flächenland stehe Niedersachsen in der Verantwortung auch benachbarte Städte und Ballungszentren teilweise mitzuversorgen.

Bajus machte deutlich, dass der Umstieg auf Erneuerbare längst kein Science Fiction mehr sei. Der Anteil Erneuerbarer Energien am niedersächsischen Strommix läge schon heute bei über 40 Prozent. Die Frage sei aber, wie die Versorgungssicherheit über den ganzen Tag und das gesamte Jahr sichergestellt werden könne. Im Szenario würden dazu Annahmen zu Lastmanagement, Flexibilität und Speichern gemacht.

Christian Arnold, EWE

Christian Arnold, EWE AG, berichtet von dem Demonstrationsprojekt enera. Die Integration der Erneuerbaren befinde sich aktuell an einem entscheidenden Punkt. Die Netze in Deutschland seien sehr stabil, die bestehenden technischen Lösungen für die zukünftigen Herausforderungen jedoch nicht mehr ausreichend. Dies gelte insbesondere für die Verteilnetze. Die Rolle der Energieversorger und die gesamte Wertschöpfung im Energiebereich befänden sich aktuell im Umbruch.

In dem Projektverbund enera wolle EWE mit zahlreichen Partnern einen „Laborversuch“ für die Energiewende realisieren, dafür wurden Fördergelder des Bundeswirtschaftsministeriums beantragt. Als Modell dient eine Region in Ostfriesland, wo die Erzeugung von erneuerbarem Strom den regionalen Verbrauch bereits um 70 % übersteigt.

Bislang seien die Verteilnetze „blind“, die Netzbetreiber verfügten nur über rudimentäre Informationen, wo Strom erzeugt und verbraucht wird und wo Netzengpässe auftreten. Die Folge seien großflächige Abregelungen von Erneuerbaren-Energie-Anlagen. Mit dem Projekt enera sollen Angebot und Nachfrage durch Digitalisierung besser aufeinander abgestimmt werden. Um Netzengpässe zu vermeiden, sollen Verbraucher flexibel zu- und abgeschaltet und Speichertechnologien genutzt werden. Ein digitalisiertes Netzmanagement könne die Kosten der Energiewende reduzieren: Der Bedarf an Netzausbau werde um bis zu 70 Prozent reduziert, um Schwankungen im Netz auszugleichen werde die jeweils günstigste Flexibilitätsoption eingesetzt, was wiederum helfe, Kosten für die flächendeckende Abregelung von Erneuerbaren-Energie-Anlagen zu vermeiden.

Hendrik Sämisch, Next Kraftwerke

Hendrik Sämisch, Geschäftsführer Next Kraftwerke, stellte die Funktionsweise eines „virtuellen Kraftwerks“ vor. Sein Unternehmen sei ein Kraftwerksbetreiber ohne eigenes Kraftwerk. 2.500 vorwiegend erneuerbare Energieanlagen seien in einem Pool digital vernetzt und voll-automatisiert fernsteuerbar. Auf der Basis hochentwickelter Algorithmen werden Photovoltaikanlagen ausgeschaltet, Windräder aus dem Wind gedreht, Biogasanlagen geregelt und flexible Nutzer zu- und abgeschaltet – immer entsprechend der Preissignale des Strommarkts. Für den Kraftwerkspool gelte: Je vielfältiger, desto besser. Unterschiedliche Technologien und eine dezentrale Anlagenverteilung ermöglichen einen regionalen und technischen Ausgleich und schaffen Versorgungssicherheit.

Betreiber von Erneuerbaren Energien erzielen über diese Form der Direktvermarktung höhere Erlöse als durch das EEG, wenn gezielt zu Zeiten eingespeist wird, in denen die Strompreise hoch sind. Auch können Erneuerbare durch die Zusammenschaltung zu einem Pool am Regelenergiemarkt teilnehmen. So können Erneuerbare Energien eingesetzt werden, um die Schwankungen auszugleichen, die sie selbst am Strommarkt verursachen – und mit konventionellen Kraftwerken konkurrieren. Das reduziere die Kosten der Netzstabilisierung, das wiederum sein Produkt günstiger mache.

Beide vorgestellten Konzepte basieren auf intelligenter Steuerung, die die Erfassung und Verarbeitung riesiger Datenmengen voraussetzt. „Big Data“ werde zum Antreiber und Garanten der Energiewende. Dabei müssen aber noch viele Sicherheitsfragen und insbesondere Datenschutzaspekte geklärt werden.

Diskussion Energieszenario

In der anschließenden Diskussion ging es unter anderem um die Fragen, wie ein Energiesystem mit einem Anteil von 75 bis 100 Prozent Erneuerbaren funktionieren kann, welche Rolle Speicher zukünftig spielen und wie die Wende auch für die Bereiche Wärme und Transport gelingen kann.

Sämisch zeigte sich optimistisch, dass technische Fortschritte die Entwicklung von Speichertechnologien voranbringe. Im Kraftwerkspool von Next Kraftwerke würden aktuell bereits die kurzfristigen Speichermöglichkeiten von Biogasanlagen genutzt. Demnächst sollen auch Batterien aufgenommen werden, die sehr schnell regelbar sind. Auch die technischen Möglichkeiten von Power-to-X wurden diskutiert. Arnold verwies darauf, dass EWE als Gasversorger bereits eine Pilotanlage in Werlte betreibe. Das Gasnetz sei träger als das Stromnetz und biete sich als Speichermöglichkeit an. Hier erwarte er jedoch keinen Durchbruch in den nächsten zehn Jahren, interessanter seien die Potentiale von Hybrid-Speichern.

Umstritten war das Thema Mobilität. Tesla und Google wurden als Innovatoren bei der Elektromobilität genannt. Möglicherweise führe die aktuelle Krise aber zu einem Innovationsschub bei den etablierten Unternehmen. Gefordert wurde aber auch, auf ein völlig anderes Mobilitätsmodell zu setzen – weg vom Individualverkehr und dem Auto als Statussymbol, hin zum nutzerfreundlichen und emissionsfreien ÖPNV.

Hinterfragt wurde auch das Effizienz-Ziel des Grünen Szenarios. Es gebe viele Smart-Home-Produkte, die sich bislang jedoch nicht durchsetzen konnten. Der Mehrwert sei für die Nutzer nicht groß genug. Wenn saubere Energie zukünftig immer zur Verfügung steht, müsse genau geprüft werden, wo sich Effizienz rechnet.

 

Zur Frage nach dem zukünftigen Marktmodell stellte Arnold fest, dass die Entwicklung eines neuen Marktdesigns nicht warten könne, bis ein Erneuerbaren-Anteil von 75 Prozent erreicht ist. Zuletzt sei der Rechtsrahmen in immer kürzeren Abständen überarbeitet worden, was zeige, dass es ein grundlegendes Problem, aber keine schlüssiges Lösungskonzept gebe. Deshalb seien Pilotprojekte notwendig. Perspektivisch brauche es einen neuen ökonomischen Ansatz, mit dem Erneuerbare im Markt stehen können. Ein EEG sei dann nicht mehr notwendig.

Nach Einschätzung von Sämisch ist die Schlacht der Erneuerbaren weltweit gewonnen. In einigen Jahren würden aus Kostengründen nur noch Erneuerbare gebaut. Das geplante Ausschreibungsmodell für Erneuerbare schaffe zusätzliche Risiken und biete lediglich großen und etablierten Anbietern bessere Chancen. Die dezentrale Energiewende ließe jedoch nicht mehr zurückdrehen. Heute könne jeder kleine Akteur eine eigene Anlage bauen.

Zum Abschluss formulierten die Referenten ihre Erwartungen an die Politik. Beide sprachen sich für markt- und bedarfsorientierte, technologieoffene Lösungen aus, um Innovationen zu fördern. Es brauche klare Anreize für die Bereitstellung von gesicherter und flexibler Leistung. Der Markt müsse aber klar reguliert bleiben, um netzschädliches Verhalten auszuschließen.